„Putin: Fuck off“

Bombengrüße an die russischen Invasoren

Die Gründer der NGO „Boomboard“, die Spenden für Bomben mit personalisierten Sprüchen sammeln.

Die Gründer der NGO „Boomboard“, die Spenden für Bomben mit personalisierten Sprüchen sammeln.

Kiew. Eine Textnachricht zum Aufdruck auf die ukrainische Drohnenbombe kostet umgerechnet 28 Euro, ein Aufkleber auf dem Sprengkörper ist ab 111 Euro zu haben. Wer den russischen Besatzern explosive „VIP-Grüße“ zukommen lassen will, ist mit 665 Euro Spende dabei – dafür kann der gesamte Bombenmantel nach individuellen Wünschen gestaltet werden. Geworben wird für diese Option so: „Bringen Sie den Russen mit Hilfe einer Bombe alle Ihre Gefühle zum Ausdruck.“ Hinter der Initiative stecken junge Freiwillige der Organisation Frontline Care (auf Deutsch in etwa Frontfürsorge), die die Bombenteile in Kiew weitgehend am 3-D-Drucker herstellen und den ukrainischen Streitkräften liefern. Transportiert werden die Bomben dann von Kampfdrohnen, die sie über russischen Stellungen abwerfen.

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Das Crowdfundingprojekt trägt den Namen „Boomboard“ – boom steht phonetisch für eine Explosion, board ist das englische Wort für eine Tafel, an die man schreiben kann. Frontline Care geht auf Liubov Halan zurück. Die 26-jährige Ukrainerin hatte vor Kriegsbeginn im Februar für die Vereinten Nationen gearbeitet. Danach begann sie, Spenden zu sammeln, um Soldaten im Kampf gegen die russischen Truppen etwa mit Uniformen, Socken oder Schuhen auszustatten. „Im Sommer haben wir dann gemerkt, wie wichtig die Frage der Drohnen ist“, sagt sie. Eine Kreativagentur half dabei, „Boomboard“ aus der Taufe zu heben, ohne dafür Geld zu nehmen.

Drohnen sind „spottbillig“

Frontline Care kooperiert mit dem ukrainischen Drohnenhersteller UA Dynamics, bei dem Veteranen die unbemannten Flugzeuge vom Typ „Punisher“ entwickelt haben, die wiederum die „Boomboard“-Bomben abwerfen. Die Drohnen könnten 45 Kilometer tief ins Feindesland fliegen, also in Regionen, wo kaum mit ihnen gerechnet werde, sagt UA-Dynamics-Ingenieur Yevhen Balatsev. Die für den Gegner nur schwer ortbaren Flugzeuge mit einer Spannweite von unter drei Metern trügen dabei jeweils eine „Boomboard“-Bombe, die „spottbillig“ sei: Der Mantel besteht aus einem PVC-Rohr und Plastikteilen aus dem 3-D-Drucker.

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Soldaten füllten die ungelenkte Bombe, die nach dem Abwurf mangels Präzisionslenksystem schlicht am Ende ihrer Flugbahn detoniert, vor deren Einsatz mit Sprengstoff, Schrapnellen und einem Aufprallzünder, sagt Balatsev. Die Low-Tech-Bombe mag wenig kosten, großen Schaden kann sie dennoch anrichten. Der Ingenieur zeigt ein Video, bei dem einer der Sprengsätze ein Artilleriedepot trifft und eine gigantische Explosion auslöst. Nach Balatsevs Worten kamen bei diesem einzelnen „Punisher“-Angriff rund 100 russische Soldaten ums Leben, ein Kommandoposten und zwei Artilleriesysteme wurden demnach zerstört.

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Drei Kampfdrohnen bereits an Armee übergeben

Ziel der Kampagne ist es, 200.000 Dollar (knapp 203.000 Euro) einzusammeln, um den ukrainischen Streitkräften vier „Punisher“-Drohnen zu finanzieren – „die den Invasoren dabei helfen werden, ihren gemütlichen Ruheplatz zwei Meter unter der Erde unseres Mutterlandes zu finden“, wie es auf der Homepage des Projektes heißt. UA Dynamics gebe die „Punisher“ zum Produktionspreis ab, ohne Gewinn zu machen, sagt Andrii Nedilko (26), der wie Halan für Frontline Care arbeitet. 170.000 Dollar an Spendengeldern seien bislang zusammengekommen. Drei Kampfdrohnen habe man den Streitkräften bereits übergeben.

Zehn Freiwillige engagieren sich inzwischen für Frontline Care, drei davon haben ihre früheren Jobs aufgegeben und widmen sich dem Projekt in Vollzeit. Neben Halan und Nedilko ist Mykola Rybytva der dritte in diesem Bunde. Der 25-Jährige sagt, um so viel Geld für Drohnen einzusammeln, sei ein kreativer Ansatz notwendig gewesen. Man habe überlegt, wie Spender einbezogen werden könnten. Persönliche Nachrichten auf Bomben zu drucken, „wurde irgendwie zu einer therapeutischen Art, dem eigenen Ärger Luft zu machen und den Feind zu bestrafen“.

