Finnin in Feierlaune

Lasst Sanna Marin in Ruhe! Vom albernen Tanz um eine junge Frau

„Noch nie im Leben Drogen genommen“: Sanna Marin, Ministerpräsidentin von Finnland, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen zu ihrem Partyverhalten.

„Noch nie im Leben Drogen genommen“: Sanna Marin, Ministerpräsidentin von Finnland, beantwortet auf einer Pressekonferenz Fragen zu ihrem Partyverhalten.

Zunächst mal die harten Fakten: Eine 36-jährige Finnin hat getanzt. Auf Videos in sogenannten sozialen Medien ist zu sehen, wie sie zunächst allein und dann im Engtanz mit einem landesweit bekannten Sänger zu „I Gotta Feeling“ von den Black Eyed Peas ausgelassen feiert. Sie wirft sogar die Arme zum Himmel. Man küsst sich eventuell auf den Hals. So weit der vollständige, erschütternde Sachstand.

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Nun heißt es allenthalben, die „Aufregung“ sei „groß“ („Salzburger Nachrichten“, „Der Kurier“, „SZ Magazin“, „Schweriner Volkszeitung“). Denn die Dame ist zufällig finnische Ministerpräsidentin. Die sogenannte „Aufregung“ über Sanna Marins eruptives Gliederschmeißen freilich besteht minderheitlich aus einer Handvoll verspannter finnischer Oppositionspolitiker und mehrheitlich aus ganz normalen Menschen, die völlig zu Recht nicht etwa empört über Marins Moves sind, sondern ihrer Bestürzung darüber Ausdruck verleihen, dass eine Privatparty einer sympathischen Politikerin dazu taugen soll, mediale „Aufregung“ zu generieren. So entsteht ein Perpetuum mobile der „Aufregung“, das am Ende aus ziemlich wenig originaler „Aufregung“ und ziemlich viel medialer Aufregung über die vermeintliche „Aufregung“ besteht (ja, dieser Text inklusive).

Doppelmoral bei Politikerinnen

Denn natürlich ist es hanebüchen, wenn die Chefin der kleinen christdemokratischen Oppositionspartei in Finnland nun Anlass zur Sorge darüber sieht, dass das Tanzen der Ministerpräsidentin möglicherweise eine „Bedrohung für die Sicherheit des Landes“ dargestellt habe. Es ist hanebüchen, dass Marin sich gar genötigt sah, in gleich zwei todernsten Pressekonferenzen zu versichern, sie sei selbstverständlich jederzeit erreichbar gewesen, immer nüchtern genug für die Führung des Landes und habe darüber hinaus noch nie im Leben Drogen genommen, „nicht mal als Teenager“ – ein Drogentest werde den Nachweis ihrer Rauschmittelabstinenz erbringen. Nachrichtenagenturen meldeten mit stocknüchterner Akkuratesse: „Die Regierungschefin hatte gestanden, Alkohol getrunken zu haben – wie viel, blieb offen.“ Ja Potztausend! Alkohol! Auf einer Party!

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Die Tatsache, dass Marins private Partymomente überhaupt Schlagzeilen generierten, zeigt vor allem eines: die Doppelmoral im Umgang mit Erwartungen an Politikerinnen, insbesondere an junge. Wenn ein smarter Silberrücken wie Barack Obama in nonchalanter Coolness öffentlich um seine Michelle rotiert, ist die Verzückung groß. Wenn aber eine 36-jährige Finnin in zeitgemäßer Ausgelassenheit für ein paar Stunden dem durchaus auch mal ätzenden Politikeralltag mit Inflation, Energiekrise, frischem Nato-Beitritt und einer lästigen 1200-Kilometer-Grenze zum Kriegstreiber Russland zu entfliehen droht, ist die „Aufregung groß“. Als sei es Pflicht und Schuldigkeit aktueller Verantwortungsträgerinnen, sich in Sack und Asche im Dauerkrisenmodus jeglicher Zerstreuung zu enthalten.

