Militärexperte im Interview

„Deutschland sollte jetzt mehr Mut zeigen“

Nico Lange arbeitet für die Zeitenwende-Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz. Der Politologe hat jahrelang in Moskau, Kiew und Washington, D.C., gelebt und war bis Ende 2021 Chef des Planungsstabs im Bundesverteidigungsministerium.

Nico Lange arbeitet für die Zeitenwende-Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz. Der Politologe hat jahrelang in Moskau, Kiew und Washington, D.C., gelebt und war bis Ende 2021 Chef des Planungsstabs im Bundesverteidigungsministerium.

Herr Lange, wie sieht Ihre Bilanz der deutschen Militärhilfe für Kiew aus?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wir waren langsam, aber inzwischen liefern wir einige gute Systeme. Das sehen auch die Ukrainer so. Vor allem die Panzerhaubitze 2000 und die deutschen Artillerieraketen vom Typ Mars 2 mit ihren hohen Reichweiten sind wichtig, ebenso wie die Himars-Systeme aus den USA. Die Russen erleben neuerdings präzise Schläge gegen Kommandozentralen und Waffendepots weit hinter den Frontlinien.

+++ Verfolgen Sie alle News zum Krieg im Liveblog +++

Reicht diese Nachrüstung aus für große ukrainische Gegenangriffe?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Da bin ich skeptisch. Für einen Angriff etwa in Cherson müsste die Ukraine in der dortigen Steppenlandschaft eine große Zahl von Soldaten in Bewegung setzen, das ist riskant. Die zentrale Frage in jedem Gegenangriffsszenario ist: Kann die Ukraine ihren Soldaten genug geschützte Mobilität verschaffen durch gepanzerte Fahrzeuge wie Truppentransporter, Schützenpanzer, Kampfpanzer? Ich glaube, dafür reicht es noch nicht.

Müssen also aus Deutschland Marder, Fuchs und Dingo an die Front?

Deutschland hat jedenfalls genug gepanzerte Fahrzeuge, um der Ukraine in diesem historischen Augenblick effektiv unter die Arme greifen zu können.

„Finde ich zynisch“: Militärexperte widerspricht Forderungen nach Ende von Waffenlieferungen

Brigadier Philipp Eder, der die Abteilung Militärstrategie beim österreichischen Bundesheer leitet, plädiert für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine.

Es gibt deutsche Kommandeure, die sich für diesen Fall Sorgen machen um ihre eigenen Bestände.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dafür habe ich auch Verständnis. Hier geht es um schwierige Abwägungen, gar keine Frage. Doch die Lage hat sich geändert. Manche Abwägungen müssen anders ausfallen als vor einem halben Jahr. Wir brauchen eine neue Flexibilität. Deutschland sollte jetzt mehr Mut zeigen, sich nicht immer bitten lassen, sondern orientiert an der Entwicklung der Lage mitdenken und in Nato und EU auch mal vorangehen. Ein gepanzertes Fahrzeug, das jetzt in der Ukraine hilft, die Russen zu bremsen, trägt mehr zur Sicherheit Deutschlands bei als dasselbe gepanzerte Fahrzeug, das hier bei uns steht.

Meinen Sie, dass dieser Kurs mehrheitsfähig ist?

Ich glaube schon. In der Ampelkoalition kursieren bereits ähnliche Überlegungen, etwa bei den Außenpolitikern Kristian Klinck (SPD), Sara Nanni (Grüne) und Alexander Müller (FDP). Auch stellt sich in Umfragen eine solide Mehrheit der Deutschen stets hinter den Gedanken, den Russen Grenzen aufzuzeigen, auch wenn dies aktuell höhere Kosten auslöst. Daraus kann und muss die Bundesregierung mehr machen. Viele haben inzwischen erkannt: Wenn in der Ukraine der Aggressor triumphiert, haben wir alle verloren. Dann leben wir in einer Welt, die noch gefährlicher ist als jetzt.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen