Deutschland stellt sich hinter Marokko

Wem gehört die Westsahara?

Eine Möwe fliegt im Haupthafen der Stadt Dakhla in der Westsahara an festgemachten Fischerbooten vorbei. Für Touristen ist das Gebiet traumhaft, die ehemaligen Bewohner leben seit vielen Jahren im Elend, die meisten sind geflohen.

Eine Möwe fliegt im Haupthafen der Stadt Dakhla in der Westsahara an festgemachten Fischerbooten vorbei. Für Touristen ist das Gebiet traumhaft, die ehemaligen Bewohner leben seit vielen Jahren im Elend, die meisten sind geflohen.

Madrid. Dakhla ist „Marokkos aufregendstes Reiseziel“, dort „trifft die Sahara das Meer“ mit „einigen der atemberaubendsten Landschaften Marokkos“. Wem das noch nicht reicht, den reizt vielleicht Ende September das „Into the Wild“-Festival. DJs aus Afrika und Europa legen auf, unter ihnen Tama Sumo aus Berlin und Âme aus Karlsruhe. Vorher oder nachher kann man sich bei Yoga unter freiem Himmel selbst finden oder kitesurfen oder zu einem Wüstentrip starten. So möchte Afrika-Urlaub sein.

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Wer aus dem Hotel auf die Straße geht, sieht vielleicht Gruppen junger Marokkaner, die ihre gesamte Habe in einem Rucksack mit sich tragen. Sie warten auf den Anruf, der ihnen sagt, wann ihr Boot Richtung Gran Canaria aufbricht. Die Überfahrt kostet sie etwa so viel wie die Urlauber der „Into the Wild“-Trip; sie können sich aber nicht so sicher sein, ob sie lebend ankommen und ob sich am Ziel ihre bescheidenen Träume verwirklichen: die von einem besseren Leben.

Wen der Dakhla-Tourist keinesfalls treffen wird, sind die früheren Bewohner Dakhlas, die heute in Flüchtlingslagern im algerischen Tindouf leben, 900 Kilometer nordöstlich von hier, unerreichbar. Dort ist die Wüste nicht atemberaubend, sondern so unbewohnbar wie der Mond. Es leben aber trotzdem rund 175.000 Menschen dort, von der Welt vergessen, nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine.

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Wer das Wort „Selbstbestimmung“ in den Mund nimmt, fliegt raus

Tama Sumo aus Berlin und Âme aus Karlsruhe, die Touristen, die zu ihren Rhythmen tanzen, die jungen Männer auf dem Weg nach Gran Canaria und die 175.000 in Tindouf sind alle Figuren in einem geostrategischen Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen. Das Spiel heißt: Wem gehört die Westsahara? Nur eine Regel haben alle – zum Beispiel die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock – gelernt: Wer das Wort „Selbstbestimmung“ sagt, fliegt raus. Also wird hier eher selten davon gesprochen.

Hier liegt das Gebiet Westsahara.

Hier liegt das Gebiet Westsahara.

Auf der schmalen Halbinsel, auf der heute Dakhla liegt, hissten spanische Truppen einst, am 4. November 1884, eine spanische Flagge und schufen dort einen Stützpunkt, den sie Villa Cisneros nannten. Wenig später beschloss die spanische Regierung, den Teil der afrikanischen Küste, der in etwa der Küstenlinie der heutigen Westsahara entspricht, unter ihren „Schutz“ zu nehmen. Das Protektorat sollte 91 Jahre währen. Ende 1975, in den letzten Tagen der Franco-Diktatur, wollte Spanien die Wüstenkolonie ihren damals 75.000 Einwohnern übergeben, doch kam Marokko dem mit einem unbewaffneten, aber keineswegs friedlichen „Grünen Marsch“ von 350.000 Marokkanern zuvor, die die einstige Spanische Sahara zu einem Teil Marokkos machen sollten. 47 Jahre später lässt sich sagen: mit Erfolg. Auch wenn die UN die Westsahara noch immer als „nicht selbst verwaltetes Gebiet“ führt.

Die meisten Saharauis – die Bewohner der Westsahara – flohen ins algerische Tindouf, wo sie und ihre Nachkommen in gewaltigen Flüchtlingslagern von der Mildtätigkeit der Weltgemeinschaft leben. Die wenigsten von ihnen kennen die alte Heimat aus eigener Anschauung. Nur gut 30.000 der heute knapp 175.000 Lagerbewohner sind älter als 50 Jahre; gut 65.000 sind Kinder und Jugendliche unter 18. Tindouf ist ihre unheimliche Heimat.

