Neue Argumente für Erdogans Militäroperation in Syrien?

Festnahmen nach Anschlag in Istanbul – und Zweifel an der Darstellung der Regierung

Eine Frau lehnt sich im Rahmen einer Beerdigung über den Sarg eines der Opfer des Anschlags.

Eine Frau lehnt sich im Rahmen einer Beerdigung über den Sarg eines der Opfer des Anschlags.

Berlin. Am Tag nach dem tödlichen Anschlag auf der Istanbuler Einkaufsmeile Istiklal Caddesi veröffentlichen die türkischen Sicherheits­behörden ein Video von der Festnahme der Verdächtigen. Die unter anderem vom Staatssender TRT verbreiteten Aufnahmen zeigen schwer bewaffnete Polizisten, die in eine Wohnung eindringen. Nach dem Schnitt liegt die Verdächtige auf dem Boden, ihre Hände sind mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt.

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Mit nach unten gedrücktem Kopf werden sie und andere Fest­genommene abgeführt. Ein später aufgenommenes Foto zeigt die verstört wirkende junge Frau in der Polizeiwache zwischen zwei türkischen Flaggen, sie trägt Sandalen und einen lila Kapuzenpulli mit New-York-Aufschrift.

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Das Video soll Entschlossenheit im Kampf gegen den Terrorismus ausstrahlen, Gleiches gilt für den Aufritt von Innenminister Süleyman Soylu am Montag­morgen am Anschlagsort. Mitten im Stadtzentrum wurden am Sonntag sechs Menschen getötet und mehr als 80 weitere verletzt. Die festgenommene Frau wird verdächtigt, die Bombe gelegt zu haben, nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu handelt es sich bei ihr um eine 23‑jährige Syrerin.

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Soylu macht die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK und deren syrischen Ableger PYD für die Bluttat verantwortlich. Und er sagt, der Befehl für den Anschlag sei aus der nordsyrischen Kurden-Hochburg Kobane gekommen.

Viele Fragen offen

Nach der Tat, zu der sich zunächst niemand bekannt hat, sind viele Fragen offen. Die PKK streitet eine Beteiligung ab. Die PKK-Splittergruppe TAK hat besonders in den Jahren 2015 und 2016 Anschläge in westtürkischen Metropolen verübt. Sie nahm dabei zwar zivile Opfer billigend in Kauf, vorrangiges Ziel waren aber Sicherheitskräfte. Der Anschlag vom Sonntag inmitten einer belebten Fußgängerzone richtete sich offenkundig gegen Zivilisten. Unklar ist zudem, warum vor allem die PYD ausgerechnet jetzt Bomben legen sollte. Auch die Terrormiliz IS hat in der Vergangenheit Anschläge in türkischen Metropolen verübt.

„Man kann nur spekulieren“, sagt der Türkei-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Günter Seufert, dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) über mögliche Drahtzieher. „Die Türkei setzt in Syrien sowohl die Kurden als auch den ‚Islamischen Staat‘ militärisch unter Druck.“ Seufert meldet Zweifel an der offiziellen Darstellung an. „Die türkische Regierung kündigt seit Monaten an, bald in Kobane, das von der PYD gehalten wird, einzumarschieren, und hat das bisher nur aufgrund des Widerstandes von Russland und den USA unterlassen“, sagt der Experte.

„Während türkische Sicherheitskräfte auch den ‚Islamischen Staat‘ (IS) als möglichen Täter nicht ausschließen, spricht der Innenminister sofort und ausschließlich von der PKK und ihrem syrischen Ableger, der PYD. Mehr noch, er macht die USA direkt für den Anschlag verantwortlich, weil sie die syrischen Kurden gegen den ‚Islamischen Staat‘ unterstützen.“

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ISTANBUL, TURKEY - NOVEMBER 14: Nurettin Ucar father of Yagmur Ucar 15 year old victim of the Sunday's blast that took place on Istanbul's famous Istiklal Street, grieves during a funeral ceremony of his wife and daughter on November 14, 2022 in Istanbul, Turkey. Turkish officials have said a woman was arrested in connection with yesterday's bombing. They alleged she was seen sitting on a bench for 40 minutes and leaving just before the blast. (Photo by Burak Kara/Getty Images)

ISTANBUL, TURKEY - NOVEMBER 14: Nurettin Ucar father of Yagmur Ucar 15 year old victim of the Sunday's blast that took place on Istanbul's famous Istiklal Street, grieves during a funeral ceremony of his wife and daughter on November 14, 2022 in Istanbul, Turkey. Turkish officials have said a woman was arrested in connection with yesterday's bombing. They alleged she was seen sitting on a bench for 40 minutes and leaving just before the blast. (Photo by Burak Kara/Getty Images)

Soylu ging am Montag so weit, die Kondolenzwünsche der amerikanischen Botschaft zurückzuweisen. In der Türkei sind die PYD und ihre Miliz YPG ebenso wie die PKK als Terror­organisationen eingestuft – die Regierung Ankara macht keinen Unterschied zwischen den Gruppen. In den USA steht zwar die PKK auf der Liste der Terrorgruppen, nicht aber die PYD und die YPG – Letztere sind aus Sicht Washingtons Partner im Kampf gegen die Terrormiliz ‚Islamischer Staat‘ in Syrien.

Argument für neue Militäroperation?

Der Terroranschlag vom Sonntag könnte dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nun ein Argument für eine weitere Militär­operation gegen die Kurden in Nordsyrien liefern. „Der Anschlag erleichtert es der Regierung, eine erneute Intervention in Syrien international zu rechtfertigen. Deshalb macht ein solcher Anschlag für die Kurden in Syrien keinen Sinn“, sagt Seufert.

Behörden nehmen Verdächtigen nach Bombenanschlag in Istanbul fest

Nach dem Anschlag in Istanbul am Sonntag ist ein mutmaßlicher Bombenleger nach offiziellen Angaben festgenommen worden.

Nicht nur in der Außenpolitik könnte die Regierung den Anschlag zur Rechtfertigung heranziehen – im kommenden Jahr wird in der Türkei gewählt. Seufert sagt: „Innenpolitisch kann sich die Regierung auf den Anschlag berufen, wenn sie ihre Politik verstärkt, die prokurdische Partei HDP weiter an den Rand zu drängen und sie mit Terroristen gleichzusetzen.“

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Auftakt einer neuen Anschlagsserie?

Auch der Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei, Kristian Brakel, ist skeptisch, was die Darstellung der Regierung angeht. Bei der Anschlagsserie 2015/2016 habe die PKK eine klare Motivation gehabt, die Lage zu eskalieren, sagt er dem RND. „Der Friedens­prozess mit der türkischen Regierung war kollabiert, man sah sich auf der Gewinnerspur in Syrien und im Irak, wo die PKK durch den Kampf gegen den IS großes Renommée in den USA und Europa erworben hatte, da hoffte man auf internationale Unterstützung auch für den Kampf in der Türkei. In der aktuellen Lage finde ich es schwierig nachzuvollziehen, aus welcher Motivation die PKK operieren sollte.“

In der Millionenmetropole Istanbul hat der Anschlag mitten im Stadtzentrum jedenfalls bittere Erinnerungen geweckt. „Wenn man hier mit den Menschen spricht, erinnert der Anschlag viele an die Terrorserie 2015/2016“, sagt Brakel. „Alle wären sehr froh, wenn es ein Einzelfall bliebe. Aber es gibt Befürchtungen, dass es der erste einer ganzen Reihe von Anschlägen sein könnte.“

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