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„Putin: Fuck off“ und „Brennt in der Hölle“

Schon in früheren Kriegen hätten Soldaten Bomben mit persönlichen Botschaften beschriftet, sagt Rybytva. „Wir haben es einfacher und kreativer gemacht.“ Mehr als 3000 Spenden hat das Projekt bislang über die mehrsprachige Homepage eingesammelt. Auf den Bombenmänteln stehen dann kurze Texte wie „Putin: Fuck off“ oder „Brennt in der Hölle“, „Ruhm für die Ukraine“ oder „Für Charkiw, die Stadt der Träume“ – zahlreiche Bewohner der zweitgrößten Stadt der Ukraine mussten vor russischem Beschuss fliehen. Auch aus dem Ausland sind Botschaften zu lesen, „Liebe Grüße von Max G“ aus Deutschland etwa oder „Mit Liebe aus Toronto“.

Jurastudenten aus Kiew haben Geld gespendet, das für ihre Abschlussfeier gedacht war, und damit einen Sticker mit der Aufschrift „Hier kommt Gerechtigkeit“ gekauft, darauf sind eine Sonnenblume und eine „Punisher“-Drohne abgebildet. Denys Hatseniuk (25), der als Anwalt bei einer Stiftung russische Kriegsverbrechen untersucht und ansonsten als Freiwilliger bei Frontline Care arbeitet, hat für seinen Geburtstag um Spenden gebeten. Jetzt prangt ein Foto von ihm mit einer Pistole auf einer der Bomben – wie viele Ukrainer lässt er sich derzeit an einer Waffe ausbilden.

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Hass auf russische Invasoren

Manche der Botschaften sind witzig, überhaupt haben sich die Ukrainer einen für die Lage bemerkenswerten Humor erhalten. Es wäre aber falsch, daraus eine Verharmlosung des Krieges zu lesen. „Das ist auch ein Weg, um Spannungen zu bewältigen“, sagt Rybytva. Natürlich ist der Hintergrund todernst – der russische Angriffskrieg hat Leid, Elend, Zerstörung und auch Hass mit sich gebracht. Ermittler der Vereinten Nationen sind im vergangenen Monat zum Schluss gelangt, dass Russland in der Ukraine Kriegsverbrechen begangen hat, auch gegen Kinder. Nach dem Überfall und den Gräueltaten Russlands ist schwierig zu erkennen, wie die Ukraine jemals wieder überhaupt ein Verhältnis zum Nachbarland haben könnte.

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Wie tief der Hass inzwischen sitzt, darauf gibt dieses Zitat einen Hinweis: „Je mehr Russen wir heute töten, desto weniger Russen müssen unsere Kinder töten.“ Der Satz wird dem prominenten ukrainischen Demokratieaktivisten Roman Ratuschny zugeschrieben, der 24-Jährige wurde im Juni nahe Isjum im Osten des Landes bei Gefechten mit russischen Truppen getötet. „Boomboard“ hat das Zitat auf eine der Bomben gedruckt, die gefallenen Soldaten gewidmet sind.

Die „Boomboard“-Kooperation aus Freiwilligen, Kreativen, der Rüstungsindustrie und den Streitkräften ist ein Beispiel dafür, wie der russische Angriffskrieg die Gesellschaft in der Ukraine zusammengeschweißt hat. „Für unseren Freundeskreis ist es ein Volkskrieg“, sagt Halan. „Jeder hat einen Bruder oder Onkel, der kämpft.“ Aus der Sicht Halans und ihrer Mitstreiter geht es bei dem Engagement nicht um ein abstraktes Ziel, sondern in letzter Konsequenz darum, ob sie und die Ukraine überleben. Mit Blick auf „Boomboard“ sagt sie: „Ja, es ist manchmal lustig und manchmal traurig. Ja, es ist eine Spendenkampagne. Aber was wir wirklich erreichen wollen, ist, einen Völkermord zu verhindern.“

Zum Autoren

Can Merey (50) reist mit dem Fotografen Andy Spyra durch die Ukraine, unterstützt werden sie dabei von ihrem lokalen Kollegen Yurii Shyvala. Merey ist seit dem 1. Oktober 2022 Krisenreporter und Leiter Investigativ beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in Berlin. Zuvor war er fast zwei Jahrzehnte lang Auslandskorrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Für die Nachrichtenagentur leitete er zwischen 2003 und 2022 das Südasien-Büro in Neu Delhi, das Nahost-Büro in Istanbul und zuletzt das Nordamerika-Büro in Washington. Er ist der Autor von zwei Büchern: „Die afghanische Misere – warum der Westen am Hindukusch zu scheitern droht“ (2008) und „Der ewige Gast – wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden“ (2018).

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