Deutsche Brigitta Triebel berichtet

Charkiw unter Beschuss: „Meine Freunde sitzen in U-Bahnschächten, um sich vor Bomben zu schützen“

Ukrainische Soldaten an einem deaktivierten Mehrfachraketenwerfer des russischen Militärs am Stadtrand von Charkiw.

Berlin. Seit zwei Jahren leitet Brigitta Triebel (38) das Auslandsbüro für die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in der ostukrainischen Metropole Charkiw. Als sich die Situation immer mehr zuspitzte, verließ sie Mitte Februar die Stadt. „Meine Kollegen, Freunde und Bekannten sitzen jetzt in den U-Bahnschächten, um sich vor Bomben und Granaten zu schützen, es ist schrecklich“, berichtet die Politikwissenschaftlerin, die jetzt in Deutschland in Sicherheit ist.

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Dort, wo sie vor ein paar Tagen noch in der City in der Sonne bei einem Kaffee gesessen habe, gehen jetzt Granaten nieder. „Das ist so irreal, man kann es einfach nicht fassen“, erzählt Triebel.

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„Die Menschen sind zu tiefst schockiert, fürchten um ihr Leben und suchen Schutz“, erzählt die engagierte Frau, die mit ihren ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Freundinnen und Freunden in ständigem Kontakt steht. Charkiw ist mit 1,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt in der Ukraine und mit 42 Universitäten und Hochschulen auch ein Wissenschafts- und Bildungszentrum.

„Durch Bomben ihres ehemaligen Brudervolkes aus dem Schlaf gerissen“

Jetzt sei aus der Stadt auch gar nicht mehr herauszukommen, weil russische Truppen den Weg nach Westen bereits versperrt hätten, berichtet die KAS-Büroleiterin. Zudem würden auch gar nicht alle Ukrainerinnen und Ukrainer fliehen wollen. „Sie sagen mir, das ist doch unsere Heimat, die wollen wir niemandem überlassen.“

Menschen stehen vor einer Apotheke in Charkiw im Nordosten der Ukraine.

Menschen stehen vor einer Apotheke in Charkiw im Nordosten der Ukraine.

Triebel glaubt, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer, die am Donnerstag „durch Bomben ihres ehemaligen Brudervolkes aus dem Schlaf gerissen“ wurden, erbitterten Widerstand leisten werden. Und dass es eine russische Besatzungsmacht sehr schwer haben wird, die Menschen aus den jetzigen Verwaltungen für sich zu gewinnen. „Wenn auch nicht alles perfekt war, hatte man doch das Gefühl, in einem europäischen Land mit westlichen Werten zu leben“, sagt Triebel. Das würden die Menschen nicht so leicht vergessen und schon gar nicht gegen ein diktatorisches System eintauschen wollen.

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Russland werde die Ukraine auf Dauer nur niederhalten können, wenn man ein „brutales stalinistisches Terrorregime“ errichtet, und auch dann werde es mit einem stolzen 40-Millionen-Volk nicht einfach werden für Putin.

„Wir sind alle wie erstarrt“

Brigitta Triebel blickt pessimistisch in die nächsten Tage. Die Erde der Ukraine sei schon so blutgetränkt. Durch die von Stalin verursachten Hungersnöte in den Dreißigerjahren, durch den Zweiten Weltkrieg, die nationalsozialistische Besatzung auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und durch die Folgen des Atomunglücks von Tschernobyl Mitte der Achtzigerjahre. Am Freitag hat sie per Telefon mitbekommen, wie ein junger Mann sich auf den Abschied vorbereitet, weil er sich als Freiwilliger für die Territorialverteidigung melden will. „Was haben diese jungen Leute mit einer Militärausbildung von maximal ein paar Wochen für eine Chance?“

Evgenija Andreevna berichtet gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, wie sie die Nacht mit ihrer Familie in einem Luftschutzbunker in Charkiw verbracht hat. „Es kamen immer mehr Menschen, je länger die Nacht dauerte“, erzählte sie über Whatsapp. „Alle kamen mit ihren Haustieren.“ Sie habe weder schlafen können, noch einen Bissen runtergebracht seit dem Angriff Russlands.

Die Menschen in ihrer Umgebung seien alle wie Schlafwandler, die nicht zu sich kommen könnten – oder wollten, angesichts dessen, was passiert sei. „Aber wir sind stolz auf unsere Streitkräfte und unterstützen sie, wo wir können, danken ihnen für ihren Schutz“, erzählt die 34-Jährige weiter. Niemand versuche auch nur, zu erraten, was noch kommen möge. „Wir sind alle wie erstarrt.“

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Die 25 Jahre alte Angestellte Julia Muchina in Charkiw erzählt über Facebook Messenger, sie sitze in einer U-Bahn-Station im Norden der Großstadt. „Zwei Stunden bereits wird die Stadt beschossen.“ Die Stimmung sei insgesamt unheimlich. „Es gibt lange Schlangen vor Supermärkten und Geschäften, mancherorts ging das Benzin aus.“

mit dpa

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