Tod in russischer Kriegsgefangenschaft

„Ich hatte keine Zeit zu weinen“: Angehörige in der Ukraine warten auf Leichen

Ukrainische Soldaten nehmen an der Beerdigung von drei ukrainischen Soldaten.

Ukrainische Soldaten nehmen an der Beerdigung von drei ukrainischen Soldaten.

Tschubynske. In ihrem letzten Gespräch mit ihrem gefangen genommenen Freund schmiedete Viktoria Skliar Pläne für die gemeinsame Zukunft, wenn der ukrainische Soldat – wie vorgesehen - im Austausch mit russischen Gefangenen freikommen würde. Als Skliar ihn dann endlich sehen konnte, war Oleksij Kisilischin tot.

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Auf einem Foto mit mehreren Leichen konnte die Freundin den Toten erkennen. Die Behörden erklärten, die Männer seien bei einer Explosion in einem Teil des Gefängnisses in der von Russland kontrollierten Region Donezk umgekommen, in dem sie untergebracht waren.

Monatelang hatte Skliar gehofft. Ihr Freund war einer der Männer, die bis zuletzt das Asovstal-Stahlwerk in der belagerten ukrainischen Hafenstadt Mariupol gegen die russischen Angreifer verteidigt hatten. Vergeblich. Jetzt bleibt ihr nur die Hoffnung, wenigstens den Toten wieder heimzuholen.

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Bislang hat es die Ukraine geschafft, die sterblichen Überreste von Dutzenden Kriegsgefangenen aus dem Gefängnis von Oleniwka überstellt zu bekommen. Ob Oleksij Kisilischin dabei ist, ist unsicher. Und es dauert noch Monate, bis die Forensiker alle Toten identifiziert haben werden.

Schon allein, dass Skliar die Gewissheit hat, dass ihr Freund tot ist, unterscheidet ihr Schicksal von dem der meisten anderen Angehörigen, die in der Ukraine bangen. Sie erkannte seine Tattoos auf dem Foto, das nach der Explosion Ende Juli in den sozialen Medien verbreitet wurde. Auf dem Bild war Kisilischin zusammen mit acht weiteren Toten halb nackt auf dem Boden aufgereiht.

„Ich hatte keine Zeit zu weinen“

„Als ich das Foto sah, blieben meine Augen an Oleksijs Leiche hängen“, sagt Skliar. „Ich hatte keine Zeit zu weinen. Ich hatte schon alle meine Tränen vergossen, als sie in Asovstal waren. Mein erster Gedanke war, die Leiche irgendwie zurückzuholen.“ Dass ihr geliebter Freund in einem Massengrab landen könnte, war für Skliar unerträglich.

Sie habe Kontakt mit dem Internationalen Roten Kreuz aufgenommen, das Foto gezeigt und den Namen des Toten genannt, sagt die Ukrainerin. Die Helfer konnten ihr zunächst nicht beistehen: Sie müssen auf offizielle Listen und Vereinbarungen warten, bevor sie tote Kriegsgefangene zurückbringen können.

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Zivilisten fliehen aus Cherson

Die von Russland eingesetzte Verwaltung im ukrainischen Cherson hat die Zivilbevölkerung zum wiederholten Mal aufgefordert, die Stadt unverzüglich zu verlassen.

Kisilischin wurde nur 26 Jahre alt. Er war im Februar, zwei Wochen vor der russischen Invasion in der Ukraine, ins Asow—Regiment zurückgerufen worden, wo er bis 2016 gedient hatte. Der Tierpfleger und Tierrechtsaktivist verließ Kiew und seine Freundin, um seine Heimatstadt Mariupol zu verteidigen.

Noch als er während der dreimonatigen Belagerung der Stadt im Asovstal-Werk eingeschlossen war, sprach er täglich mit seiner Partnerin. Im Mai schließlich mussten die Kämpfer kapitulieren und sich den russischen Truppen stellen. Kisilischin wurde gefangen genommen, konnte allerdings immer noch in kurzen Telefonaten Kontakt zu Skliar halten. Diese hätten nie länger als eine Minute gedauert, sagt die Freundin. Und Kisilischin habe nur wenig über sich gesagt, nur mit „es geht“ oder „erträglich“ geantwortet, wenn sie gefragt habe, wie es ihm gehe.

Was genau in Oleniwka passierte, bleibt unklar

Schließlich habe sie einen Anruf bekommen, in dem die Stimme des Freundes hoffnungsfroh geklungen habe. „Er sagte, er würde woanders hingebracht. Er hoffte auf einen Austausch.“ An diesem oder dem nächsten Tag sei er dann wohl nach Oleniwka gekommen, und vom Roten Kreuz habe sie später gehört, dass er für einen Gefangenenaustausch vorgesehen sei.

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Drei Wochen später aber war Kisilischin tot. Aus dem Gefängnis und von den russischen Behörden hieß es, dass 53 ukrainische Gefangene bei der Explosion getötet worden seien. 75 weitere seien verletzt worden. Auf einer Liste der Opfer, die in russischen Medien veröffentlicht wurde, stand Kisilischin bei Nummer 43.

Was genau in Oleniwka passierte, bleibt unklar. Russland spricht von ukrainischem Raketenbeschuss auf das Gefängnis, die ukrainischen Streitkräfte haben das zurückgewiesen und Moskau beziehungsweise den kremltreuen Separatisten vor Ort vorgeworfen, Minen in der Haftanstalt gelegt zu haben. Die Explosion habe dazu dienen können, Verbrechen wie Folter an den Gefangenen zu vertuschen, lauteten Mutmaßungen aus der Ukraine. Auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur AP dazu reagierte das russische Verteidigungsministerium nicht.

Im August verständigten sich Russland und die Ukraine auf eine UN-Untersuchungsmission, erst dieser Tage hieß es aber vonseiten der Vereinten Nationen, die nötigen Sicherheitsgarantien stünden noch aus. Die Arbeit könne noch nicht aufgenommen werden.

Als andere ukrainische Kriegsgefangene im September schließlich in die Heimat zurückkehrten, machten Fotos ausgezehrter, aber von Freude gezeichneter Gesichter die Runde. Bei dieser Gruppe hätte auch Kisilischin sein sollen, meint Viktoria Skliar. Stattdessen kam er vermutlich mit 62 weiteren Toten am 11. Oktober in die Ukraine zurück – der Leichensack gekennzeichnet mit dem Wort „Oleniwka“.

Skliar hofft, ihn eines Tages beerdigen zu können. „Er kämpfte für ein freies Volk in einem freien Land, er verteidigte seine Stadt Mariupol“, sagt sie. „Er hat das Recht, in dem Land begraben zu sein, das er verteidigte.“

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RND/AP

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