Debatte nach dem Tod von Elizabeth II.

Die Queen und ihre ehemaligen Kolonien: „Ich fühle nichts“

„Die Königin ist tot“, steht auf dem Titel der kenianischen Zeitung „The Standard“ – doch in Kenia trauern längst nicht alle.

„Die Königin ist tot“, steht auf dem Titel der kenianischen Zeitung „The Standard“ – doch in Kenia trauern längst nicht alle.

Äste und Wurzeln der Bäume versperren den etwas zugewucherten Eingang in das Dunkle. Wer das Gestrüpp zur Seite schiebt oder bis zum roten Absperrgitter geht, zieht den Unmut der Fledermäuse auf sich, die in den Höhlen heimisch geworden sind. Die Höhlen, in denen sich in den 1950er-Jahren sogenannte Mau-Mau-Kämpfer vor den Gewalttaten der britischen Besatzer versteckten. Die Höhlen, die heute eine der Sehenswürdigkeiten im Karura Forest im Norden der kenianischen Hauptstadt Nairobi sind.

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Die Mau-Mau-Kämpfer, überwiegend aus der ethnischen Gruppe der Kikuyu, hatten keine Lust mehr auf Unterdrückung und Fremdbestimmtheit, auf Gewalt, Enteignung, Zwangsarbeit, Obdachlosigkeit. Sie wollten Rechte bekommen und sie wollten, dass Kenia ein eigener Staat wird. Ein souveräner, vom britischen Empire unabhängiger Staat. Um ein Zeichen zu setzen, brannten sie das Treetops Hotel im Aberdare Nationalpark nördlich von Nairobi ab, in dessen Zimmer 18 die junge Prinzessin Elizabeth am 5. Februar 1952, wenige Monate vor Ausbruch des Mau-Mau-Krieges, zu Bett ging, und am Morgen danach als Königin aufwachte – ihr Vater, König George VI., war überraschend gestorben.

Als die damalige Prinzessin Elizabeth 1952 Königin wurde, hielt sie sich gerade mit ihrem Mann Philip in Kenia auf.

Als die damalige Prinzessin Elizabeth 1952 Königin wurde, hielt sie sich gerade mit ihrem Mann Philip in Kenia auf.

Wenig Trauer in den einstigen Kolonien: „Als Kenianer fühle ich nichts“

Für den kenianischen Autor Mukoma Wa Ngugi ist all das noch präsent. Sein Onkel war taub, er folgte einst der Anweisung der britischen Soldaten nicht, die ihn baten, stehenzubleiben. Er hörte sie nicht. Er wurde rücklings erschossen. Ein anderer Onkel kämpfte im Mau-Mau-Krieg für die Unabhängigkeit, seine Oma bekam Kugeln ab, als sie ihren Sohn schützen wollte.

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„Wenn die Königin sich für Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus entschuldigt hätte, und die Krone aufgefordert hätte, Reparationen für Millionen von Menschenleben, die in ihrem Namen genommen wurden, angeboten hätte“, schrieb er auf Twitter, „dann würde ich vielleicht etwas Menschliches tun und mich schlecht fühlen. Als Kenianer fühle ich nichts.“ Das Theater um den Tod der Queen sei „absurd“.

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Nachruf auf die Queen: „Die Königin hinterlässt ein gemischtes Erbe“

In der führenden Tageszeitung Kenias, „The Daily Nation“, war am Tag nach dem Tod der Zwiespalt zu lesen: „Die Königin hinterlässt ein gemischtes Erbe: die brutale Unterdrückung der Kenianer in ihrem eigenen Land und die für beide Seiten vorteilhaften Beziehungen.“ Wenngleich so manch eine Beziehung zu Großbritannien nützlich für Kenia und seine Entwicklung gewesen sei, „ist es schwierig, diese Gräueltaten zu vergessen“.

Kenia wurde in der Folge zwar unabhängig, doch der Mau-Mau-Krieg ging in die Geschichte ein als eines der blutigsten und langwierigsten Kolonialverbrechen der Briten. Rund 10.000 Kenianerinnen und Kenianer kamen ums Leben, knapp 100.000 wurden in Internierungslager gebracht und dort gefoltert, kastriert, ermordet. Erst acht Jahre später wurde Kenia die Unabhängigkeit zugestanden.

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Staatsoberhaupt damals, in Kenia wie in Großbritannien: die am Donnerstag verstorbene Queen Elizabeth II.

Im Internierungslager damals: Jomo Kenyatta, Vater des am Donnerstag noch amtierenden kenianischen Präsidenten Uhuru Kenyatta.

Nebst Queen trendet am Todestag auch die Unabhängigkeitsbewegung

Die Blicke waren am Donnerstag, als die Welt vom Tod der Monarchin erfuhr, also auf jenen Sohn gerichtet – doch die offizielle Linie bleibt versöhnlich. Vier Tage Staatstrauer für die Queen, dem Oberhaupt des Commonwealth, zu dem nebst Kenia noch 55 weitere Staaten zählen, ordnete Kenyatta an. Die Bevölkerung wurde deutlicher.

