Warnung für den Westen

Der Holodomor – Töten durch Hunger als Waffe gegen die Ukraine

Kiew: Außenministerin Annalena Baerbock zündet zusammen mit Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, bei einem Besuch der Holodomor-Gedenkstätte im Mai 2022 Kerzen an. Diese erinnert an die bis zu 3,5 Millionen ukrainischen Opfer der großen Hungersnot in der kommunistischen Sowjetunion von 1932/1933.

Anfang der 1930er-Jahre ereignete sich eine menschgemachte Hungersnot in der Sowjetunion. Wiederholt sich der Gräuel jetzt? In der Ukraine erinnert man der Katastrophe, der nach übereinstimmenden Schätzungen allein in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik bis zu 3,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen, mit dem Wort „Holodomor“. Der Begriff Holodomor bedeutet Tötung durch Hunger.

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Eine Waffe, die schon Josef Stalin gegen die Ukrainerinnen und Ukrainer einsetzte – und jetzt Wladimir Putin nach ihm? Momentan fällt es in Kiew nicht schwer, diese Parallelen zu ziehen. Kann sich Russland einfach nicht mit der ukrainischen Souveränität anfreunden? „Die Russen wenden die Taktiken des frühen 20. Jahrhunderts an, um Getreide zu stehlen und es aus der Ukraine zu exportieren“, sagte der erste stellvertretende ukrainische Minister für Agrarpolitik, Taras Wyssozki.

Die Opfer des Hungers. Fußgänger und Leichen verhungerter Bauern und Bäuerinnen auf einer Straße in Charkiw 1933.

Die Opfer des Hungers. Fußgänger und Leichen verhungerter Bauern und Bäuerinnen auf einer Straße in Charkiw 1933.

Einkalkuliertes Leid

„Der Bauer muss ein wenig Hunger leiden, um dadurch die Fabriken und die Städte vor dem Verhungern zu bewahren.“ Was Wladimir Iljitsch Lenin auf dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands 1921 ankündigte, zeigte deutlich, was die Sowjetpolitiker mit ihrem Land vorhatten: Eine Industrialisierung zulasten der Bauern und Bäuerinnen.

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Ermöglicht werden sollte das durch die sogenannte Zwangskollektivierungspolitik. Dadurch mussten Landwirte und Landwirtinnen die Selbstständigkeit ablegen und sich in staatlich kontrollierbaren Kollektiven zusammenfinden. Ein Versuch, um die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen. In der Hoffnung, dass überschüssige Erzeugnisse im Tausch gegen Industriegüter exportiert werden könnten. Einziges Problem: Bis dahin hatten Bauern und Bäuerinnen mehrheitlich für ihre lokalen Gemeinden und Regionen kalkuliert.

Ein kleines Übel für das große Ganze

Wozu das Wunschdenken führte, offenbarte sich Anfang der 30er-Jahre. Begonnen hatte der Holodomor mit zwei Missernten. Dennoch steigerte der Parteikader die Abgabenquoten auf unrealistische Höhen. Als die Quoten nicht erfüllt werden konnten, ließ Stalin die Grenzen in der ukrainischen Sowjetrepublik schließen, um die mittlerweile hungernde Bevölkerung dort zu halten. Es folgten tausende Verhaftungen von Großbauern und -bäurinnen, Konfiszierungen von alltäglichen Haushaltsgegenständen und ganze Dörfer wurden ausgeplündert auf der Suche nach den geforderten Lebensmitteln.

Mit der gezielten Verschlimmerung der Hungersnot wollte Stalin die Bauern und Bäuerinnen zwingen, sich zu beugen. Erfolglos wie sich herausstellte. Millionen Menschen starben.

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Abtransport der Ernte durch sogenannte Rote Züge im Jahr 1932.

Abtransport der Ernte durch sogenannte Rote Züge im Jahr 1932.

Erinnerungskultur und die Frage nach dem Völkermord

Der Holodomor hat sich fest im historischen Gedächtnis der Ukrainer und Ukrainerinnen verankert, erklärt André Härtel im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Härtel hat selbst sechs Jahre in der Ukraine gelebt und arbeitet jetzt bei der Stiftung Wissenschaft und Politik am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin. Laut Härtel ist der Holodomor mittlerweile ein zentraler Teil der Erinnerungskultur des Landes.