„Die Ministerpräsidentin darf sich betrinken“

Das ist bigott. Denn mögen Politiker auch abschnittsweise wirken wie Roboter im dauerprogrammierten Pflichtmodus – sie sind und bleiben Menschen, gefangen in einem Korsett aus Erwartungen und pastellfarbenen Blazern. Marins einziger Fehler bestand darin, ihre Freunde nicht sorgsamer zu wählen – denn welcher echte Freund würde Privatfilmchen von dir ins Netz stellen, wenn du Chefin eines Landes bist? Den ultimativen Kommentar zum Geschehen lieferte ein finnischer Wähler, der im Radiosender YLE die Sache völlig zutreffend auf den Punkt brachte: „Die Ministerpräsidentin darf sich betrinken.“ Punkt.

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Tanzende Politiker sind eine seltsame Spezies. Dankbarerweise dem Vergessen anheimgegeben sind Szenen von Gerhard Schröders 70. Geburtstag, als der Altkanzler wie beim Schattenboxen die Fäuste himmelwärts reckte und wohlig wiegend und wölfisch grinsend steil ging. Das sah nicht nur aus wie Augsburger Puppenkiste. Schröder verließ kurz den Bereich des gesellschaftlich Tolerierten und drang in unerforschte Sphären der Bewegungsästhetik vor.

Ähnlich unsouverän tanzten Emmanuel Macron in weltunmusikalischer Verstocktheit oder Donald Trump zu „YMCA“:

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CDU-Chef Friedrich Merz sah beim Tanz auf dem Sommerfest der CDU/CSU jüngst eher aus wie ein Bauer bei der Aussaat:

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Und auch der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU), nicht weiter bekannt für außergewöhnliche Ausgelassenheit, definierte im Kreise von Parteigenossen beim „Hubschrauber“-Tanz nach seinem Wahlsieg im Mai Fremdscham ganz neu. Man eskalierte im Rahmen der Möglichkeiten zu gepflegt unterkomplexen Textzeilen wie „Ich intubier, Bier, Bier, Bier / Bier, Bier, Bier, Bier, Bier, Bier, Bier, Bier / Bei deiner kleinen Schwester liegt ein Rohr, Rohr, Rohr / Scheiß auf Komfort, -fort, -fort“:

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Die Briten nennen das Phänomen der dem Jugendalter längst entwachsenen, aber die eigenen Tanzfähigkeiten als unverändert glamourös empfindenden Männer „Dad Dancing“. Forscher haben ermittelt, dass der tanzende Senior mit den „komplexen Bewegungen bei gleichzeitig mangelhafter Koordination“ instinktiv eine evolutionäre Funktion erfüllt: Er signalisiert dem jüngeren Weibchen, dass der Gipfel seiner Sexualität hinter ihm liegt. Übersetzt heißt sein Tanz also: „Geh weg, ich bin alt!“ Ganz anders Sanna Marin. Was wir da sehen, ist eine ganz normale Frau, die sich nach allen Regeln der Kunst und „ein bisschen verführerisch“ (Deutsche Presse-Agentur) locker macht: Komm her, ich bin jung!

Nicht dass sie feiert, provoziert, sondern wie

Möglicherweise ist es genau das, was manchen Zuschauer provoziert – nicht der Tanz der Sanna Marin, sondern ihre Jugend. Nicht die Tatsache, dass sie feiert, sondern wie sie feiert. In Deutschland zumindest scheint zu gelten: Solange man beim Tanzen unter Absingen räudiger Schlager eine Maß Bier schwenkt, geht die Sache in Ordnung. Aber wehe, man lässt sich im Club der unter 25-Jährigen erwischen. Oder trägt bei einem Treffen mit der schwedischen Amtskollegin Magdalena Andersson eine Lederjacke im Bikerstil.

Politik mit Bikerjacke: Die schwedische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson (links) und ihre finnische Amtskollegin Sanna Marin.

Politik mit Bikerjacke: Die schwedische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson (links) und ihre finnische Amtskollegin Sanna Marin.

Fest steht: Kaum etwas taugt zur Stressabfuhr besser als ein Tänzchen. Vielleicht täte es auch Olaf Scholz mal ganz gut, ausgelassen zu tanzen. Aber wer weiß das schon? Vielleicht nimmt sich der Mann ja bereits gelegentlich eine Auszeit und hottet auf hanseatische Weise zu Survivors „Eye of the Tiger“ ab. In diesem Fall freilich dürfen wir womöglich alle froh sein, dass von dem Vorgang noch kein Video existiert.

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