In den Twitter-Trends fanden sich am Freitagmorgen, Stunden nach dem Tod der Queen, nebst „Queen“ auch die Wörter „Mau Mau“ und „Dedan Dimathi“, damaliger Anführer des Mau-Mau-Aufstandes. „The Guardian“ zitiert die Kenianerin Kikonde Mwamburi: „Ihr Tod sollte nicht dazu benutzt werden, ihr brutales Erbe reinzuwaschen.“ Nyambura Maina sagte, sie sei nicht bereit, den Schmerz, der aufgrund des Todes nun weltweit von Menschen empfunden werde, über den Schmerz zu stellen, den ihr Volk durchgemacht habe: „Wenn man mit seinen Großeltern zusammensitzt und sie einem ihre Geschichten erzählen, ist der Schmerz fast greifbar. Man kann ihn spüren.“

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Am Buckingham Palace trauern Menschen aller Welt um die Queen

Menschen aus der ganzen Welt legten am Freitag Blumen, Kerzen und Trauerkarten am Buckingham Palace nieder, um ihre Trauer um Queen Elizabeth II. zu zeigen.

Das Commonwealth schrumpft: Nach Barbados will auch Jamaika gehen

Während Großbritannien im Schmerz um den Tod der Queen vereint scheint, befinden sich andere Länder im Zwiespalt. Geschichtsrevisionismus, Huldigung und Anprangerung der Gräuel, dazu eine kollektive Trauer weltweit, aber eben auch die Wut, dass das Königshaus bis heute keine Verantwortung übernommen hat, bis heute Raubgut einbehält, bis heute keine Entschuldigung ausgesprochen hat.

Sodann ist wohl auch wenig verwunderlich, dass sich Staaten zunehmend abwenden, dass ein neues Selbstbewusstsein entsteht, es auch außerhalb des Commonwealth zu schaffen. Erst im November 2021 wurde Barbados abtrünnig, hat sich von der britischen Krone und dem Commonwealth verabschiedet. Jamaika will folgen, endlich gänzlich unabhängig werden – und fordert gleichzeitig Reparationszahlungen von der einstigen Kolonialmacht.

Geplündert, gebrandschatzt, als Scherbenhaufen zurückgelassen

Erst im Frühjahr erlebten Prinz William und Herzogin Kate, wie wütend die Menschen auf das britische Königshaus sind. Anlässlich des Thronjubiläums reisten sie im Auftrag von Queen Elizabeth II. durch die ehemaligen Kolonien Jamaika, Bahamas und Belize. Sie wollten für das Commonwealth werben, im Sinne der Queen möglichst viele Nationen weiter an Großbritannien binden.

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Doch während Offizielle das Prinzenpaar in Jamaika, Belize und auf den Bahamas in Empfang nahmen, demonstrierten draußen die Menschen. In Jamaika schrieb eine Black-Lives-Matter-Gruppe in einem öffentlichen Brief: „Wir sehen keinen Grund, den 70. Jahrestag der Besteigung Ihrer Großmutter auf den britischen Thron zu feiern, weil unter ihrer Führung und der ihrer Vorgänger die größte Menschenrechtstragödie in der Geschichte der Menschheit fortgesetzt wurde.“ Die Organisation The Bahamas National Reparations Committee ließ verkünden: „Die Monarchie hat unser Land und unsere Leute jahrhundertelang geplündert und gebrandschatzt und uns mit einem Scherbenhaufen unterentwickelt zurückgelassen.“

Die Oma der Welt – die mächtige Kolonialistin

Gerade nach dem Tod von Queen Elizabeth II. fühlen sich viele Menschen in den ehemaligen Kolonien noch unverstandener. Da ist ein übermächtiges Europa, das um die Mutter der Nation, um die Oma der Welt trauert. Und niemand, der hinhören möchte, dass die Queen eben nicht nur für positive Entwicklungen steht.

Schnell waren sich viele Weiße in den sozialen Medien einig: Über Verstorbene spricht man nicht schlecht. Und sowieso, das sei alles Vergangenheit und jetzt sei erst einmal Zeit zum Trauern. Eugene Scott, Politikredakteur bei der „Washington Post“ fragte auf Twitter, schließlich, wenn nicht jetzt, wann dann eine angemessene Zeit sei, um über die Verstrickungen der britischen Krone in den Kolonialismus zu sprechen. Wer 70 Jahre ein Land anführt, das das größte Kolonialreich der Geschichte aufgebaut hat, hat sich eben auch Feinde gemacht.

