Russlands Atomwaffen

Geheime Kola-Halbinsel: Warum Putin Angst vor dem Nato-Beitritt Finnlands hat

Ein Blick auf die Küste der Halbinsel Kola (Archivfoto).

In der westlichen Bevölkerung kennt kaum jemand die karge Halbinsel Kola am Nördlichen Polarkreis. Dabei ist sie für Russland das militärische Herzstück. „Dort lagert ein beträchtlicher Teil der russischen Nuklearwaffen, darunter nukleare Sprengkörper und Raketen“, erklärt Simon Koschut im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Er ist Professor für Internationale Sicherheitspolitik an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und sagt, dass vor allem der Hafenstadt Murmansk im Norden von Kola eine besondere Bedeutung zukomme. „In Murmansk gibt es den wichtigsten U‑Boot-Standort der russischen Nordmeerflotte.“

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Einige der U‑Boote sollen auch über nukleare Waffen verfügen, heißt es in Fachkreisen. Da es sich bei Murmansk um den einzigen eisfreien russischen Hafen in der Arktis handelt, hat Russland aber keine Alternativen als eben jenen Stützpunkt. Die maritime Zweitschlagfähigkeit, also die für die Reaktion auf einen atomaren Erstschlag benötigte Zeit, hängt laut den Fachleuten der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zu zwei Dritteln von den U‑Booten in Murmansk ab. „Signal­charakter und spektakuläre Bilder schaffte die russische Marine im März 2021, als es erstmals dreien dieser Atom-U‑Boote gelang, im Abstand von wenigen Hundert Metern unter dem anderthalb Meter dicken Eis auf­zusteigen und es zu durchbrechen“, heißt es in einer Analyse.

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Doch die bisherige geostrategische Situation um Kola könnte sich schon bald verändern – und das bereitet Russland Sorgen. Denn Kola grenzt an Finnland, das in dieser Woche einen Antrag auf Nato-Mitgliedschaft gestellt hat. „Durch einen Nato-Beitritt Finnlands erhöhen sich die Vulnerabilität und potenzielle Verletzbarkeit der militärisch und strategisch wichtigen Halbinsel“, so die Einschätzung von Koschut.

Auf Kola hat Russland laut SWP sechs Brigaden mit jeweils 4000 bis 5000 Soldaten stationiert. Sie seien hauptsächlich für die Verteidigung der Halbinsel sowie Einsätze im größe­ren Arktisraum vorgesehen. Regelmäßig finden dort Übungen mit weiteren Streitkräften statt. Satellitenbilder zeigen moderne Landebahnen und Radaranlagen. „Russland hat auf Kola in den vergangenen Jahren enorm aufgerüstet, auch weil die Arktis aufgrund des Klimawandels an geostrategischer Bedeutung stark gewonnen hat“, bestätigt Koschut. Längst befindet sich auf Kola auch die größte Ansammlung von Luftwaffen­stützpunkten mit strategischen Langstrecken­bombern der russischen Luftwaffe.

Finnland und Schweden beantragen Nato-Beitritt

Nach jahrzehntelanger Neutralität haben Finnland und Schweden offiziell den Beitritt zur Nato beantragt.

Vom russischen Ort Medweschjegorsk bis nach Murmansk sind es mehr als 750 Kilometer durch die Pinienwälder der Tundra. Nur eine einzige Straße und eine Eisenbahnlinie führen vom russischen Festland nach Kola. „Diese Versorgungs­linien der Militäranlagen verlaufen bis nach Moskau und St. Petersburg und befinden sich sehr nah an der finnischen Grenze“, erläutert Koschut. Nur 200 Kilometer ist sie an einigen Stellen entfernt. Würden Nato-Bodentruppen nach dem Beitritt Finnlands künftig an der neuen Außengrenze stationiert, wären sie der wichtigen Autobahn auf die Kola-Halbinsel sehr nah. Mit einem überraschenden Angriff aus den dichten Wäldern könnten Soldaten die hochgerüstete Militärinsel von der russischen Versorgung abschneiden.

Das Nato-Mitgliedsland Norwegen grenzt zwar auch an die Halbinsel, ist aber von der Versorgungslinie deutlich weiter entfernt. Norwegen fühlt sich durch das riesige Nuklearwaffenarsenal Russlands in unmittelbarer Nähe bedroht. Das Land habe die Aufrüstung Russlands immer wieder angeprangert, sagt Experte Koschut.

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Offen ist nun, ob Finnland und Schweden nach dem Nato-Beitritt Soldaten nahe der Grenze zu Russland stationieren und ob es eine nukleare Teilhabe gibt. „Schweden und Finnland haben noch nicht entschieden, ob sie Waffensysteme der Nato oder eine permanente Stationierung auf ihrem Staatsgebiet zulassen“, sagt Militärstratege Oberst Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer dem RND.

Er wertet das als ein Zeichen der Deeskalation in Richtung Moskau. „Denn Putin hätte ein Problem damit, wenn es zur Stationierung von Waffensystemen oder größeren Kontingenten von Soldaten auf finnischem Staatsgebiet kommt.“ Und Schweden und Finnland würden nicht die nächste Eskalationsstufe erreichen wollen, indem sie nun Raketen im eigenen Land stationieren.

Sicherheitsexperte Kuschat rechnet ebenfalls nicht mit einer permanenten Truppen­stationierung: „Um Putin keinen Vorwand zu liefern, eine Aggression zu starten, wird es stattdessen voraussichtlich eine rotierende Truppenpräsenz geben.“

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