Mythen rund um 9/11: Die Einstiegsdroge in die Welt der Verschwörungen

Das World Trade Center am 11. September 2001.

Das World Trade Center am 11. September 2001.

Berlin. Am „Ground Zero“ steigt noch Rauch auf, als auf beiden Seiten des Atlantiks die ersten Verschwörungserzählungen über den verheerendsten Terroranschlag in der Geschichte der USA gesponnen werden. Während Rettungskräfte in den Trümmern des World Trade Centers noch immer verzweifelt nach Überlebenden suchen, wird im Internet längst spekuliert. Gerade zwei Tage dauert es, bis der deutsche Journalist Mathias Bröckers in einem Beitrag für das Onlineportal Telepolis mutmaßt, die Bush-Regierung habe den Anschlag absichtlich geschehen lassen.

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Aus dem einen Text wird ab September 2001 eine ganze Verschwörungsserie, in den Jahren darauf schreibt Bröckers mehrere Bücher über 9/11. Der langjährige Redakteur der Berliner „Tageszeitung“ wird zu einem Shootingstar der Szene jener, die sich bald selbst als „Truther“ bezeichnen. Der Begriff leitet sich vom englischen Wort für „Wahrheit“ ab, obwohl die Szene mit selbiger oft auf Kriegsfuß steht.

Auch Gerhard Wisnewski ist einer von ihnen. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren arbeitet er als Filmautor für den WDR. Wisnewskis Dokumentation „Aktenzeichen 11.9. ungelöst“ aus dem Jahr 2003 bleibt jedoch sein letzter Film für den Sender. Darin lässt er Verschwörungsgläubige zu Wort kommen, zieht die offiziellen Berichte über den Hergang der Anschläge in Zweifel und biegt die Aussagen eines interviewten Augenzeugen so zurecht, dass sie seine Sichtweise bestätigen.

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Im gleichen Jahr erscheint im Verlag Droemer Knaur Wisnewskis Buch „Operation 9/11“. Darin wird der Autor noch deutlicher: Die Zwillingstürme seien gesprengt worden und nicht durch den Einschlag der Flugzeuge eingestürzt, es sei gar kein Passagierflugzeug in das Pentagon geflogen und auch der Absturz der ebenfalls von Terroristen entführten Boeing 757 der United Airlines im US-Bundestaat Pennsylvania habe so nicht stattgefunden, raunt er auf über 400 Seiten.

Statt in angesehenen Verlagen und TV-Sendern erscheinen Wisnewskis Werke heute längst im rechten KOPP-Verlag, zwischen Büchern über Ufos und Außerirdische, medizinischer Desinformation und rechtsradikaler Propaganda.

Großer Markt für Verschwörungserzählungen

Doch in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September boomt die Verschwörungsliteratur, die Bücher von Bröckers, Wisnewski und anderen werden zu lukrativen Bestsellern. Das Publikum für solche Werke ist groß: 19 Prozent der Deutschen halten es 2003 laut einer Forsa-Umfrage für möglich, dass die Bush-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hat. Bei den unter 30-Jährigen ist es sogar jeder Dritte.

Auch auf Videoplattformen, auf Blogs und in Internetforen verbreitet sich das konspirationistische Gedankengut. Ein ehemaliger Verschwörungsgläubiger blickt zurück: „Ein Video ist mir besonders in Erinnerung geblieben“, sagt Gerald. Seinen Nachnamen will der 39-jährige Österreicher lieber nicht in der Zeitung lesen. Er hat mit dem Kapitel abgeschlossen, klärt heute im Internet über Verschwörungsdenken auf.

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Im Video, das ihn damals so gefesselt hat, ist der Einschlag eines Flugzeugs in einen er beiden Zwillingstürme zu sehen. „Auf der anderen Seite des Gebäudes kommt etwas heraus, das aussieht wie die Nase des Flugzeugs“, erinnert sich Gerald. Diese offensichtlichste Erklärung für das zu Sehende genügt den „Truthern“ jedoch nicht. Die hätten geglaubt, in der Sequenz einen Beweis gefunden zu haben, dass die Einschlagsbilder computermanipuliert wurden, sagt Gerald. Das leuchtet auch ihm ein – damals. Stunden verbringt er damit, sich solche Videos anzuschauen.

Jede neue Theorie aufgesaugt

„Es gab verschiedene Theorien zum Einsturz der Türme, die sich gegenseitig ausschließen. Aber ich fand trotzdem jede neue Theorie interessant und habe sie aufgesaugt“, erklärt er heute. In seinem Freundeskreis werden diese widerstreitenden Theorien diskutiert. Doch in einer Sache sind sie sich einig: Die offizielle Version kann unmöglich stimmen. Es muss eine Verschwörung geben.

Die Erzählungen darüber, was sich am 11. September 2001 „wirklich“ zugetragen hat, und die Liste der vermeintlichen Beweise dafür könnten eine ganze Bibliothek füllen. Dabei wird es schnell sehr technisch: Dann geht es etwa darum, ob die Temperatur, mit der Flugzeug-Kerosin brennt, überhaupt ausreicht, um die Stahlträger eines Wolkenkratzers zu schmelzen. Videoaufnahmen vom Einsturz der Zwillingstürme werden mit Bildern kontrollierter Sprengungen verglichen um zu „beweisen“, dass nicht die Flugzeuge die Türme haben kollabieren lassen, sondern angeblich vorab platzierte Sprengladungen. Ein Gewirr vorgeblicher Fakten, das für Laien schwer zu durchblicken ist.