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Kritik an Commonwealth: „Der Wohlstand hat immer nur England gehört“

Doch die Nachfahren der unterdrückten Völker heben ihre Stimme. Der indische Unternehmer Dhiren Singh sagte dem US-Sender Bloomberg: „Ich denke nicht, dass in der heutigen Welt noch Platz für Könige und Königinnen ist, weil wir das größte demokratische Land der Welt sind.“ Bert Samuels, Mitglied des National Council on Reparations von Jamaika, sagte, dass der Verbund zwar Commonwealth of Nations heiße, übersetzt: Gemeinwohl der Länder, der Wohlstand aber immer nur England gehört habe. „Dieser Besitz, dieser Wohlstand wurde nie geteilt.“

In Südafrika schrieb die Bewegung Economic Freedom Fighters: „Wir trauern nicht um Elizabeth, denn ihr Tod ist für uns eine Erinnerung an eine sehr tragische Zeit in der Geschichte dieses Landes und Afrikas.“ Die in Nigeria geborene US-amerikanische Wissenschaftlerin Uju Anya sorgte mit einem inzwischen gelöschten Tweet für Aufsehen, in dem sie der Monarchin „eines diebischen, vergewaltigenden und völkermordenden Reiches“ beim Sterben „unerträgliche Schmerzen“ wünschte. Später legte sie nach: „Wenn jemand erwartet, dass ich etwas anderes als Verachtung für die Monarchin ausdrücke, die eine Regierung beaufsichtigte, die einen Völkermord unterstützte, der die Hälfte meiner Familie massakrierte und vertrieben hat, und dessen Folgen diejenigen, die heute leben, immer noch zu überwinden versuchen, der kann sich auch etwas von einer Sternschnuppe wünschen“, so Uju Anya in Anspielung auf den Biafra-Krieg, in dem mehr als eine Million Menschen starben.

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Historiker warnt vor Verklärung der Queen

Die Rolle des Königshauses im Kolonialismus ist keine Rühmliche. „Die Windsors wollten das British Empire erhalten. Das Königshaus hat die Umbenennung in Commonwealth unterstützt“, sagt Historiker Peter Alter in einer Sendung von Deutschlandfunk Nova. Auch der Historiker Jürgen Zimmerer warnte jüngst im „Tagesspiegel“ davor, die Queen und ihre Rolle zu verklären. „Sie hat sich nie kritisch zum britischen Kolonialismus geäußert“, sagte er – obwohl einige Kolonialverbrechen während ihrer Amtszeit passierten, etwa der Mau-Mau-Krieg oder die Übergriffe in Malaysia während des Malayan Emergency. Damals wurden Hunderttausende zwangsumgesiedelt und mehr als 1000 malaysische Bürgerinnen und Bürger starben.

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„Es war ihre Rolle, das British Empire und später das Commonwealth zusammenzuhalten.

Historiker Dirk van Laak

Historiker Dirk van Laak nimmt die Queen im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) eher in Schutz: „Königshäuser sind immer in der Zwickmühle“, sagt er, „sie können wenig Einfluss nehmen.“ Queen Elizabeth II. habe sich aus dem operativen Geschäft herausgehalten – aber eben auch im Zuge der Dekolonialisierung, die vor ihrer Amtszeit einsetzte, sich aber währenddessen fortsetzte, keine Akzente gesetzt. „Es war ihre Rolle, das British Empire und später das Commonwealth zusammenzuhalten“, sagt van Laak. Der Historiker Benedikt Stuchtey sagte in der Sendung von Deutschlandfunk Nova, dass die Krone zwar immer mitgespielt habe, wenn es um Expansion ging, aber „keine driving force“ gewesen sei, keine treibende Kraft.

Indien will die Rückgabe der Diamanten aus der Krone der Königin

Unbestritten ist aber: Wie Großbritannien und Europa vom Kolonialismus und dem transatlantischen Sklavenhandel profitiert haben, hat auch das Königshaus profitiert. „Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass in den Kronjuwelen Edelsteine aus kolonialen Raubzügen verarbeitet sind. Ehemalige Kolonien fordern sie seit Jahren zurück“, sagt Zimmerer. In Indien formiert sich nun eine Bewegung, die die Rückgabe des Diamanten aus der Krone von Königin Elizabeth II. fordert. „Der Diamant ist ein Symbol, das für alle greifbar ist“, sagt van Laak dem RND. „Das gerät nun in den Fokus.“

Die Forderungen reihen sich ein in die zahlreicher einst versklavten und kolonialisierten Gruppen, die Kulturgüter und Leichenteile, die in Europas Museen lagern, zurückverlangen. Alleine in deutschen Museen befinden sich – trotz Deutschlands verhältnismäßig kurzer Kolonialgeschichte – 1000 Schädel von afrikanischen Menschen. Es sind nur die, die bereits erfasst wurden.

Das Treetops Hotel musste 2021 schließen – dennoch legten in der vergangenen Woche Menschen Blumen dort nieder, um Queen Elizabeth II. zu gedenken.

Das Treetops Hotel musste 2021 schließen – dennoch legten in der vergangenen Woche Menschen Blumen dort nieder, um Queen Elizabeth II. zu gedenken.

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Eine Sache aus der kolonialen Beziehung hat Queen Elizabeth II. indes nicht überdauert: Das Treetops Hotel musste 2021 schließen, im Zuge der Corona-Pandemie. Die 35 Zimmer stehen leer. Nur Fotos der Queen und ihrem Mann Philip sollen noch an den Wänden hängen. Der Zwiespalt zeigt sich auch hier: Anwohnerinnen und Anwohner haben nach der Todesnachricht Blumen abgelegt.

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