Putin müsste grünes Licht geben

Wagt Erdogan den Einmarsch in Syrien?

Soldaten sitzen in der türkischen Stadt Akcakale an der Grenze zur syrischen Stadt Tall Abyad in einem Aufenthaltsbereich für die türkischen Streitkräfte und die türkisch unterstützte syrische Nationalarmee und warten auf ihre Einsatz.

Soldaten sitzen in der türkischen Stadt Akcakale an der Grenze zur syrischen Stadt Tall Abyad in einem Aufenthaltsbereich für die türkischen Streitkräfte und die türkisch unterstützte syrische Nationalarmee und warten auf ihre Einsatz.

Seit über einer Woche greift die Türkei mutmaßliche Stellungen der Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien mit Bombern und Artilleriegeschützen an. Die Luftschläge sind Vergeltung für den Terroranschlag von Istanbul, bei dem vor zwei Wochen sechs Menschen getötet wurden. Die Türkei macht die YPG für das Attentat verantwortlich.

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Es soll nicht bei Luftangriffen bleiben. Präsident Recep Tayyip Erdogan will auch mit Bodentruppen gegen die Kämpfer der YPG vorgehen. „Mit Allahs Hilfe werden wir sie alle so schnell wie möglich mit unseren Panzern und Soldaten ausrotten“, sagte Erdogan. Zum Zeitpunkt legte er sich noch nicht fest. Die Bodenoffensive werde „zu gegebener Zeit“ beginnen.

Es wäre bereits die vierte Militäroperation in Nordsyrien, wo die Türkei mit den Invasionen von 2016, 2018 und 2019 die YPG aus der Grenzregion zurückgedrängt hat und große Landstriche besetzt hält. Erdogans Ziel ist die Schaffung einer rund 30 Kilometer breiten „Sicherheitszone“ auf der syrischen Seite der Grenze. Damit will Ankara die YPG in Schach halten. Zugleich hofft man, syrische Kriegsflüchtlinge aus der Türkei in diese Region umzusiedeln.

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Wie viel lässt der Westen durchgehen?

Aber diesmal zögert Erdogan offenbar mit der Invasion. Er möchte wohl zunächst ausloten, mit welchen internationalen Reaktionen er rechnen muss. Die USA haben bereits Einspruch angemeldet und zur „sofortigen Deeskalation“ aufgerufen. Größte Sorge in Washington ist, dass eine türkische Offensive im Nordirak der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in die Hände spielt. Zellen des IS sind in Syrien immer noch aktiv. Die YPG ist ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den IS. Tausende ehemalige IS-Kämpfer sitzen in Gefängnissen, die von der Kurdenmiliz kontrolliert werden. Wenn die Türkei die YPG aus der Region weiter zurückdrängt, könnten die gefangenen Terroristen freikommen.

Erdogan kann die Appelle der USA zur Zurückhaltung zwar nicht völlig ignorieren. Aber er weiß auch, dass der Westen ihm derzeit ziemlich viel durchgehen lässt. Die USA und Europa brauchen die Türkei als möglichen Mittler im Ukraine-Konflikt. Sie hoffen auch darauf, dass Erdogan sein Veto gegen den Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands fallen lässt.

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Eine Schlüsselrolle für die türkische Syrien-Strategie spielt Russland. Kremlchef Wladimir Putin ist der wichtigste politische und militärische Verbündete des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Die russischen Streitkräfte haben die Lufthoheit über Syrien. Für eine Bodenoffensive braucht Erdogan zumindest die Duldung Moskaus.

Aber bisher hat er kein grünes Licht aus dem Kreml. Putins Syrien-Beauftragter Alexander Lawrentjew forderte die Türkei auf, „von exzessiver Gewaltanwendung auf syrischem Staatsgebiet abzusehen“. Am vergangenen Mittwoch telefonierte der türkische Verteidigungsminister mit seinem russischen Kollegen. Es sei „um die aktuelle Situation in Nordsyrien“ gegangen, bestätigte die russische Seite.

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Erdogan denkt über Treffen mit Assad nach

Jetzt meldete das Nachrichtenportal Middle East Eye, dass die Türkei mit Russland über eine begrenzte Bodenoffensive verhandelt. Ziel der Operation soll es sein, die YPG aus der Region westlich des Euphrat zu vertreiben. Putin knüpft seine Zustimmung aber offenbar an Bedingungen: Auf Druck des Kremlchefs erwägt Erdogan jetzt ein Treffen mit dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Nach dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 hatte Erdogan die diplomatischen Beziehungen zu Damaskus abgebrochen und auf einen Sturz Assads hingearbeitet. Jetzt heißt es in Ankara, ein Regimewechsel in Damaskus stehe nicht mehr auf der türkischen Agenda. Erdogan selbst erklärte vergangene Woche, ein Treffen mit Assad sei „möglich“. In der Politik gebe es „keinen Groll und keine Verbitterung“.

Es ist in Ankara ein offenes Geheimnis, dass es auf der Ebene der Geheimdienste bereits intensive Gespräche zwischen der Türkei und Syrien gibt. Die Wiederannäherung zwischen Erdogan und Assad, die sich vor dem arabischen Frühling als „Brüder“ bezeichneten, seit über zehn Jahren aber erbitterte Feinde sind, dürfte der Preis für Russlands Zustimmung zu einer türkischen Bodenoperation in Nordsyrien sein. Moskau wird aber darauf bestehen, dass sie räumlich eng begrenzt und auf die tatsächlichen Sicherheitsbedürfnisse der Türkei fokussiert ist. Denn an einem Wiedererstarken des IS haben weder Putin noch Assad ein Interesse.

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