RND-Interview zur Lage in der Ukraine

Militärexperte Schreiber: Beim nächsten großen Angriff könnte die russische Front zusammenbrechen

Oberst i. G. Andreas Schreiber ist Militärexperte am German Institute for Defence and Strategic Studies, dem Thinktank der Bundeswehr.

Oberst i. G. Andreas Schreiber ist Militärexperte am German Institute for Defence and Strategic Studies, dem Thinktank der Bundeswehr.

Herr Schreiber, aus Cherson erreichen uns widersprüchliche Nachrichten über einen möglichen Rückzug russischer Truppen. Gibt es dort eine Flucht vor der ukrainischen Armee?

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In Cherson ziehen sich russische Truppen gerade mit großer Eile vom westlichen Ufer zurück. Bis vor zwei Wochen waren dort noch die Reste von drei bis vier Armeen und einem Armeekorps stationiert. Etwa 10.000 bis 15.000 Soldaten, die stark abgenutzt waren. Da die wenigen Brücken unbrauchbar gemacht wurden, stehen die russischen Streitkräfte vor enormen Herausforderungen, Material und Versorgungsgüter über den Dnjepr nach Cherson zu schaffen. Das erklärt auch, warum Russland kampfkräftige Soldaten aus der Stadt abziehen muss.

Es ist durchaus realistisch, dass von Cherson die Teile westlich des Dnjepr befreit werden können. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit.

Andreas Schreiber,

Oberst i. G. im RND-Interview

Ich habe den Eindruck, man versucht, dieses letzte noch kampfkräftige Personal zu evakuieren, solange man das noch kann. Gleichzeitig sehen wir, dass Russland neu rekrutiertes Personal in die Region Cherson schickt, um einen sicheren Abzug dieser Truppen zu ermöglichen. Ziel ist, dass es nicht wie an anderen Teilen der Frontlinie zu Zusammenbrüchen und zu fluchtartigen Ausweichbewegungen kommt.

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Halten Sie es für realistisch, dass die Ukraine Teile Chersons bis Jahresende noch zurückerobert?

Ja, es ist durchaus realistisch, dass von Cherson die Teile westlich des Dnjepr befreit werden können. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit. Denn Russland kann diese Truppenteile immer schlechter versorgen und die Ukraine greift gezielt die russischen Munitions- und Betriebsstofflager an. Dadurch könnte die Ukraine die russischen Truppen ganz ohne größere Gefechte zurückschlagen oder an Ort und Stelle vernichten. Diese Gefahr haben offenbar auch die Russen erkannt.

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Die Ukraine will alle illegal von Russland annektierten Gebiete zurückerobern. Die Region Cherson im Süden des Landes ist hart umkämpft.

Aus Cherson hat Russland bereits Zivilistinnen und Zivilisten deportiert und die Stadt sozusagen geleert. Steht dort die entscheidende Schlacht bevor?

Es muss nicht zwangsläufig auf eine entscheidende Schlacht hinauslaufen. Möglicherweise sehen wir zum ersten Mal in diesem Krieg ein koordiniertes Ausweichen der Russen aus einer Stellung, die ohnehin nicht mehr zu halten ist. Also Rückzug statt Konfrontation. Damit würde Russland einer taktischen Niederlage entgehen und könnte einen großen Teil der Truppe unbeschadet über den Dnjepr zurückholen und für den Aufbau neuer Einheiten verwenden. Sämtliches schweres Gerät ist allerdings verloren, da es nicht mehr über den Dnjepr gebracht werden kann. Das Auffüllen evakuierter Einheiten wird dann allerdings relativ lange dauern – zu lange, um das westliche Dnjeprufer noch zu halten oder diese Truppe mittelfristig wieder einsetzen zu können.

Vor wenigen Tagen haben wir noch über einen offenbar von Russland verminten Staudamm gesprochen, dann über eine „schmutzige Bombe“, deren angebliche Beweise sich als Fälschung herausgestellt haben. Wie ernst muss man das alles nehmen?

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Wir können zurzeit nichts ausschließen, weder die Sprengung des Dammes noch das Auslösen eines atomaren Zwischenfalls. Ich denke da nicht an eine „schmutzige Bombe“, sondern eher an das Kernkraftwerk Saporischschja. Allerdings würde beides den Russen taktisch und operativ nichts nützen. Wenn sie den Staudamm sprengen, würde die Flutwelle in erster Linie die russischen Stellungen am östlichen Ufer des Dnjepr treffen. Ein atomarer Zwischenfall würde je nach Windrichtung ebenfalls Gebiete verseuchen, die zurzeit unter russischer Kontrolle stehen. Diese Szenarien treffen also nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch die dort eingesetzten russischen Truppen. Ob Russland dieses Risiko eingeht, ist fraglich.

