„Deutliche Warnung“

„Zeugnis der Klimakrise“: Özdemir stellt durchwachsenen Erntebericht vor

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) stellte am Freitag einen durchwachsenen Erntebericht vor.

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) stellte am Freitag einen durchwachsenen Erntebericht vor.

Ditzingen, Berlin. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat erneut für eine klimafreundliche Landwirtschaft geworben. Bei der Vorstellung des amtlichen Ernteberichts am Freitag im baden-württembergischen Ditzingen sprach Özdemir von einem „Zeugnis der Klimakrise“. Die Ernährung in Deutschland sei zwar gesichert, aber der Bericht stelle trotzdem eine deutliche Warnung dar. „Jetzt zu handeln ist essenziell und existenziell.“

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Der Bericht zeige, dass unabhängige Produktion und Selbstversorgung gestärkt werden müssten, sagte Özdemir weiter. Ein wesentlicher Hebel liege darin, unabhängiger von mineralischem Dünger zu werden, der energieintensiv hergestellt werde und von russischem Gas abhängig sei. Um die Versorgung mit Lebensmitteln angesichts angespannter internationaler Agrarmärkte infolge des Ukraine-Kriegs zu sichern, hatte Özdemir kürzlich einen Kompromissvorschlag gemacht, der vorsieht, dass die EU-Neuregelungen zu Flächenstilllegung und Fruchtwechsel im kommenden Jahr einmalig ausgesetzt werden. Angesichts des Ernteberichts die richtige Entscheidung, meinte Özdemir am Freitag.

Die Erntebilanz sei aufgrund der Witterung regional und lokal extrem unterschiedlich, es gebe Licht und Schatten. Insgesamt sei die Getreideernte, ausgenommen Körnermais, jedoch positiv ausgefallen: Mit rund 39,7 Millionen Tonnen liege sie um 4,8 Prozent höher als im vergangenen Jahr und auch im Vergleich mit dem sechsjährigen Durchschnitt 1,5 Prozent höher. Die Körnermaisernte drücke die Gesamtbilanz aber deutlich nach unten: Nach bisherigen Schätzungen erwarte man eine Ernte von 3,5 Millionen Tonnen, das wären 21,5 Prozent weniger als im Vorjahr und sogar schlechter als im Dürrejahr 2018. Kritisch sehe es auch beim Tierfutter aus: Einige Betriebe hätten schon an ihre Wintervorräte gehen müssen, wie auch der Bauernverband bei seiner Schätzung der Erntebilanz am Dienstag mitteilte.

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Umweltschutzverbände fordern nun ein zügiges Handeln, um die Landwirtschaft krisenfester zu machen. Laut Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), zeige der Erntebericht, „wie wenig unsere Landwirtschaft an die Folgen des Klimawandels angepasst ist“. Würden wir es nicht schaffen, Agrarflächen widerstandsfähiger zu machen, würden sich Extremwetterereignisse künftig noch negativer auswirken.

Deutschland lehnt Fracking ab: Warum die Methode eine Alternative sein sollte

Theoretisch könnte Deutschland mit eigenem Gas heizen, ohne jeden Import – vielleicht sogar zehn bis 20 Jahre lang. Doch das Schiefergas in tiefen Schichten kann nur per Fracking gefördert werden. Die Methode wird in Deutschland abgelehnt – aus Bedenken, die nicht mehr ganz aktuell sind.

Es brauche deshalb „erweiterte Fruchtfolgen, einen verbesserten Humusaufbau und Anbausysteme mit einer besseren Fähigkeit, Wasser zu halten“, meint Johann Rathke, Koordinator für Agrarpolitik des WWF. Özdemir könne Landwirte dabei mit einer nationalen Ackerbaustrategie unterstützen. Außerdem müssten die für Futtermittel verwendeten Flächen besser genutzt werden, „dazu braucht es eine nationale Ernährungsstrategie, die den Verzehr von proteinreichen pflanzlichen Alternativen zu tierischen Erzeugnissen fördert“.

Die SPD-Fraktion sei dankbar für die Ernten, die Landwirtinnen und Landwirte „auch in diesem Jahr unter überaus erschwerten Krisen- und Kriegsfolgenbedingungen“ eingefahren hätten, sagte die ernährungs- und landwirtschaftspolitische Sprecherin Susanne Mittag dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Aber: „Der Erntebericht zeigt, dass wir Tempo machen müssen, um unserem gemeinsamen Ziel einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Landwirtschaft nah zu kommen.“ Dazu gehörten die Ampelverabredung eines Bundesprogramms „Zukunftsfähiger Ackerbau“ und die Ernährungsstrategie.

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Kritik an Özdemir aus der Unions-Fraktion

Die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion, Carina Konrad, mahnte derweil, dass die Sorgen durch steigende Preise von Bürgerinnen und Bürgern besonders in den Blick genommen werden müssten. Landwirte stünden vor großen Herausforderungen, „denn Bürokratie und fehlende Innovationskraft bei Pflanzenschutz und Sortenvielfalt fesselt die Branche“, so Konrad gegenüber dem RND. Die FDP-Fraktion sehe Innovation wie moderne Biotechnologie und neue Züchtungsmethoden als Weg, um die Versorgung mit Lebensmitteln langfristig zu sichern.

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Aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wurde am Freitag Kritik am grünen Landwirtschaftsminister laut. Ihr stellvertretender Vorsitzender, Steffen Bilger, meinte etwa, Özdemirs „viel zu langes Zaudern“ bei der Aussetzung der für 2023 geplanten Flächenstilllegung „oder das nach wie vor fehlende Gesamtkonzept inklusive Finanzierung beim Umbau der Tierhaltung schaden der deutschen Landwirtschaft.“ Laut Bilger stünde Özdemir jetzt mit den Vorschlägen der EU-Kommission zum Pflanzenschutz „vor seiner nächsten Bewährungsprobe“. Auch der Bauernverband hatte am Dienstag die EU-Pläne kritisiert, Rukwied warnte vor einer drohenden Ernährungskrise.

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