75 Jahre Nürnberger Prozesse – von Saal 600 nach Den Haag

Nürnberg am 20. November 1945: Ein Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Militärgerichtshof.

Nürnberg am 20. November 1945: Ein Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Militärgerichtshof.

Nürnberg. „In diesem Saal stellen sich mir immer die Haare auf“, sagt Ulrich Maly. Von den Zuschauerplätzen aus gesehen saßen sie links auf zwei hölzernen Anklagebänken – 21 Männer, Hauptverantwortliche für die NS-Verbrechen. Es waren jene NS-Täter, die für die Alliierten greifbar waren. Vor 75 Jahren war das, als in Nürnberg im Schwurgerichtssaal 600 des Justizpalastes die Nürnberger Prozesse begonnen hatten. Am 20. November 1945.

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Der Sozialdemokrat Ulrich Maly war 18 Jahre lang Oberbürgermeister von Nürnberg. In diesem Frühjahr trat er nicht mehr an, mit 60 Jahren wollte er in den Ruhestand. Doch liegt ihm die Franken-Metropole am Herzen, und so spricht er selbstverständlich über die Prozesse und die NS-Zeit. Und darüber, was man daraus lernen kann: „Es besteht die Chance, die Nürnberger Prozesse aus dem Vergangenheitsblick zu befreien.“ Immerhin sei dort erstmals international Recht gesprochen worden, Völkermörder wurden zur Rechenschaft gezogen – „davon träumt die Menschheit seit 100 Jahren“.

Ein Blick in eine Gefängniszelle im ehemaligen Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt in Nürnberg.

Ein Blick in eine Gefängniszelle im ehemaligen Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt in Nürnberg.

Fotos der zerbombten Stadt mit ihren vielen Ruinen geben einen Eindruck, wie es damals um Nürnberg stand. Sehr rasch begannen die Alliierten als Besatzungsmächte den Prozess. In den Zellen hinter dem Justizpalast – sie stehen teilweise noch – waren die Angeklagten einzeln untergebracht.

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Durch einen Gang wurden sie in den Saal geführt. Darunter waren etwa Hermann Göring, Reichsluftfahrtminister und zweiter Mann im NS-Staat, Rudolf Heß als „Stellvertreter des Führers“, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop oder Julius Streicher, Besitzer des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“.

Seit neun Monaten Teil des „Memoriums“

Der „600er“, wie er in Nürnberg oft genannt wird, ist ein größerer, holzvertäfelter Saal mit von der Decke hängenden Kronleuchtern und gegenwärtig einem großen schwarzen Holzkreuz über der Richterbank. Axel Fischer, Mitarbeiter des „Memoriums Nürnberger Prozesse“, weiß so ungefähr alles über diesen Saal.

Die Amerikaner hätten beim Umbau für das Verfahren „den historischen Pomp rausgehauen“, sagt er. Zuvor war der Saal von einem der berüchtigten NS-Sondergerichte genutzt worden, das politische Gegner und andere unliebsame Personen reihenweise und teilweise wegen Nichtigkeiten zum Tode verurteilt hatte.

Bis zum Februar dieses Jahres wiederum war der Saal regulär vom Schwurgericht genutzt worden. Seit neun Monaten ist er nun Teil des „Memoriums“ mit der dazugehörenden Ausstellung. In Nicht-Corona-Zeiten besichtigen 100.000 Besucher jährlich den Saal 600, drei Viertel davon aus dem Ausland. In den Räumen finden Diskussionsveranstaltungen statt, Filme werden gezeigt, es gibt Theaterprojekte. „Das ist in die Zukunft gerichtet“, sagt Fischer. Und so steht auf einer Schautafel: „Von Nürnberg nach Den Haag.“

Die fränkische Großstadt mit 520.000 Einwohnern hat viele unterschiedliche Facetten: Mittelalter, Albrecht Dürer, Bratwurst und Lebkuchen. Und: NS-Ort. Als „Stadt der Reichsparteitage“ war sie von Adolf Hitler auserkoren worden, auf dem Zeppelinfeld gab es martialisch-riesige Aufmärsche zu Ehren des „Führers“, der auf der Tribüne sprach. Die „Kongresshalle“ auf dem Areal war als NS-Monumentalbau geplant, der aber nicht fertiggestellt werden konnte. In einem Teil davon befindet sich heute das „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“.

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Die Hauptangeklagten Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop (v.l.n.r.) auf der Anklagebank während der Nürnberger Prozesse.

Die Hauptangeklagten Hermann Göring, Rudolf Heß und Joachim von Ribbentrop (v.l.n.r.) auf der Anklagebank während der Nürnberger Prozesse.

Nürnberger Menschenrechtsbüro

Die Geschichte dieser Stadt ist erdrückend. „Deshalb hat Nürnberg eine besondere Verantwortung“, sagt Martina Mittenhuber. Sie leitet eine städtische Stelle, die es so in keiner anderen Stadt in Deutschland gibt: das Nürnberger Menschenrechtsbüro. Es existiert seit 1997 und ist direkt dem Oberbürgermeister angegliedert. „Die Stadt nimmt das ernst“, sagt sie.

Ex-OB Ulrich Maly erzählt, dass anfangs unterstellt wurde, Nürnberg wolle sich „sauber waschen“. Doch soll sich das Büro gerade aufgrund der NS-Geschichte für Menschenrechte einsetzen. „Die Mechanismen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sind immer gleich“, sagt Maly. „Darüber muss erzählt werden.“ Nürnberg bezeichnet sich als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“.

So sieht der ehemalige Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt in Nürnberg aus.

So sieht der ehemalige Zellentrakt der Justizvollzugsanstalt in Nürnberg aus.

Die allerhöchsten NS-Größen waren vor 75 Jahren nicht da im Gerichtssaal: Adolf Hitler hatte sich umgebracht, ebenso wie Joseph Goebbels und Heinrich Himmler. Martin Bormann, Hitlers „Sekretär“, war verschollen, sein Tod im Jahr 1945 wurde erst Jahrzehnte später festgestellt. Und SS-Führer Adolf Eichmann hatte sich nach Argentinien abgesetzt, wo er 1960 von israelischen Agenten aufgespürt wurde.

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Drei Angeklagte von Nürnberg wurden freigesprochen, sieben erhielten teilweise lebenslange Haftstrafen, elf wurden zum Tode verurteilt. In den frühen Morgenstunden des 16. Oktobers 1946 wurden zehn NS-Verbrecher in Nürnberg gehängt, darunter Joachim von Ribbentrop, Julius Streicher und Hans Frank, Befehlshaber im besetzten Polen. Hermann Göring hatte sich wenige Stunden zuvor mit Zyankali das Leben genommen.

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