Experte spricht von „Illusion“

Große Gegenoffensive im Sommer angekündigt: Erobert die Ukraine schon bald ihr Land zurück?

Ukrainische Soldaten patrouillieren in einem kürzlich zurückeroberten Dorf nördlich von Charkiw in der Ostukraine.

Russland hat etwa 100 Tage nach Beginn der Angriffe auf die Ukraine große Teile des Donbass und die Landverbindung zur Krim erobert. Die russischen Streitkräfte konzentrieren sich darauf, die letzten Städte in den Donbass-Regionen Luhansk und Donezk unter ihre Kontrolle zu bringen. „Russland wird nun entweder die ukrainischen Truppen im Gebiet westlich von Donezk einschließen, oder die Ukrainer müssen sich durch die verbliebenen Schlupflöcher zurückziehen und das Gebiet aufgeben“, erklärt Oberst a.D. Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die Situation im Donbass.

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Doch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete angekündigt. „Wenn wir alles zurückgewonnen haben, was uns gehört, werden wir die Kämpfe beenden“, sagte Selenskyj in einer Videoschalte mit Studenten der französischen Universität Sciences Po. Sein Berater Oleksiy Arestovych nannte den 15. Juni als Stichtag, an dem sich die Situation an der Front zugunsten der Ukraine ändern werde. An diesem Tag findet der Nato-Gipfel statt, von dem sich die Ukraine weitere Waffenlieferungen erhofft.

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Die Vorbereitungen für eine große Gegenoffensive laufen bereits. Laut dem Militärexperten Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) erhält die Ukraine nach der Einberufung aller Wehrpflichtigen und Reservisten im Februar jetzt nach und nach neue Kräfte. „Wir werden etwa Mitte des Sommers sehen, dass die Ukraine durch die Mobilmachung über deutlich mehr Soldaten verfügt.“ Manche Soldaten waren schon im Donbass, brauchen nur Ausrüstung, und können dann in einem Verband kämpfen. Andere müssen erst noch an der Waffe und an Waffensystemen ausgebildet werden, und es dauert mindestens ein halbes Jahr, bis auch sie in einem Verband an der Front kämpfen können.

„Das ist eine Illusion, die sich aus militärischer Perspektive nicht abzeichnet.“

Wolfgang Richter,

Oberst a.D. zur vollständigen Rückeroberung der Ukraine

„Die große Gegenoffensive der Ukraine könnte im August beginnen, vielleicht auch eher im September“, erklärt Gressel im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Im September sei wieder ein Auswechseln vieler altgedienter Vertragssoldaten gegen neue Freiwillige zu erwarten, so der Experte. Russland muss zu dieser Zeit außerdem noch versuchen, viele Wehrdienstleistende zu Vertragssoldaten zu machen. Die russischen Streitkräfte wären ausgedünnt und die Ukraine könnte erfolgreiche Gegenoffensiven durchführen.

Russische Offensive im Donbass: Weiterhin schwere Kämpfe in der Ostukraine

Bei den schweren Kämpfen in der Ostukraine haben die russischen Streitkräfte etwa ein Drittel der Stadt Sjewjerodonezk unter ihre Kontrolle gebracht.

Die Ukrainer hatten zu Beginn des Krieges 250.000 aktive Soldaten und können auf etwa 900.000 gediente Reservisten und auch auf Freiwillige zurückgreifen. Oberst a.D. Richter sieht die ukrainischen Streitkräfte auch jetzt noch personell gut aufgestellt. In den vergangenen Tagen haben sie an der Grenze zwischen den Gebieten Mykolajiw und Cherson im Süden der Ukraine versucht, die von Russland besetzten Gebiete zurückzuerobern. Die Militärexperten vom Institute for the Study of War (ISW) sehen die Angriffe als „erfolgreiche begrenzte Gegenattacke“. Russland sei in der Region dazu gezwungen, zur Verteidigung überzugehen, schreiben sie in ihrem Lagebericht.

„Der Angriff soll auch russische Kräfte binden, damit sie nicht im Donbass kämpfen können“, so die Einschätzung von Georg Löfflmann, Assistant Professor für War Studies an der University of Warwick. Er rechnet mit weiteren punktuellen Gegenschlägen im Süden. Außerdem kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Anschlägen innerhalb besetzter Städte: Bis zu 150 russische Soldaten sollen seit der Besetzung der Stadt Melitopol an der Südküste bereits ums Leben gekommen sein.

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Unter ihnen befänden sich mehrere ranghohe russische Offiziere, teilte der ukrainische Bürgermeister von Melitopol, Ivan Fedorow, auf Telegram mit. Immer wieder kommt es in den Städten zu Anschlägen und Explosionen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Berichte nicht. Die ISW-Experten beobachten aber einen „anhaltenden und organisierten ukrainischen Widerstand in besetzten Gebieten“. Russlands größte Herausforderung könnten schon bald nicht mehr die Kämpfe an der Front, sondern die Kontrolle der besetzten Städte sein. Dass Russland dauerhaft die Städte halten kann, bezweifeln Fachleute.

