Kommentar zu Ost und West

Einheitstag in Kriegszeiten: Die Krise wird noch viel Trennendes zeigen

Demonstration „Heizung, Brot und Frieden – Protestieren statt frieren“ am Einheitsfeiertag in Berlin.

Demonstration „Heizung, Brot und Frieden – Protestieren statt frieren“ am Einheitsfeiertag in Berlin.

Ganz ohne Erinnerungskitsch kam die Feierstunde zum 32. Jahrestag der deutsch-deutschen Wiedervereinigung zwar auch in diesem Jahr nicht aus, aber aus den politischen Reden zum Stand der Einheit ist er inzwischen weitgehend gewichen. Und das ist auch gut so.

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Denn das heißt immerhin, dass die Zeiten vorbei sind, in denen in den Feiertagsreden salbungsvoll das Zusammenwachsen von Ost und West beschworen wurde, während man beim Blick auf Wahlergebnisse, ostdeutsche Straßen und in den westdeutschen Alltag vor allem Entfremdung bemerkte.

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Gut ist auch, dass die meisten Politiker die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen heute nicht mehr per se als Problem darstellen, das seine Wurzeln vor allem in den Jahren der Teilung hat.

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Auch an diesem Nationalfeiertag im Jahre 32 der Einheit war jedenfalls wieder die jüngere Einsicht zu hören, dass vor allem die Neunzigerjahre die heutige Sicht prägten, die die einen Landsleute auf die anderen jenseits der gefallenen Grenze pflegen: Im Westen las man den Osten entlang von Begriffen wie DDR-Erbe, Stasi und Undankbarkeit, im Osten fühlte man sich klein- und schlechtgeredet und in den eigenen Transformationsschmerzen ignoriert.

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Krise mit sozialem Sprengstoff

Die Frage ist nur: Ist nun schon alles besser, nur weil diese Klischees überwunden sind und die Hauptrednerin der Einheitsfeierlichkeiten dieses Jahres, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, die Revolutions- und Umbruchleistungen der Ostdeutschen würdigte und die Westdeutschen aufrief, gerade in diesen Krisenzeiten von ihnen zu lernen?

Natürlich nicht. Gerade wegen der aktuellen Krise mit all ihrem sozialen Sprengstoff, dem Streit über den Umgang mit Russland und mit im Osten fest etablierten Rechtsaußenparteien herrscht im Westen erneut Stirnrunzeln – wie in den letzten 30 Jahren schon oft, etwa wegen der montäglichen Hartz-IV-Proteste und späterer Pegida-Aufmärsche.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit im Theater Erfurt.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit im Theater Erfurt.

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Erneut blickt der Westen entsetzt in die nicht mehr ganz so neuen Bundesländer, wo auf Demonstrationen gegen die Bundesregierung Russland-Fahnen wehen, Ministerpräsidenten vermeintlich russlandfreundliche Töne anschlagen, und in Umfragen eine knappe Mehrheit die Sanktionen gegen Russland ablehnt – die im Westen von 63 Prozent begrüßt werden, auch bei Folgen für die Energieversorgung.

Schon jetzt kann man davon ausgehen, dass in den kommenden kalten Monaten noch viel Trennendes zwischen Ost und West sichtbar wird.

Allerdings springt zu kurz, wer deshalb schon wieder die Ostdeutschen der gemeinschaftlichen Psychoanalyse unterziehen will, nach dem Motto: Wie kann es sein, dass laut jüngsten Umfragen nur 39 Prozent von ihnen mit der Demokratie zufrieden sind?

Dass in Thüringen, wo die Einheitsfeierstunde stattfand, die rechtspopulistische AfD die stärkste Kraft ist und noch für den Abend der Feierlichkeiten wieder lautstarke Proteste angekündigt waren? Und das, obwohl der Osten sich dem Westen doch nun wirklich fast angeglichen hat, sogar in der Wirtschaftskraft, wozu im Osten neuerdings Milliardeninvestoren wie Tesla und Intel beitragen; aber auch Lebenserwartung und Arbeitslosigkeit sind nahezu gleich, im nächsten Jahr erreichen sogar die Ostrenten das Westniveau.

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Die bessere Frage ist leider: Was läuft falsch im ganzen Land? Denn dieselben Umfragen zeigen auch im Westen eine Abwendung von demokratischen Institutionen. Die Zufriedenheit liegt gerade einmal 10 Prozentpunkte höher – und das ohne das Erbe der DDR, der Neunzigerjahre und dem womöglich seit jeher anders geprägten Demokratiebegriff.

Klar ist nur, dass die aktuelle Krise nicht bei allen Bürgerinnen und Bürgern das Beste hervorbringt und dass es derzeit leicht ist, Ängste, Unzufriedenheit und Meinungsverschiedenheiten aufzuwiegeln und für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Der gewandelte Blick auf die deutsche Einheit gibt aber auch Grund zum Optimismus: Er beweist, dass die Gesellschaft und die Politik lernfähig ist. Dass die 30 Jahre anhaltende Debatte nicht nur zu Frust und Abschottung geführt hat, sondern auch zu einem Umdenken. Gut wäre, wenn künftig beide Seiten bereit wären, dem anderen entgegenzukommen: West wie Ost.

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