Interview mit Holocaustüberlebendem

Dieser Krieg wird tiefe Spuren in der jungen Generation hinterlassen

Der Historiker Borys Sabarko aus der Ukraine ist nach Stuttgart geflohen. Der 86-Jährige konnte als Kind aus einem Ghetto fliehen.

Der Historiker Borys Sabarko aus der Ukraine ist nach Stuttgart geflohen. Der 86-Jährige konnte als Kind aus einem Ghetto fliehen.

Berlin. Borys Mychajlowytsch Sabarko (86) hat als ukrainischer Historiker mehr als 200 Bücher und Artikel veröffentlicht. Zu seinen bekanntesten Werken in Deutschland zählen seine mehrbändige Reihe über die Schoah in der Ukraine und der von ihm herausgegebene Erinnerungsband „Nur wir haben überlebt“. Seit 2004 ist Sabarko, dem als Kind die Flucht aus dem Ghetto von Scharhorod gelang, Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager. 2009 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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Borys Mychajlowytsch, Sie sind mit Ihrer Tochter und Ihrer Enkelin von Kiew nach Stuttgart geflohen. Wie geht es Ihnen?

Meiner Familie und mir geht es gut. Auch die anderen Überlebenden, die sich jetzt in Deutschland aufhalten, sind froh. Allerdings bangen die meisten von uns um zurückgebliebene Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde. Daher sind die Gefühle zwiegespalten, Erleichterung und Sorgen halten sich die Waage. Dennoch: Wir sind allen, die helfen, sehr dankbar.

Wann stand Ihr Entschluss fest, Kiew zu verlassen?

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Ich habe bis zur letzten Minute nicht geglaubt, dass Russland die Ukraine so massiv angreifen würde. Und ich wollte bleiben. Doch meine Enkelin ist gerade 17 geworden. Ich habe mich ihr ganzes Leben lang um sie gekümmert. Sie konnte die Serie von Bombardierungen und die Nachrichten einfach nicht ertragen. Sie hat nicht mehr geschlafen, hat ständig geweint. Als Großvater habe ich mich entschieden, sie dort rauszubringen und mein Land zu verlassen.

Wie schwer fällt es NS-Verfolgten und Holocaustüberlebenden, jetzt ausgerechnet in Deutschland Zuflucht suchen zu müssen?

Der Krieg ist schon länger als 75 Jahre her. Das Deutschland von heute ist ein anderes Land. Die Überlebenden werden ihr Leid nie vergessen. Doch wir unterscheiden zwischen dem Deutschland von damals und dem Deutschland von heute. Wir haben nicht das Gefühl, in Feindesland zu sein. Als Freunde kümmern sich hier viele Deutsche sehr warmherzig um uns.

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Sie sind Historiker. Was haben Sie Ihrer Enkelin bislang über Russland erzählt und wie wird sich diese Erzählung in Zukunft verändern?

Wissen Sie, die 17-Jährige und meine ältere Enkelin, die Germanistik studiert hat, lesen und verstehen sehr viel von selbst. Sie können auch die politische Lage gut beurteilen und waren wohl nie so unvoreingenommen gegenüber der Politik Russlands, wie ich es einmal war. Doch das, was jetzt gerade geschieht, ist ein sehr tragisches Ereignis in ihrem Leben. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass diejenigen, die sich Brüder nennen, die Ukraine töten wollen. Dies wird tiefe Spuren in der Generation junger Ukrainer und Ukrainerinnen hinterlassen.

Außenministerin Baerbock fordert weitere Unterstützung der Ukraine

Es gebe massive Hinweis auf von Russland verübte Kriegsverbrechen in der Ukraine, sagte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock.

Präsident Selenskyj richtet täglich flammende Appelle an die Weltgemeinschaft. Wie schätzen Sie das internationale Interesse am Schicksal der Ukraine und die aktive Unterstützung ein?

In erster Linie danke ich allen Ländern, Vertretern der Zivilgesellschaft, einfachen Menschen von Nachbarstaaten, die uns unglaublich unterstützen, für ihren Beistand. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Wenn es diese massive internationale Unterstützung der Ukraine und die Waffenlieferungen früher gegeben hätte, wäre es Russland kaum möglich gewesen, so gegen mein Heimatland vorzugehen. Nun wird es aber darauf ankommen, die Ukraine nach diesem Krieg mit internationaler Hilfe zu einer modernen Demokratie zu entwickeln sowie in Infrastrukturen, Wissenschaft und Wirtschaft zu investieren.

Interview: Thoralf Cleven

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