Ukraine erobert Gebiete im Osten zurück

Wo die neue Frontlinie verläuft

Ukrainische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straße.

Ukrainische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straße.

Kiew. Der Krieg in der Ukraine läuft seit mehr als 200 Tagen. Eine Groß­offensive der ukrainischen Streitkräfte läuft – und zwingt offensichtlich viele russische Truppen zum Rückzug. „Die Befreiung von Ortschaften unter russischer Besatzung in den Gebieten Charkiw und Donezk setzt sich fort“, heißt es in einem Lagebericht des ukrainischen Generalstabs am Montag.

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Mehr als 20 Ortschaften wurden demnach allein innerhalb des letzten Tages zurückerobert, darunter auch Welykyj Burluk und Dworitschna. Beide Orte liegen mehr als 100 Kilometer östlich der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw und weniger als 40 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt.

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Russische Truppen ziehen sich aus dem Osten und Süden zurück

Am Wochenende hatte das russische Verteidigungsministerium den Abzug der eigenen Truppen aus der Region Charkiw bekannt gegeben. Offiziell begründet mit einer „strategischen Umgruppierung“, sieht es eher danach aus, als ob die ukrainischen Kräfte erfolgreich gegen die russischen Besatzer kämpfen. Kupjansk, Isjum, Lyman – all diese Städte hat die Ukraine am Wochenende von der russischen Besatzung befreit.­­

Kupjansk war zuvor ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und damit zentrales Logistikzentrum der russischen Truppen gewesen. Auch der internationale Flughafen Donezk und das Zentrum der Stadt Lyssytschansk sollen wieder unter ukrainischer Kontrolle stehen. Bereits am Sonntagabend verkündete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Ukraine habe die strategisch wichtige Stadt Isjum zurückerobert, nachdem russische Truppen sich von dort zurückgezogen hätten.­­­

Auch aus dem Gebiet Cherson im Süden des Landes ziehen sich die russischen Truppen ukrainischen Angaben zufolge zurück. Die Ukraine hatte vor Tagen vorgetäuscht, ihre Offensive vor allem hier zu vollziehen. Dass die ukrainischen Kräfte nun vor allem im Osten des Landes vordringen, hat die russischen Truppen wohl überrascht.

UK: Nur noch einzelne „Nester des Widerstands“

Nach Einschätzung britischer Geheimdienst- und Militärfachleute muss sich Russland nun vor allem auf die Abwehr der ukrainischen Gegenoffensive konzentrieren. Die ukrainischen Vorstöße hätten „erhebliche Folgen“ für die russische Militärplanung. „Das bereits eingeschränkte Vertrauen, das die eingesetzten Truppen in die russische Militärführung haben, dürfte wahrscheinlich weiter schwinden“, heißt es in einer Mitteilung auf Twitter.­

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Es gebe nur noch einzelne „Nester des Widerstands“ im gesamten Gebiet Charkiw, heißt es weiter. „Seit Mittwoch hat die Ukraine ein Gebiet von mindestens der doppelten Größe des Großraums Londons zurückerobert.“

Auch im Süden des Landes in der Region Cherson haben die russischen Truppen demnach Schwierigkeiten, ihre Stellungen zu halten. Der Nachschub über den Fluss Dnipro sei gestört. Eine schwimmende Brücke, deren Bau vor zwei Wochen begonnen wurde, sei noch immer nicht fertig. Zudem greife die ukrainische Artillerie hier vermehrt an, heißt es aus dem britischen Verteidigungsministerium.­

Selenskyjs Hightechattacken auf Putins Truppen

In der Ukraine geraten Russlands Soldaten zunehmend in die Defensive, von Cherson bis Charkiw. Kiew vermeidet dabei große Schlachten und setzt auf eine Mischung aus Überraschungstaktik, Hightechwaffen und psychologischer Kriegsführung.

Außenminister Kuleba bekräftigt Forderungen nach Leopard-Panzern

Angesichts der ukrainischen Rückeroberungen bekräftigte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba am Wochenende erneut, dass sein Land dringend Leopard-2-Panzer benötige, um die gegnerischen Linien zu durchbrechen – auch von Deutschland. „Jeden Tag, an dem in Berlin jemand darüber nachdenkt oder darüber berät, ob man Panzer liefern kann oder nicht, stirbt jemand in der Ukraine, weil der Panzer noch nicht eingetroffen ist“, sagte er.

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Außenministerin Annalena Baerbock reagierte zurückhaltend auf diese Forderung. Neue Zusagen in Sachen Waffen­lieferungen machte sie nicht. Sie versprach allerdings, dass Deutschland die Ukraine „so lange wie nötig“ auch militärisch unterstützen werde. Baerbock war am Samstag zu einem Überraschungs­besuch in die Ukraine gereist.

Die Bundesregierung gerät in der Frage der Waffenlieferungen zunehmend unter Druck – auch aus den eigenen Fraktionen. „Deutschland muss umgehend seinen Teil zu den Erfolgen der Ukraine beitragen und geschützte Fahrzeuge, den Schützenpanzer Marder und den Kampfpanzer Leopard 2 liefern“, sagte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP). Deutschland stehe damit an der Seite des ukrainischen Volkes und übernehme eine „führende Rolle in Europa im Kampf für Demokratie in Frieden und Freiheit“.­­

Angesichts des 200. Kriegstages bedankte sich Selenskyj bei seinen Lands­leuten für die Verteidigung der Heimat. „In diesen 200 Tagen haben wir viel erreicht, aber das Wichtigste und damit das Schwierigste liegt noch vor uns“, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache in der Nacht zu Montag.

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Er bedankte sich unter anderem bei den ukrainischen Bodentruppen, der Luftwaffe, den Seestreitkräften – und bei allen, die in diesen Tagen „die Geschichte der Unabhängigkeit, die Geschichte des Sieges, die Geschichte der Ukraine“ schrieben.

Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig prüfen.

mit Material der dpa

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