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Vor der Fußball-WM in Katar: der Gewerkschafter, der sich im Emirat auskennt

Blick aus dem Fenster eines abfliegenden Flugzeugs auf die Hochhäuser von Doha mit dem Sheraton Grand Doha Hotel (l).

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Liebe Leserin, lieber Leser,

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als Nancy Faeser, die sozialdemokratische Bundesministerin des Inneren, am 1. November nach einem zweitägigen Aufenthalt in Katar die Heimreise antrat, da blieb einer am Flughafen in Doha zurück: der Gewerkschafter Dietmar Schäfers. Der 67-Jährige wollte am Ort der Fußball-Weltmeisterschaft noch ein paar weitere Gespräche führen, so wie er das seit 2013 regelmäßig tut. Das hatte innerhalb der Stadt auch einen Ortswechsel zur Folge. Schäfers zog aus dem feinen Sheraton-Hotel um in eine preiswertere Herberge für 70 Dollar pro Nacht. Gewerkschafter eben.

Der Mann mit den beiden Ansteckern am Revers – einer von der Baugewerkschaft und ein zweiter mit der Aufschrift „Gegen Hass und Gewalt“ – stach in der Reisegruppe auch sonst hervor, wegen seiner unprätentiösen Art und seiner Kenntnis von den Verhältnissen in Katar. Da ist er unerreicht.

Dietmar Schäfers, Gewerkschafter und Katar-Auskenner.

Dietmar Schäfers, Gewerkschafter und Katar-Auskenner.

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Schäfers wurde im Sauerland geboren, kam als Kind nach Mülheim an der Ruhr und lebt heute in Gelsenkirchen. Daher stammt seine Frau. Und wer in Gelsenkirchen wohnt, der ist Schalke-Fan. Logo. Erst am Samstag wohnte Schäfers dem Heimspiel gegen Bayern München bei. Es dürfte, trotz Niederlage und großer Abstiegsgefahr, nicht das letzte Heimspiel für ihn gewesen sein.

Beruflich war Schäfers von 2001 bis 2019 stellvertretender Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bau – und ist jetzt Vizepräsident der globalen Gewerkschaftsföderation Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI). In dieser Eigenschaft kümmert er sich seit bald zehn Jahren um die Zustände in jenem Land, in dem am 20. November die Fußball-WM beginnt. Ja, Schäfers war schon vor der Faeser-Reise sage und schreibe 15-Mal in dem Emirat. Deshalb fällt sein Urteil auch differenzierter aus als das jener Zeitgenossen, die Katar lediglich vom Tresen in der Kneipe kennen.

Als der Funktionär 2013 das erste Mal hinflog, wurden zunächst alle Termine abgesagt. Denn er hatte sich vorher in deutschen Medien kritisch über die Verhältnisse geäußert. Schäfers fuhr trotzdem und sah Unterkünfte, „in denen hätte ich meinen Hund nicht schlafen lassen“.

Das Lusail-Iconic-Stadion in Doha: Hier soll das Finale der Weltmeisterschaft gespielt werden. Gebaut wurde es vornehmlich von Gastarbeitern.

Das Lusail-Iconic-Stadion in Doha: Hier soll das Finale der Weltmeisterschaft gespielt werden. Gebaut wurde es vornehmlich von Gastarbeitern.

Mittlerweile gehört er eher zu jenen, die Fortschritte im Land loben. Als Schäfers aus ähnlichen Gründen mal nach Russland reiste, da habe es im ersten Gespräch schon nach 25 Minuten den Versuch gegeben, ihn zu bestechen, sagt er. Derlei habe er in Katar nie erlebt. Zudem habe es auf den WM-Baustellen zuletzt deutlich besser ausgesehen als zu Beginn. Schäfers führt das nicht zuletzt auf die Inspektionen zurück, die er mit anderen Gewerkschaftern gemacht hat. Positiv sei schließlich, dass in Katar ein Mindestlohn von immerhin 250 Dollar im Monat eingeführt wurde. Das ist viel mehr, als einer in Nepal je bekommen würde.

Nein, Schäfers ist nicht naiv. Er sagt zwar, dass das Kafala-System abgeschafft worden sei, dass die überwiegend aus Südasien stammenden Wanderarbeiter de facto zu modernen Sklaven degradierte. Er sagt aber ebenso, dass manche Arbeitgeber in Katar so täten, als habe es die Abschaffung nicht gegeben. Und er dringt darauf, bei der Vergabe von internationalen Sportwettkämpfen künftig stärker auf die Einhaltung der Menschenrechte zu achten. „Denn Menschenrecht ist Arbeitsrecht, und Arbeitsrecht ist Menschenrecht“, sagt Schäfers. „Das ist nicht verhandelbar.“

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Besuchte zusammen mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.) das Gastgeberland der Weltmeisterschaft: Innenministerin Nancy Faeser.

Besuchte zusammen mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.) das Gastgeberland der Weltmeisterschaft: Innenministerin Nancy Faeser.

Nur von einem Boykott hält der Mann aus dem Ruhrgebiet „überhaupt nichts“. Dabei verweist er auf die Wanderarbeiter selbst. „Die sagen auf die Frage nach einem Boykott: Wir sind stolz auf das, was wir hier geschaffen haben.“ Längst haben Schäfers und seine Leute denn auch vereinbart, „dass wir über die WM hinaus in Katar bleiben können“.