Zur Person

Oberst i. G. Andreas Schreiber ist Militärexperte des German Institute for Defence and Strategic Studies, dem Thinktank der Bundeswehr. An der Führungsakademie der Bundeswehr arbeitet er als Leitdozent für militärisches Nachrichtenwesen und Cyberoperationen. Er diente unter anderem beim europäischen Militärstab in Brüssel, kommandierte ein Logistikbataillon und war in den Stäben der 13. Panzergrenadierdivision und der 10. Panzerdivision für das militärische Nachrichtenwesen zuständig. Auch war Schreiber Verbindungsoffizier der deutschen Streitkräfte im Pentagon.

Und was ist mit der Strategie, durch einen solchen Schritt den Rückzug der russische Truppen in Cherson aus dem Fokus der Öffentlichkeit rücken zu wollen?

Der Kreml ist bei der Erklärung seiner militärischen Unfähigkeit momentan tatsächlich stark in die Defensive geraten. Noch mehr als in den letzten Monaten. Deshalb ist es vorstellbar, dass als Akt der Verzweiflung Aktionen wie die Sprengung des Staudamms oder ein atomarer Zwischenfall durchgeführt werden. Die Folge wäre jedoch weltweites Entsetzen, und selbst in der russischen Militärblogger-Community würde ein solcher Fall nicht zu großer Begeisterung führen oder als Sieg Russlands betrachtet werden. Paradox ist, dass man ausgerechnet ein Gebiet verwüsten würde, das man zuvor annektiert hat und offiziell als Teil Russlands proklamiert. Der Schaden wäre daher enorm, es wäre eine Bankrotterklärung des russischen Militärs.

Eigentlich hatten Beobachter vor mehreren Wochen angenommen, dass Russland sehr bald die Munition ausgeht. War das nichts als ein Wunschdenken oder war und ist da nach wie vor etwas dran?

Im Grunde genommen gibt es diese Meldungen immer wieder seit dem zweiten Kriegsmonat. Wir müssen aber unterscheiden, über welche Munition wir sprechen. Die normale russische Artilleriemunition der Kaliber 122 mm und 152 mm wird tatsächlich knapper. Aber die russischen Streitkräfte sind in keiner Weise an einem Punkt angelangt, an denen ihnen die Munition ausgeht. Anders verhält es sich bei der sogenannten Präzisionsmunition. Der Anteil verschossener russischer Präzisionsmunition ist nach den Angriffen auf Kiew vor etwa zwei Wochen sehr schnell wieder abgeebbt.

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Seit drei bis vier Tagen sind die russischen Truppen nun aber zum Halten gekommen. Die russischen Verbände sind einfach ausgeblutet und können nicht mehr.

Andreas Schreiber,

Oberst i. G. im RND-Interview

Offenbar hat Russland nicht mehr viel von dieser Munition, sodass jetzt in großem Umfang iranische Drohnen eingesetzt werden. Im Gegensatz zur Ukraine setzt Russland die Drohnen aber nicht taktisch an der Front ein, sondern als strategische Terrorwaffe gegen zivile Ziele. Russland versucht also, mit billigeren Mitteln den Druck aufrechtzuerhalten.

Militärische Fortschritte macht Russland damit aber nicht. Versucht man hier, den Krieg so lange wie möglich hinauszuzögern?

Russland versucht mit zugekaufter Munition und hastig mobilisierten Kräfte, zunächst die aktuelle Frontlinie zu stabilisieren, auch unter hohen personellen Verlusten. Gerade unter russischen Militärbloggern gibt es die Ansicht, dass Cherson erstens unhaltbar und zweitens operativ unwichtig ist. Russland könnte sich aus Cherson zurückziehen, um dadurch Kräfte freizumachen, die an anderer Stelle dringend benötigt werden. Gleichzeitig versucht Russland, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen, indem es Soldaten in Belarus ausbilden lässt. Viele der eigenen Ausbilder sind schon im dritten oder vierten Kriegsmonat eingesetzt worden und zum großen Teil gefallen. In Belarus wird nach der gleichen Doktrin und in der gleichen Sprache ausgebildet, und Lukaschenko kann sich möglicherweise damit freikaufen, selbst Truppen schicken zu müssen.

Im September hatte die Ukraine die Initiative, als sie große Teile Charkiws zurückeroberte. Hat sie die Initiative weiterhin?

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Die Ukraine ist weiterhin in der Vorhand und wir sehen noch immer erfolgreiche Angriffe im Süden. Dort kommen die Ukrainer langsam, aber stetig voran. Kleinere Erfolge der Ukrainer gibt es auch im Norden, östlich von Charkiw. Aber auch die russischen Angriffe an der Donbassfront gehen weiter. Die Fortschritte sind aber sehr gering, nur wenige Hundert Meter am Tag, und es gibt epische Verluste. Seit drei bis vier Tagen sind die russischen Truppen nun aber zum Halten gekommen. Die russischen Verbände sind einfach ausgeblutet und können nicht mehr. Wir befinden uns jetzt wieder in einer finalen Phase der Abnutzung, und die nächsten Zusammenbrüche stehen bei den Russen bevor. Nicht innerhalb der nächsten ein, zwei Tage, aber wohl innerhalb der nächsten ein bis zwei Wochen.

