Kommentar zu Trumps Präsidentschaftskandidatur

Trump, der angeschlagene Boxer

Donald Trump, ehemaliger US‑Präsident, gestikuliert, nachdem er eine dritte Kandidatur für das Präsidentenamt angekündigt hat.

Donald Trump, ehemaliger US‑Präsident, gestikuliert, nachdem er eine dritte Kandidatur für das Präsidentenamt angekündigt hat.

Washington. Am Ende hätte man fast ein bisschen Mitleid mit ihm haben können. Da stand der Ex-Präsident auf der Bühne seines Protzpalastes in Palm Beach und hatte eine Stunde lang seine größten politischen Hits vorgetragen. Doch die Stimmung war mau, der Hofsender Fox News unterbrach zwischendurch die Übertragung, die Pointen wirkten abgestanden.

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Der Kontrast zwischen der dritten Präsidentschaftsbewerbung des Mannes, der sich selbst ein „Opfer“ nannte, und seiner triumphalen ersten politischen Erscheinung auf der goldenen Rolltreppe seines Wolkenkratzers in New York vor mehr als sieben Jahren könnte kaum größer sein. Die krachenden Niederlagen seiner extremen Kandidaten bei den Zwischenwahlen haben ihm offensichtlich zugesetzt.

Zwei fatale Fehleinschätzungen

Es riecht nach Götterdämmerung. Die Versuchung ist groß, Trumps Stärke zu unter- und die Macht der Absetzbewegung bei den Republikanern zu überschätzen. Beides aber wäre ein fataler Fehler. Nicht nur hat Trump zwei Amtsenthebungsverfahren und die öffentliche Ächtung nach dem Kapitolsturm überlebt. Die neue Fraktion im Repräsentantenhaus ist ihm ergebener denn je. Vor allem besitzt der Ex‑Präsident eine Kriegskasse von hundert Millionen Dollar und eine unfassbar loyale Anhängerschaft, die ihm unverändert wie einem Sektenführer huldigt.

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09.11.2022, USA, Palm Beach: Der ehemalige Präsident Donald Trump spricht am Wahltag im Mar-a-Lago zu Unterstützern. Foto: Andrew Harnik/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Was jetzt, Donald?

Das miserable Abschneiden seiner extremen Kandidaten bei den Zwischenwahlen hat den Nimbus von Donald Trump als Königsmacher beschädigt.

Auf der anderen Seite stehen die potenziellen parteiinternen Gegenkandidaten fürs Weiße Haus. Ganz gleich, ob Floridas schneidiger Gouverneur Ron DeSantis, der duckmäusige Ex‑Vizepräsident Mike Pence oder der aalglatte Ex‑Außenminister Mike Pompeo: Sie alle haben den Wahnsinn der Trump-Jahre mitgemacht. Sie kämpfen denselben hasserfüllten Kulturkampf gegen die Medien, die Linken und eine diverse Gesellschaft. Sie bedienen mit demagogischen Parolen den Rassismus und setzen sich nicht von Extremisten ab.

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Den Republikanern stehen in den nächsten Monaten harte Machtkämpfe bevor. Doch mögliche Aufstände gegen Trump sind bislang nicht von inhaltlichen Differenzen, sondern allein vom politischen Kalkül bestimmt. Abweichler wie die stockkonservative, aber mutig die demokratischen Grundwerte verteidigende Liz Cheney wurden kaltgestellt. Das nämlich ist Trumps wichtigste Hinterlassenschaft: Er hat die Koordinaten der „Grand Old Party“ verschoben: Der rechtspopulistische Trumpismus ist auch ohne seinen Namensgeber ihr neues Programm. Der Überdruss richtet sich allein gegen dessen chaotische Verpackung.

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Noch aber ist der Übervater Trump keineswegs weg. Ganz im Gegenteil. Dem Mann sitzt die Justiz im Nacken und die Panik vor der narzisstischen Kränkung eines schmachvollen Bedeutungsverlustes in den Knochen. Sein Ruf ist seit dem Putschversuch vom Januar 2021 endgültig ruiniert. Trump hat nichts mehr zu verlieren. Aber er ist zu allem fähig. Er ist jetzt ein angeschlagener Boxer. Das sind bekanntlich die gefährlichsten.

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