Rebell oder Faschist?

Was an Botschafter Melnyks Aussagen über Stepan Bandera stimmt – und was nicht

Aktivisten nationalistischer Parteien in der Ukraine trafen sich am 1. Januar zu einem Marsch durch Kiew, um den Geburtstag Stepan Banderas zu feiern.

Berlin. Wenn das Außenministerium eines Landes per Pressemitteilung auf Distanz zu einem seiner Botschafter in der Welt geht, rückt dessen Demissionierung womöglich in die Nähe. So gesehen wird für den ukrainischen Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, derzeit die Luft dünn.

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Bislang galt Melnyk, der Bundeskanzler Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“ betitelt und die Bundesregierung in Sachen Waffenlieferungen an die Ukraine wochenlang vor sich hergetrieben hatte, als ultimativer Stützpfeiler Kiews in Europa. Jetzt aber ist er in einem Interview am 29. Juni nicht nur genervten Deutschen auf die Füße getreten, auch in Polen wurde Unmut laut.

Was war passiert? Melnyk hatte sich in dem Gespräch mit dem Journalisten Tilo Jung ausführlich über seine Sicht auf den von Historikern international als Faschisten einge­schätzten, in Teilen der Ukraine jedoch als Freiheitskämpfer verehrten Nationalisten Stepan Bandera (1909–1959) geäußert. Der Botschafter versuchte, die Bedeutung Banderas und die Beteiligung der von ihm lange geführten Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an Massakern an Juden, Ukrainern und Polen während des Zweiten Weltkriegs herunterzuspielen oder zu relativieren. „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen“, hatte er gesagt.

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Das veranlasste das ukrainische Außenministerium Freitag früh zu folgendem Statement: „Die Ukraine ist Polen dankbar für seine beispiellose Unterstützung im Kampf gegen die russische Aggression. Es gibt keine Themen, die uns trennen, denn sowohl Kiew als auch Warschau verstehen die Notwendigkeit, angesichts gemeinsamer Herausforderungen die Einheit zu wahren.“

Und weiter: „Die Meinung, die der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, in einem Interview mit einem deutschen Journalisten geäußert hat, ist seine eigene und spiegelt nicht die Position des Außenministeriums der Ukraine wider.

Melnyks Affinität zu Bandera („Er ist eine wichtige Persönlichkeit, geschichtlich betrachtet, für die Ukraine – und er wird das auch bleiben.“) ist lange bekannt.

Ende April 2015 hatte er in München einen Kranz am Grab des 1959 von einem KGB-Agenten mit Blausäure ermordeten Bandera niedergelegt. Die Bundesregierung reagierte, im Bundes­tag darauf angesprochen, wenige Tage später so: „Die Bundesregierung verurteilt die von der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, teilweise unter Leitung Banderas begangenen Verbrechen an polnischen, jüdischen und ukrainischen Zivilisten und Amtsträgern. Dabei ist sie sich bewusst, dass ein erheblicher Anteil an diesen Verbrechen in Kollaboration mit deutschen Besatzungstruppen begangen wurde.“

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Melnyk spricht in dem Interview davon, dass man Bandera zum Feindbild schlechthin gemacht habe und damit auch russische Narrative verbreite und unterstütze. Wer also war Stepan Bandera, und wie bewerten Historiker Melnyks Aussagen über ihn?

War Bandera ein Faschist oder der Inbegriff des Freiheitskämpfers, wie Melnyk sagt?

Stepan Bandera war nach verschiedenen historischen Definitionen ein Faschist, sagt Kai Struve, Experte für ukrainische und polnische Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Andererseits schließt dies im Fall Bandera den Freiheitskampf nicht aus. Diese Ambivalenz ist man in der deutschen Öffentlichkeit nicht gewöhnt, darum ist die Auseinandersetzung mit Bandera für viele verwirrend. Er kämpfte an der Spitze der OUN für eine von der Sowjetunion, Polen und Deutschland unabhängige Ukraine. Bandera waren dafür alle Mittel recht – bis hin zu Morden. Das wird bei der Verehrung Banderas allerdings gern ausgeklammert.“

Laut Melnyk gibt es keine Belege dafür, dass Banderas Truppen Juden oder Polen ermordet haben. Stimmt das?

Das stimmt nicht, sagt Struve. „Zu den Massenverbrechen der Bandera-OUN gehörten zum einen Morde während des Herrschaftswechsels im Sommer 1941 in der Westukraine. Kampfgruppen oder von der OUN ins Leben gerufene lokale Milizen ermordeten hier mehrere Tausend Personen, die sie für Unterstützer der Sowjets und ihrer Verbrechen in den vorherigen 21 Monaten der sowjetischen Herrschaft hielten. Vorwiegend fielen diesen Morden Juden zum Opfer.“

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Das Stereotyp, dass Juden Träger und Unterstützer des sowjetischen Regimes seien, sei auch in der OUN weitverbreitet gewesen, so der Historiker. „Teilweise hatten diese Gewalttaten einen pogromartigen Charakter unter Beteiligung weiterer Einwohner, insbesondere in Orten, in denen in den Tagen zuvor sowjetische Massenmorde an Gefängnisinsassen stattgefunden hatten.“

Dr. Kai Struve ist Privatdozent am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Ukraine und Polens im 19. und 20. Jahrhundert.