Für eine komplette Rückeroberung der Südküste hat die Ukraine aber laut Löfflmann nicht die nötige Überlegenheit. Dabei war die Ukraine zu Beginn des Krieges mit 1000 Kampfpanzern und 1200 Artilleriesystemen materiell sehr stark aufgestellt. „Dass die Ukraine in einigen Wochen das gesamte Land zurückerobert, halte ich daher für ein Wunschdenken“, sagt auch Experte Richter dem RND. Selbst wenn die Ukraine alle bisher zugesagten Waffen erhalten würde, und möglicherweise auch die diskutierten Mehrfachraketenwerfer aus den USA, könne Russland ihnen notfalls mit einer Generalmobilmachung genug entgegensetzen. „Der Krieg würde dann nur verlängert und zu einer Materialschlacht, ohne dass die Ukraine nennenswerte Gebietsgewinne machen würde“, so der SWP-Experte. Einen großen strategischen Wurf mit der Rückeroberung aller verlorenen Gebiete sehe er nicht kommen. „Das ist eine Illusion, die sich aus militärischer Perspektive nicht abzeichnet.“

„Ich glaube nicht, dass Putin mittel- oder langfristig das Ziel aufgibt, die Ukraine vollständig zu erobern.“

Georg Löfflmann,

Assistant Professor (War Studies and US Foreign Policy) an der University of Warwick

Doch auch die russischen Truppen sind aus seiner Sicht nicht in der Lage, die Ukraine als Ganzes zu kontrollieren. Die operativen Reserven der aktiven Streitkräfte Russlands seien sehr begrenzt. „Die russischen Bodentruppen sind schon längst strategisch überdehnt und können ohne eine Generalmobilmachung kaum noch auf Reserven zurückgreifen.“

Erster Auftritt außerhalb Kiews: Selenskyj besucht Soldaten an der Front

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Sonntag die Front in der Region Charkiw besucht.

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Zum Verständnis: Russland verfügt insgesamt über 360.000 Bodentruppen, wenn man Heer, Marineinfanterie und Fallschirmjäger zusammenrechnet. Davon sind laut Richter etwa 60 Prozent in der Ukraine im Einsatz, mussten aber hohe Verluste hinnehmen. „Mehr Soldaten kann Russland kaum in die Ukraine schicken, ohne sie aus anderen Grenzgebieten von strategischer Bedeutung abzuziehen und erhebliche Risiken einzugehen“, gibt Richter zu bedenken. „Wahrscheinlich sind sie noch nicht mal in der Lage, die Ukraine an der Dnepr-Linie zu spalten.“ Der Experte glaubt, dass die Kriegsparteien irgendwann einsehen müssen, dass sie militärisch nicht weiterkommen. „Ich rechne damit, dass es im Herbst zu Gesprächen über eine Kompromisslösung kommt.“

Aber solange beide Kriegsparteien noch glauben, militärische Erfolge erzielen zu können, dauern die Kämpfe an. „Wenn Russland den Donbass und die Landzunge zur Krim halten kann, müssen wir mit weiteren Angriffen in anderen Teilen der Ukraine rechnen“, so Löfflmann. Er glaubt nicht, dass Putin mittel- oder langfristig das Ziel aufgibt, die Ukraine vollständig zu erobern. „Der Westen muss die ukrainische Armee letztlich auf westliche Militärsysteme schulen und ihr auch langfristig diplomatische, wirtschaftliche und militärische Mittel zur Verfügung stellen.“ Sonst werde die Ukraine eine drohende zweite Angriffswelle nicht überstehen.

Nun richtet sich der Blick auf das Treffen der Nato in Rammstein am 15. Juni. Fachleute rechnen damit, dass sich die Geberstaaten dort auch zu Waffenlieferungen absprechen werden. „Der Druck auf Deutschland wird noch einmal größer, mehr schwere Waffen an die Ukraine zu liefern“, sagt Löfflman. Bisher liegt Deutschland seiner Einschätzung nach bei Waffenlieferungen im Mittelfeld oder hinteren Bereich und hat viele angekündigte Waffen noch gar nicht geliefert. „Umfangreiche Waffen aus Großbritannien, den USA und Frankreich sind bereits angekommen, nur bei Deutschland dauern die Lieferungen immer noch sehr lange.“ Da die USA bereits sehr viel geliefert hätten, sieht Löfflmann Europa in der weiteren Bringschuld.

Am vergangenen Wochenende hatte Russlands Präsident Waldimir Putin in einem Telefonat mit Kanzler Olaf Scholz vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gewarnt. Scholz kündigte jedoch an, Deutschland werde „die Ukraine so lange unterstützen, wie das notwendig ist“. Nach offiziellen Angaben hat Deutschland der Ukraine bisher 50 Gepard-Luftabwehrpanzer und sieben Panzerhaubitzen 2000 zugesagt. Bisher geliefert wurde aber noch keiner davon. Frühestens im Juli sollen die ersten 15 Panzer an die Ukraine gehen. Die Ukraine fordert aber auch Kampf- und Schützenpanzer, Mehrfachraketenwerfer und Antischiffsraketen vom Westen.

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Auch von Deutschland werden beim Nato-Gipfel weitere Waffenlieferungen erwartet, erklärt Löfflmann. „Deutschland kann mit seiner Blockadehaltung bei der Auslieferung von Marder- und Leopard-Panzer eigentlich nicht zum Gipfel reisen“, so seine Einschätzung. Schließlich sei die Ukraine auf die Waffen aus dem Westen angewiesen, um Offensiven zur Rückeroberung durchführen zu können. Im Unterschied zu Polen, Tschechien, der Slowakei und den baltischen Staaten hat Deutschland bisher keine einzige schwere Waffe an Kiew geliefert. Doch für eine großangelegte Gegenoffensive reichen die bisher zugesagten Waffen nach Einschätzung von Gressel und Richter aber nicht aus.

„Die Artillerie ist schon jetzt knapp, es mangelt an schwerer Munition, an Raketenwerfern und gepanzerten Fahrzeugen“, erklärt Militärexperte Gressel. Polen und Tschechien hatten zwar die Lieferung schwerer Waffen angekündigt, doch sie können allenfalls die Gefechtsverluste ausgleichen. Die Waffenlieferungen genügen laut dem Experten nicht für Reserven, und für eine Rückeroberung benötige die Ukraine „noch einmal deutlich mehr Waffen aus dem Westen“.

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