Wenn die Scheinwerfer, die auf die WM gerichtet sind, nach dem Finale erlöschen, dann bleibt Dietmar Schäfers ganz persönlicher Scheinwerfer also eingeschaltet. Da ist der Gewerkschafter in ihm weitaus stärker als der Fußball-Fan.

 

Bittere Wahrheit

Die Erinnerung an die Shoa ist konstitutiv für dieses Land. Ohne eine gelebte Erinnerungskultur gibt es auch keine demokratische Kultur der Bundesrepublik Deutschland.

Josef Schuster

Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

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Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist fraglos einer der Leiseren im Lande und gewiss keiner, der auf Effekthascherei aus ist. Umso gravierender stellt sich dar, was der 68-jährige Josef Schuster, der in Haifa geboren wurde und seit Jahrzehnten in Würzburg lebt, zuletzt in der „Süddeutschen Zeitung“ anlässlich der Pogromnacht am 9. November 1938 zu Papier brachte. Er warnte dort vor wachsendem Antisemitismus links wie rechts des politischen Spektrums sowie davor, das „Menschheitsverbrechen“ der systematischen Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten einfach „abzuschütteln“ oder in eine Reihe zu stellen mit dem Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 1989. Das Gedenken an die Shoa wachzuhalten, sei nämlich „konstitutiv für dieses Land“.

Noch Anfang August hatte Schuster in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) an Ignatz Bubis erinnert, einen seiner Amtsvorgänger, der am Ende resignierend erklärte: „Ich habe gar nichts erreicht.“ Schuster sagte bei der Gelegenheit, er sei „von Haus aus eher Optimist als Pessimist“. Drei Monate später hat sich der Ton so verdüstert, dass die Republik alarmiert sein sollte.

Der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster in Frankfurt.

Warnte vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland: Josef Schuster.

 

Wie das Ausland auf die Lage schaut

Die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ kommentiert den UN-Klimagipfel und schaut dabei auch auf Deutschland:

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„Sollten reiche Länder für die Folgen von Klimakatastrophen in armen Ländern aufkommen? Diese Frage wurde in letzter Minute auf die Tagesordnung des UN-Klimagipfels in Ägypten gesetzt. Insbesondere die afrikanischen Länder, die zusammen weniger als 4 Prozent der Treibhausgase ausstoßen, aber unverhältnismäßig stark von der Erderwärmung betroffen sind, haben in den vergangenen Wochen großen Druck ausgeübt, um mehr Solidarität zu erzwingen. Deutschland und Großbritannien haben angekündigt, Klimakompensationen nicht mehr als Tabu betrachten zu wollen.

Dies ist eine wichtige Kursänderung. Bislang scheuten die reichen Länder vor der Idee der Klimakompensation zurück, weil sie befürchteten, dass Schadensersatzforderungen kein Ende nehmen würden, sobald sie die Haftung für Klimakatastrophen anerkennen. Diese Befürchtungen sind nicht unbegründet. Fest steht, dass die globale Erwärmung von Ländern verursacht wurde, die sich schon viel früher industrialisiert und entwickelt haben und mit einem umweltschädlichen Konsumverhalten noch immer die Früchte davon ernten.“

Pakistanische Frauen waten durch die Fluten, während sie in der pakistanischen Provinz Sindh Zuflucht suchen. Auf der Weltklimakonferenz in Ägypten wird erstmals auch offiziell das Thema "Finanzen" verhandelt. Entscheidend ist die Frage, ob und wie viel Kompensation reichere Länder für Klimaschäden in Entwikclungsländern zahlen.

Pakistanische Frauen waten durch die Fluten, während sie in der pakistanischen Provinz Sindh Zuflucht suchen. Auf der Weltklimakonferenz in Ägypten wird erstmals auch offiziell das Thema "Finanzen" verhandelt. Entscheidend ist die Frage, ob und wie viel Kompensation reichere Länder für Klimaschäden in Entwikclungsländern zahlen.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ aus der Schweiz kommentiert den von der Ampelkoalition angestrebten Ausbau von Windkraftanlagen:

„15 Prozent. So gering ist der Anteil der gut ausgelasteten Windkraftanlagen in Deutschland. Davon stehen fast alle im äußersten Norden. Im Süden, wo der meiste Strom verbraucht wird, sind die Windräder an Land im Schnitt zu weniger als einem Fünftel ausgelastet. Überlebensfähig wären solche Anlagen ohne hohe Fördersummen nicht. Gebaut wurden sie, weil Fondsgesellschaften hohe Renditen versprachen und fehlerhafte Windprognosen hohe Erträge. Vor allem war es aber politisch gewollt. Das ist noch immer so.

Denn nicht unausgereifte Technik oder die ungünstige Topografie im Süden, der renitente Landbewohner soll schuld sein am stockenden Ausbau. Warum sich dieser über ein 250 Meter hohes Windrad vor seiner Haustüre freuen soll, wenn gleichzeitig dieselbe Berliner Regierung aus ideologischen Gründen die sichersten Kernkraftwerke der Welt ab- und dafür klima- und gesundheitsschädliche Kohlekraftwerke wieder anschaltet – es bleibt ein Rätsel in der nicht gerade rätselarmen Geschichte der deutschen Energiewende.“

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Herzlich

Ihr Markus Decker

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