Dr. Kai Struve ist Privatdozent am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Ukraine und Polens im 19. und 20. Jahrhundert.

Das größte Verbrechen waren allerdings Morde an mindestens 60.000 Polen – manche Schätzungen nennen bis zu 100.000 Opfer – in den Jahren 1943/1944 durch Einheiten der von der OUN Ende 1942 gegründeten Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), sagt Kai Struve. „Morden der UPA fielen in dieser Zeit auch Juden zum Opfer, die bis dahin in Verstecken überlebt hatten. Zu dieser Ausweitung der Gewalt trug bei, dass sich der UPA im Frühjahr 1943 eine große Zahl aus deutschen Diensten desertierte einheimische Polizisten anschlossen, die vorher in die deutschen Massenmorde an Juden in Wolhynien involviert gewesen waren.“

Bandera war nicht Teil des Holocausts, sagt Melnyk.

Diese Aussage findet Struve problematisch. „Die Verbrechen, für die sie verantwortlich sind, haben OUN und UPA nicht in deutschen Diensten begangen. Aber natürlich haben sie im Holocaust-Kontext stattgefunden.“ Für falsch hält Struve, dass Melnyk im Zusammenhang mit den Massakern an Polen vom polnisch-ukrainischen Krieg spricht. „Diese Interpretation wird in den letzten Jahren von national orientierten Historikern in der Ukraine vertreten. Sie ist aber so nicht haltbar. Es waren Bestrebungen, Territorien Polens von der polnischen Bevölkerung zu säubern. Das war Terror, das waren Verbrechen.“

Warum inhaftierten die Deutschen Bandera 1941 in Sachsenhausen und ließen ihn 1944 wieder frei?

Die Verkündung der Gründung eines ukrainischen Staats und die Einsetzung einer ukrai­nischen Regierung durch Banderas Stellvertreter Jaroslaw Stezko am 30. Juni 1941 wurde beiden zum Verhängnis, so Struve. „Die Deutschen lehnten die Staatsgründung ab. Als Bandera und Stezko sich weigerten, sie zurückzunehmen, wurden sie am 5. und 9. Juli verhaftet, nach Berlin gebracht und später bis in den Herbst 1944 in einer Sonderabteilung des KZ Sachsenhausen inhaftiert.“ Im Herbst 1944 hätte es dann doch Überlegungen bei den Deutschen gegeben, die Ukraine besser für den Krieg zu mobilisieren. „Da begannen sie Verhandlungen mit Bandera und entließen ihn aus der Haft. Er wollte jedoch nicht mitmachen und ging in den Untergrund.“

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Warum blieb Bandera bis zu seiner Ermordung in Deutschland?

Wohin sollte er gehen?, fragt Struve. „Es gab viele Ukrainer, die nach 1945 in den westlichen Besatzungszonen geblieben sind, also Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und eben auch Flüchtlinge aus dem Osten, die nicht in die sowjetische Besatzungszone oder erneut unter sowjetische Herrschaft geraten wollten. Er gesellte sich dazu. Meines Wissens ist Bandera nirgendwo angeklagt worden.“

Ist aus Bandera ein Feindbild gemacht worden, wie Melnyk behauptet?

Historiker Struve sagt, Bandera ist ein positives und negatives Symbol. „Er verkörpert das ausgeprägte sowjetische Feindbild vom ukrainischen Nationalismus. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass es jede Form der Kollaboration mit den Deutschen in der Zeit der deutschen Okkupation dem ukrainischen Nationalismus zuschreibt. Aus dieser Sicht ist Bandera ein Henkersknecht der Deutschen.“

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Dabei habe er politisch keine so große Rolle gespielt, weil er von 1933 bis 1939 in polnischer und von 1941 bis 1944 in deutscher Haft gewesen war, so Struve. Doch die Tatsache, dass die UPA, die bis Anfang der 1950er-Jahre in der Westukraine Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer leistete, Bandera als ihren Anführer betrachtete, prägt das Bild vom Freiheitskämpfer Bandera in der Ukraine bis heute. „Es sind zwei Seiten derselben Medaille.“

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Melnyk reagierte Donnerstag auf Kritik einiger seiner Äußerungen, unter anderem auch aus den Reihen der jüdischen Gemeinde in Deutschland, gewohnt undiplomatisch. „Die Ukrainer“, antwortete er dem Pianisten Igor Levit auf Twitter, „brauchen keine postkolonialistischen Geschichte-Tipps aus Deutschland, das für 10 Millionen Opfer der Nazi-Terrorherrschaft verantwortlich ist. Doch statt diese NS‑Verbrechen gegen Zivilisten endlich aufzuarbeiten, hat man lieber Bandera als Zielscheibe gewählt.“

Anmerkung: Der Historiker Kai Struve wies im RND-Gespräch darauf hin, dass Tilo Jung in dem Gespräch mit Melnyk 800.000 jüdische Opfer der Massenmorde deutscher SS- und Polizei­einheiten einfach der Bandera-OUN zuschreiben würde. Dies sei aus dem Mund eines deutschen Journalisten „unerträglich“. Auch die Zahl an sich sei aus der Luft gegriffen.

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