Egal ob Gedenkstätten, Schulbücher oder Austausch in der Familie, spätestens seit 2014 spiele der Holodomor eine größere Rolle in der Ukraine. Seine Aufarbeitung begann jedoch erst nach dem Zerfall der Sowjetunion. Seitdem wird debattiert, ob es sich beim Holodomor um einen Völkermord handelt.

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Die USA und andere Staaten wie Australien erkennen den Völkermord an – Deutschland nicht. Wer den Holodomor als Völkermord anerkennt, begründet das unter anderem damit, dass bereits in den Jahren vor der Hungersnot die ukrainische Elite, sowie der Klerus durch Befehle von Stalin vernichtet wurden. Übrig blieben nun noch die ukrainischen Bauern und Bäuerinnen. Dokumente aus der Zeit legen nahe, dass Stalin den Plan verfolgte, widerständische ukrainische Bauern und Bäuerinnen einfach umzuerziehen.

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Nicht als Völkermord anerkannt ist der Holodomor zum Beispiel hier in Deutschland. Anders als beispielsweise in den USA wird in Deutschland angenommen, dass sich die Maßnahmen Stalins und die daraus resultierende Hungersnot zwar gegen Bauern und Bäuerinnen, aber nicht explizit die ukrainischen Bauern und Bäuerinnen gerichtet hätten.

Gegenwart: Es geht nicht um den Völkermord

Auf den ersten Blick möchten Zyniker und Zynikerinnen meinen, der Holodomor werde aktuell als Mittel zum Zweck eingesetzt. Doch Härtel glaubt, dass sich die Völkermorddebatte am Ende um eine Parallele drehen wird: Es werde versucht, der Ukraine die staatliche Souveränität abzuerkennen. Einst durch Stalin und jetzt durch Wladimir Putin, welcher der Ukraine ihre staatliche Identität als Nation aberkenne.

Es geht also eher um diesen Dialog, vermutet Härtel. Denn die Bedeutung der ukrainischen Souveränität habe insbesondere seit dem Konflikt im Donbass und dem damit verbundenen russischen Druck zugenommen. Somit spiele der Holodomor eine genauso große Rolle wie Tschernobyl oder der NKWD-Terror. „Man betrachtet sich selbst als eine der ehemaligen Kolonien der russischen Imperialisierungspolitik. Man war eine Kolonie Russlands. Innerhalb der Sowjetunion.“

Laut Härtel sei das aber auch etwas irreführend. Denn es müsse eingeräumt werden, dass ein Teil der sowjetischen Elite auch ukrainisch besetzt war und es auch Ukrainer und Ukrainerinnen gab, die in der Sowjetunion politisch Karriere gemacht haben.

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Dennoch gebe es eine Debatte, wie sehr die Ukraine russifiziert und sowjetisiert wurde. „Das ist natürlich eine ganz delikate Debatte. Heute geht der Dialog in der Ukraine mehrheitlich in die Richtung, dass es sich um ein kolonialistisches Verhältnis gehandelt hat.“, so Härtel.

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Er erklärt aber auch die russische Gegenposition zum Imperialistischen Motiv. Weite Teile der Ost- und Südukraine hätten sich stark sowjetisiert, es gab eine sowjetukrainische Elite und die Sowjetunion habe die Südostukraine nicht ausgenommen, sondern modernisiert und industrialisiert.

„Im Grunde ist an beiden Narrativen was dran. Aber meines Erachtens nach gibt es eine Reihe von wichtigen und unterbeleuchteten Anhaltspunkten, die für das koloniale Argument sprechen“, so Härtel.

Der Wink mit dem Zaunpfahl

Auf den Holodomor zu zeigen, stärke natürlich den Zusammenhalt und gebe dem Kampf nach Unabhängigkeit eine zusätzliche Legitimation. Jedoch würde Härtel die Bedeutung nicht zu hoch einschätzen. Denn die Bemühungen der Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Souveränität im eigenen Land zu rechtfertigen, habe sich durch den russischen Angriff 2022 selbst gelöst. Denn jetzt sei es offensichtlich, welche Ambitionen Russland verfolge.

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Das Problem und somit der Nutzen vom Umgang mit dem Holodomor besteht laut Härtel eher in der Wahrnehmung des Westens: „Außerhalb der Ukraine ist ein großer Bedarf da, da die Debatte, um das was Putin will, zum Beispiel in Deutschland sehr divers geführt wird. Worum geht es Putin? Und das ist eben dieses imperiale, dass Russland ein anderes Land beherrschen möchte.“

Dafür reicht der Ukraine nur ein Blick in die Vergangenheit auf den Holodomor.

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