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Kommende Tarifverhandlungen

Höhere Löhne oder sichere Jobs? Inflation bringt Gewerkschaften in die Zwickmühle

Ökonomen rechnen mit weiter hohen Inflationsraten. Was bedeutet das für die Tarifverhandlungen?

Berlin. Die Gewerkschaften wollen in anstehenden Tarifrunden dafür kämpfen, dass den Beschäftigten ein angemessener Ausgleich für die hohe Inflation gezahlt wird. Angesichts der Wirtschaftskrise soll es aber auch um Beschäftigungssicherung gehen.

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„Inflationsausgleich, eine Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an den Produktivitätsgewinnen und eine Verteilungswirkung bleiben die Hauptziele unserer Tarifpolitik, auch in dieser schweren Krise“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschafsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Dass Preissteigerungen mittelfristig in die Lohnsteigerungen einfließen müssen, ist doch klar“, fügte er hinzu.

Geringverdiener in Problemen

Der DGB-Chef betonte: „Wir sehen aktuell, dass die steigenden Preise insbesondere Gering- und Normalverdienende belasten.“ Insofern sei es „selbstverständlich und mehr als berechtigt, wenn Gewerkschaften in Tarifrunden auch auf die derzeit hohe Inflation verweisen und auf einen Ausgleich pochen“, sagte er. „Nur so können die Realeinkommen gesichert werden“, so Hoffmann.

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„Aufgrund der aktuellen Krise wird bei den anstehenden Tarifrunden neben fairen Löhnen auch die Beschäftigungssicherung im Zentrum stehen“, sagte er. „Gleichzeitig kann es aber nicht sein, dass manche Firmen in dieser kritischen Lage noch Extragewinne machen und hohe Dividenden auszahlen, die Gewinne aber nicht bei den Beschäftigten ankommen.“

IG Metall warnt vor Kaufkraftverlust

Die IG Metall hatte vor Kurzem deutlich gemacht, dass sie in den kommenden Tarifverhandlungen angesichts der hohen Teuerungsrate kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen will. „Unsere Beschäftigten erwarten, dass es nicht nur eine Einmalzahlung gibt, sondern Lohnerhöhungen in die Entgelttabellen eingehen“, hatte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann der „Augsburger Allgemeinen“ gesagt. Es gehe auch darum zu verhindern, dass die Beschäftigten Kaufkraft verlören und damit einer Rezession Vorschub geleistet werde.

Das Argument der Arbeitgeber, Betriebe hätten angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs kaum Spielraum für Lohnerhöhungen, wies Hofmann zurück. Viele Unternehmen würden die erhöhten Energiepreise auf ihre Kunden abwälzen – auch wenn dies nicht auf alle zutreffe. „Im Gegensatz zu Unternehmen haben Haushalte keine Chance, die Mehrbelastung durch die gestiegenen Preise weiterzureichen.“

Hilft eine Überbrückungslösung?

In der deutschen Chemie- und Pharmabranche wiederum haben sich Arbeitgeber und IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) angesichts der wirtschaftlichen Risiken durch den Krieg in der Ukraine erst einmal auf eine Überbrückungslösung geeinigt. Statt auf einen Tarifabschluss mit dauerhaften Lohnzuwächsen haben sie sich zunächst auf eine Einmalzahlung von 1400 Euro verständigt. Im Oktober sollen dann die Gespräche über Lohnerhöhungen weitergehen – in der Hoffnung, dass man dann genauer abschätzen kann, wie sich Konjunktur und Energiepreise weiterentwickeln.

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Unterm Strich ist klar: Die Gewerkschaften befinden sich in einem Dilemma. Ihre Mitglieder stellen fest, dass das eigene Gehalt in Zeiten hoher Inflationsraten immer weniger wert ist. Das sorgt für Druck, in Tarifverhandlungen Erhöhungen durchzusetzen. Gleichzeitig spüren die Menschen – wenn auch je nach Branche unterschiedlich stark – die angespannte wirtschaftliche Lage. Auch die Frage nach der Jobsicherheit wird damit für die Gewerkschaften in kommenden Tarifrunden ein wichtiger Faktor.

Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschafsforschung (DIW) in Berlin geht davon aus, dass die Tarifparteien angesichts der ökonomischen Unsicherheit durch den Krieg erkannt hätten: „Wir wissen gar nicht genau, wo die Reise hingeht.“ Deshalb sei Kreativität gefragt, fügt der Wirtschaftswissenschaftler hinzu. Es sei eine gute Überlegung, temporäre Vereinbarungen zu treffen – bis man genauer wisse, wie es wirtschaftlich weitergeht.

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