Das heißt, Sie rechnen jetzt vor Einbruch des Winters noch mit größeren Geländegewinnen der Ukraine?

Auf jeden Fall. Wir haben häufig Angriffe der Ukraine gesehen, nachdem sie die Russen soweit abgenutzt hatten, bis diese kaum noch zu Widerstand fähig waren. Der nächste große Angriff der Ukraine im Donbass könnte die russische Verteidigung durchbrechen und zu einem Zusammenbruch der russischen Front führen. Ich glaube auch, dass der Winter nicht zu einer Kampfpause führen wird. Gerade im Bereich des Donbass, wo der Winter sehr hart ist, wird es dann neue taktische Möglichkeiten für Angreifer geben. Dort werden die Flüsse und Seen zufrieren, sodass erst Infanterie und später auch Gefechtsfahrzeuge sie überschreiten können. Auch die aktuell aufgeweichten Böden werden bei Frost gangbar und eignen sich für schnelle Vorstöße.

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Aus der Ostukraine erreichen uns auch Bilder von einem groß angelegten Verteidigungswall, der wohl an die 200 Kilometer lang werden soll. Ist diese Befestigungslinie eine Vorbereitung auf den Winter?

Diese Befestigungslinie, die von der russischen Söldnergruppe Wagner öffentlichkeitswirksam gebaut wird, ist aus meiner Sicht vor allem der Versuch des Wagner-Chefs Prigoschin, die eigene Truppe aufzuwerten. Diese Form von Verteidigungslinien haben aber bestenfalls einen moralischen Wert. Schon seit den Anfängen der mechanisierten Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg wissen wir, dass derartige Verteidigungswerke nichts bringen. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Es reichen weder Zeit noch Material, um tiefergehende Befestigungen anzulegen, so wie es die Ukrainer im Raum Bachmut und Kramatorsk getan haben. Dabei ist die Ostukraine aufgrund vieler Flüsse und Seen eigentlich optimal zur Verteidigung geeignet. Aber die Ukrainer konnten Anfang September trotzdem große Gebiete im Handstreich einnehmen.

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Gegen die ausgedünnten Streitkräfte hat Russland eine Mobilmachung angeordnet und eine große Welle russischer Deserteure ausgelöst, die vor dem Kriegsdienst geflohen sind. Hat Russland die Mobilmachung letztlich mehr geschadet als geholfen?

Wir können schon jetzt feststellen, dass durch die Einberufung die Verluste der russischen Streitkräfte qualitativ nicht ausgeglichen werden konnten. Es ist für Russland unglaublich schwierig, diese neuen Soldaten überhaupt mit dem Nötigsten auszustatten und sie zu versorgen. Es fehlt ihnen an allem. Russland hat es nicht geschafft, sie auszubilden. Sie werden in der Ukraine einfach als Kanonenfutter an der Front verheizt. Und die russischen Reservisten wissen das.

In Russland heißt es, man habe die Fehler erkannt und will sie beheben. Glauben Sie das?

Bestimmt wurden die Fehler erkannt, aber trotzdem wird sich daran nichts ändern. Das russische System ist selbst mittelfristig nicht in der Lage, diese Fehler selbstständig zu beheben. Es ist schon erstaunlich, dass russische Rekruten fast sämtliche Ausrüstung selbst mitbringen müssen. Wir hatten bisher angenommen, dass zumindest in den großen Depots entsprechende Mengen an Uniformen, Kleidung für den Winter und einfachen Waffen vorhanden sind; da sprechen wir noch gar nicht von hochentwickelten Geräten. Doch offensichtlich ist das nicht der Fall.

Wird dann noch eine weitere Mobilmachung nötig sein, für neues Kanonenfutter?

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Ob es eine weitere Mobilmachung geben wird, ist schwer abzuschätzen. Klar ist aber, dass eine neue Mobilisierungswelle ebenso wenig erfolgversprechend wäre wie die aktuelle. Wir sehen gerade, dass Russland nicht einmal ausreichend Kapazitäten für die halbjährliche Einberufung der neuen Wehrpflichtigen zum 1. Oktober hat und dies auf den 1. November verschieben musste. Wie will man also eine weitere Mobilisierung durchführen? Und die Russen wissen inzwischen auch, was sich gerade an der Front abspielt, etwa durch Freunde und Bekannte, die eingezogen wurden und nun auf einmal kämpfen sollen.

Welche andere Strategie könnte Russland stattdessen einschlagen?

Russland müsste, erstmals in diesem Krieg, echte Schwerpunkte bilden. Für Russland würde es nur Sinn ergeben, die Zugänge zur Krim zu sichern. Die russischen Soldaten könnten das östliche Ufer des Dnjepr so weit aufgeben, dass sie in allererster Linie noch den Donbass halten können. Damit hätten sie sich auf das Gebiet von vor dem 24. Februar 2022 zurückgezogen. Auf mehr kann Russland nicht hoffen, und ich nehme an, dass die Kämpfe am Ende nicht gut für die Russen ausgehen werden.

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