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Am besten verteidigbares Objekt der Stadt

Geheime Schutzkeller und Tunnelsysteme: Was unter dem Stahlwerk von Mariupol steckt

Angriff auf das Stahlwerk von Mariupol.

Russland hat seine Angriffe in der Ostukraine fortgesetzt. Nach Angaben des renommierten „Institute for the Study of War“ (ISW) seien Teile der wichtigsten Frontstädte Rubizhne und Popasna nun erobert worden. Am Vormittag hatte Russland die Einnahmen von Mariupol verkündet, obwohl sich im Stahlwerk der Stadt weiterhin ukrainische Soldaten verschanzt hielten. Nach der ukrainischen Behörden seien dort etwa 1000 Zivilisten und 500 verwundete Soldaten.

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„Die Soldaten haben sich ins Stahlwerk zurückgezogen, weil es das am besten verteidigbare Objekt in Mariupol ist“, sagte der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) dem RND. „Dort sind Schutzkeller eingerichtet und es gibt weitverzweigte unterirdische Tunnel.“ Jetzt stelle sich die Frage, wie lange die ukrainischen Verteidiger von außen versorgt werden können. „Einige Tunnel könnten Ausgänge abseits des Stahlwerks haben, über die Wasser, Nahrung und Munition zu den Soldaten gelangen kann“, so Gressel.

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Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag die Anordnung gegeben, das Gelände des Stahlwerks nicht zu stürmen. „Blockiert diese Industriezone so, dass nicht einmal eine Fliege rauskommt“, ordnete der Kremlchef an.

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Entlang der gesamten Front in den Gebieten Donezk, Luhansk und Charkiw griffen die Russen zwar seit Dienstag an, sagte der Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, Olexij Danilow, in einem Radio-Interview. Es handele sich aber wahrscheinlich erst um „Probeangriffe“. Eine solche Unterscheidung hält Militärexperte Gressel für fraglich. „Die russische Armee geht jetzt langsam vor, will Verluste in den eigenen Reihen minimieren und nichts riskieren“, erklärt er die Strategieänderung.

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Die Kämpfe in der Ostukraine dürften noch über Wochen oder sogar Monate andauern, sind sich die Experten einig. Der Grund: „Die Ukrainer haben sich auf diesen Angriff in den letzten Jahren gut vorbereitet und haben ihre Abwehrmaßnahmen zuletzt noch einmal verstärkt“, sagte er im Gespräch mit dem RND. „Es gibt verbunkerte Stellungen, die mit Stahl und Beton geschützt sind.“ Außerdem würden Minenfelder und zahlreiche Panzergräben den russischen Truppen den Weg versperren.

Waffenlieferungen aus dem Westen würden die Abnutzung der russischen Streitkräfte unterstützen und die Hoffnung wecken, dass Russlands Angriffe an Schwung verlieren. „Die Ukraine hofft, dass die Verluste so schwer sind, dass die Russen irgendwann erkennen müssen, dass sie das gesteckte Ziel, nämlich die Einkesselung des Donbass, nicht erreichen können“, sagte Reisner.

Russland kämpft schon seit dem 24. Februar im Donbass und hatte vorher schon die pro-russischen Separatisten in diesen Oblasten unterstützt. Doch auch nach etwa acht Wochen Krieg konnten russische Truppen diese Gebiete nicht unter ihre Kontrolle bringen. Dass die Kämpfe noch über Wochen anhalten, glaubt auch Alexander Graef vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. „Es wird jetzt um zügige Landgewinne und die Einnahme von kleinen Ortschaften und Städten gehen“, sagte er im Gespräch mit dem RND. „Es ist zu vermuten, dass es auch zu schweren Kämpfen um Slawjansk kommen wird, wie zuletzt 2014.″ Im Gegensatz zu damals müsse sich Slawjansk jetzt aber gegen eine viel größere russische Armee wehren.

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Russlands Militärführung hat alle Truppen in die Ostukraine verlegt, die zuvor in Kiew gekämpft haben. „Sie haben relativ überstürzt und erzwungenermaßen Kräfte zusammengezogen“, so Militärstratege Reisner. „Die Chancen stehen 50 zu 50 für beide Seiten, in der Ostukraine eine Entscheidung herbeizuführen.“

Expertinnen und Experten rechnen damit, dass Russland versuchen wird, die ukrainischen Truppen mit einer Zangenbewegung einzukesseln. Dazu müssten russische Soldaten von Isjum im Norden und Mariupol im Süden vordringen. „Sie könnten aber auch einen größeren Angriff vom Osten Saporischschjas aus beginnen“, gab Militärstratege Reisner zu bedenken. Ein Vormarsch bis zum Dnepr und Dnipropetrowsk wäre sogar möglich. Für Russland hänge nun alles davon ab, ob und wieweit man die ukrainischen Truppen zurückdrängen könne.

