Terroranschlag in Neuseeland

„Er versucht, nicht in Vergessenheit zu geraten“: Christchurch-Attentäter geht in Berufung

Der Attentäter von Christchurch will gegen seine lebenslange Haftstrafe in Berufung gehen (Archivbild).

Der Attentäter von Christchurch will gegen seine lebenslange Haftstrafe in Berufung gehen (Archivbild).

51 Morde, 40 versuchte Morde und eine Anklage wegen Terrorismus – im März 2020 bekannte sich der Australier Brenton Tarrant zu all diesen Anklagepunkten schuldig. Der Attentäter, der 2019 zwei Moscheen in Christchurch angegriffen und ein Blutbad angerichtet hatte, das er in Teilen live im Internet streamte, war die erste Person in Neuseeland, die nach geltendem Recht zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ohne die Chance, jemals frei zu kommen.

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Am Dienstag wurde nun bekannt, dass der inzwischen 32-jährige Tarrant sowohl gegen das Urteil als auch gegen das verhängte Strafmaß Berufung eingelegt hat. Dies bestätigte das neuseeländische Berufungsgericht der australischen Ausgabe von „The Guardian“, die als Erste darüber berichtete. Das neuseeländische Gericht wird zunächst prüfen, ob die Berufung überhaupt angehört wird, weil sie außerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist eingereicht wurde. Ein Verhandlungstermin wurde deswegen bisher nicht festgesetzt.

Alte Wunden aufgerissen

Der Australier, der seit 2017 in Neuseeland lebte, hatte die Attentate über Monate geplant und seine rechtsextremen, rassistischen Ansichten in einem Manifest veröffentlicht. Kurz nach seiner Festnahme hatte Tarrant noch gesagt, dass er sich gegen die Anklage verteidigen wolle, doch ein Jahr nach den Terrorangriffen änderte er sein Plädoyer in allen Anklagepunkten auf schuldig. Während der Urteilsverkündung im August 2020 schwieg er vor Gericht.

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Dass er nun – außerhalb der gesetzlich festgelegten Frist – in Berufung gehen möchte, hat in Neuseeland alte Wunden aufgerissen. Viele Opfer des Terroranschlags hatten nach der Schuldbekenntnis des Täters ihre Erleichterung darüber zum Ausdruck gebracht, dass ihnen das Trauma eines langwierigen Prozesses erspart geblieben sei.

Täter will Opfern „erneut Schaden zufügen“

Temel Atacocugu, der während des Angriffs auf die Al Noor-Moschee von neun Kugeln getroffen worden war, sagte der lokalen Tageszeitung „New Zealand Herald“, dass der Täter dies tue, um die Öffentlichkeit immer wieder daran zu erinnern, dass er immer noch hier sei. „Er versucht, nicht in Vergessenheit zu geraten“, meinte Atacocugu. Der Plan des Terroristen werde aber nicht aufgehen, er werde für immer im Gefängnis bleiben. Rahimi Ahmad, der bei dem Angriff ebenfalls angeschossen und schwer verletzt worden war, sagte, er sei von der Nachricht „sehr überrascht und deprimiert“ gewesen. „Ich hoffe wirklich, dass seinem Antrag nicht stattgegeben wird“, meinte er. Der Attentäter habe großes Glück, im Gefängnis gut behandelt worden zu sein.

Ein Polizist kniet im März 2019 vor dem Denkmal der Opfer des Terroranschlags von Christchurch nieder (Archivbild).

Ein Polizist kniet im März 2019 vor dem Denkmal der Opfer des Terroranschlags von Christchurch nieder (Archivbild).

Der Imam Gamal Fouda, der zum Freitagsgebet in einer der attackierten Moscheen gewesen war, sagte, er habe Vertrauen in das neuseeländische Justizsystem. Der Imam sprach gegenüber der lokalen Tageszeitung aber auch über das „erhebliche“ neue Trauma, das der Schritt des Terroristen in der muslimischen Gemeinde in Christchurch verursache. „Ich habe Mühe zu verstehen, warum er das tut, obwohl er sich selbst schuldig bekannt hat“, meinte er. Er könne nur vermuten, dass dies eine weitere Aktion des Terroristen sei, um seinen Opfern erneut Schaden zuzufügen, indem er die Erinnerung an sich und seine terroristischen Aktionen wachhalte.

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Das Verbrechen in Christchurch auf der Südinsel Neuseelands gilt als das blutigste in der jüngeren Geschichte des Pazifikstaats. Viele Überlebende leiden bis heute unter den Folgen, sind arbeitsunfähig oder müssen mit starken Schmerzen leben. Bei dem Prozess hatten mehr als 80 Überlebende und Hinterbliebene die Möglichkeit, Erklärungen abzugeben. Mit emotionalen und teils wütenden Wortmeldungen wandten sie sich oft direkt an den Täter.

Neuseelands schlimmster Terroranschlag aller Zeiten

Der Angriff auf die beiden Moscheen in Christchurch im März 2019 war Neuseelands schlimmster Terroranschlag aller Zeiten gewesen. Er hatte in dem Land zu weitreichenden Waffenreformen geführt – halbautomatische Waffen und Sturmgewehre wurden nach dem Angriff verboten. Außerdem engagierte sich Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern im Nachhinein dafür, dass terroristische und gewaltverherrlichende extremistische Inhalte im Internet beseitigt werden.

„Ich habe vor langer Zeit versprochen, den Namen des Terroristen vom 15. März nicht öffentlich zu nennen“, sagte Ardern. „Seine Geschichte sollte nicht erzählt werden, und sein Name sollte nicht wiederholt werden.“ Ardern hatte nach dem Urteilsspruch vor rund zwei Jahren bereits betont: „Er verdient völlige Stille auf Lebenszeit.“ Tarrant sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Auckland in Einzelhaft.

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Ardern wurde für ihre Reaktion auf die „schreckliche, verabscheuungswürdige Tat“, wie sie den Terroranschlag selbst nannte, weltweit Respekt gezollt. Die Sozialdemokratin war nach dem Anschlag mehrmals nach Christchurch gereist, um Opfer, Angehörige und Helfende zu besuchen und um in einer Schule zu sprechen, die mehrere der Opfer besuchten. Die muslimische Gemeinde rechnete Ardern zudem hoch an, dass sie aus Respekt ein Kopftuch trug und es schaffte, dank ihrer Empathie das neuseeländische Volk nach dem grausamen Anschlag zu einen anstatt zu spalten.

mit dpa

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