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Im Ersten Weltkrieg verwendet

Grausamer Racheakt? Russland soll Flechette-Splittermunition in Butscha eingesetzt haben

6.4.2022, Ukraine, Butscha: Ein ukrainischer Soldat steht neben zerstörten russischen Panzern in Butscha am Stadtrand von Kiew.

Dutzende der zivilen Opfer im Kiewer Vorort Butscha sind offenbar von russischer Splitter­munition getötet worden, sogenannten Flechettes. Das berichtete zuerst der britische „Guardian“ unter Berufung auf vor Ort eingesetzte Gerichts­­mediziner. Demnach seien in den Körpern kleine Metall­pfeile gefunden worden, die von russischer Artillerie stammen sollen.

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Unabhängige Waffen­experten haben dem „Guardian“ nun bestätigt, dass es sich bei den gefundenen Metall­splittern tatsächlich um Flechettes handeln. Eingesetzt hätten russische Truppen die Metall­splitter­munition kurz vor ihrem Abzug aus Butscha. Doch warum verwendet Russland ausgerechnet jetzt eine Waffe, die vor allem im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam?

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Gustav Gressel, Experte für Sicherheits­politik, Militär­strategien und internationale Beziehungen, zeigt sich überrascht über die jüngsten Berichte von einem Einsatz der Munition: „Dass es Flechette-Munition gibt, ist bekannt. Aber sie ist eigentlich relativ ineffizient im Vergleich zu normaler Spreng­munition. Es wundert mich schon, dass sie eingesetzt wurde“, so Gressel im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Der Einsatz der Munition sei „eigentlich eine Verschwendung von roher Lebens­dauer eines Artillerie­systems“.

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Eine Flechette-Ladung könne man sich laut Gressel als „gigantische Schrot­patrone“ vorstellen: „Es gibt eine Mutter­granate, die sich zu einem gewissen Zeit­punkt zerlegt.“ Aus dieser Granate träten dann lauter kleine Pfeile aus, die über einem gewissen Gebiet zu Boden fielen. Die Durch­schlags­kraft der Flechettes und die Fläche, auf der sie sich verteilen, seien abhängig von der Größe der Metall­splitter, ihrem Gewicht und dem Zeit­punkt der Zündung.

Die Metall­darts seien typischer­weise zwischen drei und vier Zentimeter lang, lösen sich von der Schale und verteilen sich in einem kegel­förmigen Bogen von etwa 300 Meter Breite und 100 Meter Länge, so der „Guardian“. Dem Bericht des britischen Blatts zufolge kann eine einzige Artillerie­granate bis zu 8000 Flechette-Pfeile enthalten.

Flechette-Einsatz ohne Effekt: „ein Racheakt“

Bei Artillerie­waffen wie russischen Panzern, die in Butscha gesichtet wurden, wirkten Flechette-Geschosse größtenteils nur auf ungeschützte Truppen. Im Ersten Weltkrieg hätte das laut Gressel noch Sinn ergeben: Damals seien Flechettes gegen angreifende Infanterie eingesetzt worden. Heute würden die meisten Militärs keine Metall­splitter mehr einsetzen, da die Waffe nicht besonders effizient ist, so Gressel.

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Laut Zeugen­aussagen in Butscha wurden die Geschosse von russischer Artillerie abgefeuert, einige Tage bevor sich die Streit­kräfte Ende März aus dem Gebiet zurück­zogen. Das berichtete zuletzt die „Washington Post“. Eine Bewohnerin der Kiewer Vorstadt hatte am 25. und 26. März entsprechende Metall­pfeile gefunden, die ihr Auto durchbohrt hätten. Laut Gressel sei der Einsatz von Metall­darts zu diesem Zeit­punkt ein bloßes „Mittel, um die Leute zu terrorisieren“. Gegen geschützte Einheiten, die vorrücken, würden sie gar nicht effektiv helfen.

Von der Leyen: „Wenn das kein Kriegs­verbrechen ist, was ist dann ein Kriegs­verbrechen?“

Die Europäische Union hat Russland für den Angriff auf den Bahnhof im ostukrainischen Kramatorsk mit mehr als 50 Toten verantwortlich gemacht.

Gegen die Ende März vorgerückten ukrainischen Truppen, die in gepanzerten Fahr­zeugen Gebiete zurück­eroberten und mutmaßlich auch den Rückzug der Russen in Butscha veranlasst hatten, hätte die Flechette-Munition somit gar keinen Sinn. „Dann ist es ein Racheakt“, schlussfolgert der Militär­experte. Ukrainische Truppen warfen Russland nach der Befreiung Butschas vor, grausame Kriegs­verbrechen an der Zivil­bevölkerung verübt zu haben.

Flechette-Munition gilt als besonders grausam: Beim Aufprall auf den Körper eines Opfers kann der Pfeil an Steifigkeit verlieren und sich zu einem Haken verbiegen, während das aus vier Flossen bestehende Heck des Pfeils häufig abbricht und eine zweite Wunde verursacht.

„Das Kriegs­verbrechen ist die Absicht, nicht der Einsatz der Munition“

Ob russische Truppen Spreng­granaten oder Granaten mit Metall­darts verwenden, ändere nichts an den Berichten über Kriegs­verbrechen in der Ukraine. „Die Absicht, Zivilisten zu töten – als Mittel der Einschüchterung, der Rache oder des Terrors, das ist das Verwerfliche.“ Das eigentliche Kriegs­verbrechen sei die Absicht, nicht der Einsatz der Munition.

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Artillerie­beschuss von zivilen Wohn­siedlungen ist Teil der russischen Kriegs­führung. Das an sich ist schon ein Kriegs­verbrechen. Mit welcher Munition sie da reinschießen ist im Grunde zweit­rangig.

Gustav Gressel,

Experte für Sicherheits­politik, Militär­strategien und internationale Beziehungen

International geächtet sind Flechettes bislang nicht. Ihr Einsatz verstößt in dicht besiedelten Gebieten aber gegen das humanitäre Völkerrecht. Menschen­rechts­gruppen wie Amnesty International bemühen sich schon seit langer Zeit um ein Verbot. Die Hilfs­organisation wirft unter anderem Israel vor, die Munition im Gaza­streifen im Winter 2008/2009 eingesetzt zu haben. Auch im Vietnam-Krieg seien seitens der USA Flechettes zum Einsatz gekommen, so der „Guardian“.

Gressel sieht in einem internationalen Verbot kaum Wirkung. Die umstrittene Munition sei „nicht für zivile Ziele gedacht“, sagt er gegenüber dem RND, sie sei nur ineffizient: „Der Ruf ‚Das ist verboten‘ ist eher Augen­auswischerei. Das ist auch bei der Brandwaffen­konvention so“, so der Militär­experte im Bezug auf den verboten Einsatz von Phosphor und Napalm­waffen. „Die haben alle Staaten, die sicher nicht Krieg führen werden, unterschrieben.“ Die Staaten, die Krieg führen oder daran denken, Krieg zu führen, hätten sie laut dem Experten nicht unterschrieben. Diese Staaten hätten diese Waffen und würden sie auch einsetzen, so Gressel.

RND/hyd

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