Der Angriff könne aber auch „völlig fehlschlagen“ und die ukrainische Seite die Oberhand gewinnen. „Wenn die Ukrainer mit einem gezielten Artillerieschlag das Hauptquartier von General Dwornikow ausschalten, könnte Chaos ausbrechen und der russische Angriff zum Erliegen kommen“, beschreibt Reisner ein mögliches Szenario. Den russischen Truppen könnte aber auch an einer Stelle im Donbass der Durchbruch gelingen, sodass die Ukrainer in Panik verfallen und flüchten.

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Die ISW-Analyse geht davon aus, dass bereits die Einkreisung der ukrainischen Truppen in der Ostukraine viel Zeit in Anspruch nehmen werde. „Selbst wenn es zu einer vollständigen Einkreisung kommt, könnten die ukrainischen Verteidiger wohl eine lange Zeit durchhalten und wären in der Lage, die Belagerung zu durchbrechen.“ Sollte die Einkreisung gelingen, müsste Russland versuchen, die Zivilisten rauszuholen, so Reisner. „Es wird wieder Rufe nach einem humanitären Korridor geben, um die Zivilbevölkerung von den ukrainischen Soldaten zu trennen.“ Hunderttausende Zivilisten werden zwischen die Fronten geraten, warnte er. „Da kündigt sich die nächste humanitäre Katastrophe an.“ Wenn sich die ukrainischen Soldaten dann nicht ergeben, werde Russland sie „endgültig vernichten wollen“, meint der Militärstratege. Er fürchtet: „Dann gibt es eine ähnliche Situation wie in Mariupol.“

„Russland hat fast den gesamten Teil der kampfbereiten russischen Armee in der Ukraine im Einsatz.“

Oberstleutnant Markus Reisner,

Militärstratege beim österreichischen Bundesheer

Militärexperte Graef vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik glaubt ebenfalls: „Wenn Russland eine Einkesselung der ukrainischen Streitkräfte gelingt, sind Evakuierungen von Zivilisten aus Slawjansk und anderen Städten nötig.“ Allerdings gebe es, bis auf die Regionalhauptstadt Donezk, keine anderen Städte im Oblast Donezk mit einer vergleichbaren Größe wie Mariupol.

Oberst Reisner rechnet aber damit, dass Russland große Angst vor einer weiteren humanitären Katastrophe in der Ukraine hat. Denn immer mehr zivile Opfer würden auch die Weltgemeinschaft stärker als bisher gegen Russland aufbringen. Weitere Waffenlieferungen und Sanktionen könnten die Folge sein.

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In den vergangenen Wochen hatten russische Truppen versucht, schnell und tief in die Ukraine vorzustoßen. Doch nun habe sich die Taktik geändert, beobachten Militärstrategen. „Jetzt geht Russland sehr langsam und breit vor – das ist eine klassische russische Militärtaktik“, so Reisner. „Wir sehen massive Feuervorbereitung durch Artilleriegeschosse und Mehrfachraketenwerfer und erst wenn der Gegner durch dieses Feuer seine Stellung verlässt oder vernichtet wurde, rücken die russischen Truppen vor.“ Jetzt komme es darauf an, ob die Ukrainer dieser Feuerwalze etwas entgegensetzen können.

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Inzwischen hat Russland immer mehr Soldaten in die Ukraine gebracht. „Jetzt ist praktisch der gesamte kampfbereite Teil der russischen Armee auf dem Territorium unseres Staates und in den Grenzgebieten Russlands konzentriert“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft. Oberstleutnant Reisner hält das für plausibel. „Russland hat fast den gesamten Teil der kampfbereiten russischen Armee in der Ukraine im Einsatz.“ Durch eine Mobilisierung könnte Russland aber noch weitere Kräfte rekrutieren, zum Beispiel Reservisten oder Wehrpflichtige. „Das sind dann aber keine Elitekämpfer oder Berufskader, so wie die russischen Garde-Einheiten derzeit in der Ukraine.“ Offen ist, ob der Einsatz Wehrpflichtiger nicht zu einem breiten öffentlichen Unmut führen könnte.

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