In Dakhla, dem früheren Villa Cisneros, leben heute Marokkaner, gut 100.000, und einige wenige unentwegte Saharauis, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, oder deren Nachkommen. 1991 rief der UN-Sicherheitsrat eine „Mission für die Organisation eines Referendums in der Westsahara“ (Minurso) ins Leben, die es bis heute gibt. Nur ein Referendum hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben, weil Marokko das verhindert. Anfang 2000 hatte die Minurso gut 86.000 saharauische Stimmberechtigte für das geplante Referendum ausgemacht; Marokko wollte aber noch 130.000 Marokkaner, die inzwischen in der Westsahara lebten, abstimmen lassen. Seitdem überlebt die Idee des Referendums nur noch in dem „R“ von Minurso.

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Donald Trump stellt sich als Erster laut hinter Marokko

Der Moment, als die Weltgemeinschaft beschloss, den Saharauis den Rücken zu kehren und ihnen statt Hoffnung nur noch Brot zu geben, lässt sich gut festmachen: Das war die UN-Sicherheitsratssitzung vom 30. April 2007. Mit der Resolution 1754 entschied der Sicherheitsrat damals, einen Vorschlag der Befreiungsfront Polisario, welche die Interessen der Saharauis vertritt, „zur Kenntnis zu nehmen“, während sie einen Vorschlag Marokkos, jede Idee an ein Referendum ad acta zu legen und der Westsahara stattdessen eine gewisse Autonomie innerhalb des marokkanischen Staates zu gewähren, ebenfalls zur Kenntnis nahm, aber zugleich als „ernsthafte und glaubwürdige Anstrengung, den Prozess einer Lösung näherzubringen“, begrüßte. Es war die Anerkennung des Rechts des Stärkeren. Niemand wollte für die Westsahara in den Krieg ziehen.

Das ist so geblieben. Es waren die USA, die im Dezember 2020 ihre Westsaharapolitik auf die Füße stellten und sich laut zu sagen trauten, was alle anderen bis heute hinter verquälten Formulierungen verstecken: „Die Vereinigten Staaten erkennen an, dass das gesamte Gebiet der Westsahara Teil des Königreiches Marokko ist“, beschied Donald Trump im vorletzten Monat seiner Präsidentschaft. „Ein unabhängiger saharauischer Staat ist keine realistische Option.“

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Die Erklärung war ein Schock – oder hätte es sein müssen, wenn der Rest der Welt nicht längst beschlossen hätte, sich keineswegs für die Rechte der Saharauis einzusetzen. Im März dieses Jahres folgte Marokkos nördlicher Nachbar Spanien unter seinem sozialistischen Regierungschef Pedro Sánchez dem einst vom Sicherheitsrat eingeschlagenen Weg. Marokkos Autonomieplan für die Westsahara ist dort seitdem die „ernsthafteste, realistischste und glaubwürdigste“ Basis für eine Lösung des Konflikts. Die Polisario kommentierte: „Spanien hat beschlossen, sich der marokkanischen Erpressung zu ergeben.“ Aber nicht nur Spanien.

Baerbock unterstützt marokkanischen Plan

Als die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock am Donnerstag vergangener Woche in Rabat ihren marokkanischen Kollegen besuchte, benutzte auch sie die Zauberworte: Der Autonomieplan sei eine „ernsthafte und glaubwürdige Bemühung Marokkos und eine gute Grundlage, um zu einer Einigung beider Seiten zu kommen.“ Nur der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, zugleich früherer spanischer Außenminister, hatte zwei Tage zuvor in einem Fernsehinterview gewagt, auch einmal wieder die „Selbstbestimmung des Volkes der Westsahara“ ins Gespräch zu bringen, worauf ihn Marokko mindestens für die nähere Zukunft als Gesprächspartner ausschloss.

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Außenministerin Annalena Baerbock besuchte vergangene Woche den Außenminister des Königreichs Marokko, Nasser Bourita.

Außenministerin Annalena Baerbock besuchte vergangene Woche den Außenminister des Königreichs Marokko, Nasser Bourita.

Das Verhalten der Europäer belohnt Marokko mit Kooperation in der Antiterror- und der Antimigrationspolitik. Aus Dakhla brechen jetzt weniger Migrantenboote als im Vorjahr gen Kanaren auf. Nur Algerien, das sich als Schutzmacht der Saharauis begreift, hat Spanien den Gashahn abgedreht und alle anderen Geschäftsbeziehungen abgebrochen, seit Sánchez sich auf marokkanische Linie begeben hat.

47 Jahre marokkanische Besatzung haben in der Westsahara Fakten geschaffen. In Dakhla zeigt König Mohammed VI., was er kann: Er lässt dort gerade einen Tiefsee- und einen Fischereihafen sowie einen Marinestützpunkt bauen. Bald sollen in der Wüste Tomaten in Gewächshäusern blühen. Eine 1000 Kilometer lange, gut ausgebaute Fernstraße aus dem südmarokkanischen Tiznit ist so gut wie fertig. Und die Zahl der Hotelbetten in Dakhla soll bis Ende nächsten Jahres von heute knapp 2000 auf 6000 steigen. Als ideale Ruhestatt für DJs, Kitesurfer und Yogis.

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