Wisnewski und andere Konspirologen stürzen sich auf jeden vermeintlichen Widerspruch, füllen jede Informationslücke so, dass sich ihr großes Verschwörungsgemälde vervollständigt. Die reale Geheimniskrämerei und mangelhafte Informationspolitik der Bush-Regierung in den Monaten und Jahren nach den Anschlägen machen sie sich geschickt zunutze und erregen durch das beherzte Zitieren angeblicher Experten den Eindruck von Seriosität, von umfassender Recherche. Dass viele ihrer Mutmaßungen längst widerlegt sind, erfahren ihre Leserinnen und Leser nicht. Zumindest nicht von ihnen.

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Sehnsucht nach einem neuen Feindbild

Dieses Verschwörungsdenken ist kein neues Phänomen des 21. Jahrhunderts. In den USA boomte die „Conspiracy Culture“ etwa nach der Ermordung John F. Kennedys, erhielt in den 1990er-Jahren durch rechtsradikale und christliche Milizen neuen Aufwind, wie der emeritierte Politikwissenschaftsprofessor Michael Barkun von der Syracuse-Universität in New York erklärt. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten sich viele Amerikaner nach einem neuen Feindbild gesehnt, das eine Wiedereinteilung der Welt in Gut und Böse erleichtert. Verschwörungserzählungen bieten sich da an. So komplex sie mitunter erscheinen, geben sie doch einfache und klare Antworten in einer zunehmend verwirrenden Welt.

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Wie groß das Potential des Verschwörungsglaubens in einer Gesellschaft ist, zeigt sich in Krisenzeiten ganz besonders – vor 20 Jahren wie heute. In den letzten anderthalb Jahren sind es Mythen über die Corona-Pandemie, die sich als äußerst virulent erweisen. Das Muster bleibt gleich: Wir gegen die. Gut gegen böse. Oben gegen unten. Die „Aufgewachten“ gegen die „Schlafschafe“. Und immer auch: Gefühlte Fakten gegen die Wissenschaft.

Verschwörungsdenken dringt in den Mainstream vor

Doch etwas ist heute anders als 2001. Lange waren Verschwörungsmythen tabuisiert, fristeten eine Nischenexistenz als „stigmatisiertes Wissen“, wie US-Professor Barkun es beschreibt. In den vergangenen Jahren hat das Verschwörungsdenken mehr und mehr den Weg in den politischen Mainstream gefunden – besonders erfolgreich in den USA. Mit Donald Trump war dort vier Jahre lang ein Verschwörungsgläubiger Präsident, der noch heute behauptet, eine Verschwörung habe ihn um die Wiederwahl gebracht. Und mit der AfD hat das Verschwörungsdenken auch in Deutschland einen festen Platz in den Parlamenten bezogen.

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Aus der Gedankenwelt der Verschwörungsmythen wieder herauszukommen ist schwer – für eine Gesellschaft, aber auch für den einzelnen Gläubigen. Das zeigt auch Geralds Fall. Ein Buch, das ein Freund ihm schenkt, eröffnete dem Österreicher 2003 den Weg tief in den Kaninchenbau des Verschwörungsdenkens. Die Erde hält Gerald bald für hohl und erst 6000 Jahre alt. Überall wittert er Verschwörungen. Die Existenz von HIV und Krebs hält er für eine Lüge, zum Arzt geht er lange gar nicht mehr, aus Misstrauen vor der „Schulmedizin“.

Erst nach mehr als sieben Jahren setzen langsam Zweifel bei ihm ein. Der Weg zurück in die Realität erweist sich jedoch als lang. Besonders am Glauben an eine 9/11-Verschwörung hält Gerald noch länger fest, „recherchiert“ weiter im Internet, was „wirklich“ geschehen sein könnte.

Ein Schmied auf Youtube als Weg aus dem Verschwörungsglauben

Bis er schließlich auf dieses eine Youtube-Video stößt, das ihm die Augen öffnet: Ein kurzer Clip von zwei Minuten, der etwas anschaulich macht, für das zuvor schon viele Worte in Faktenchecks und wissenschaftlichen Aufsätzen aufgewendet wurden. Ein junger Schmied knüpft sich in dem Video die Behauptung vor, brennendes Kerosin könne keine Stahlträger schmelzen – und deshalb auch keine Hochhäuser einstürzen lassen.

Nicht in einer theoretischen Vorlesung, sondern in einer ganz simplen Demonstration: Mit seinem Schmiedeofen heizt er eine Stahlstange auf fast 1000 Grad Celsius auf. Das Metall schmilzt zwar nicht, wird aber so weich, dass es sich mit einem kleinen Finger mühelos biegen lässt – „wie eine verdammte Nudel“, wie der Youtube-Schmied resümiert. Die Vorführung ist so eindrücklich, dass Gerald auch seinen letzten Verschwörungsballast abwirft.

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Während Gerald den Weg hinaus findet, graben sich andere in den vergangenen Jahren immer tiefer hinein in die Welt der Verschwörungsmythen. Weit mehr als ein Dutzend Bücher publizierte allein Gerhard Wisnewski in den vergangenen Jahren. Die Verschwörungen lauern für den 62-Jährigen längst überall. Zum 20. Jahrestag der Anschläge wurde nun auch ein Kapitel seines ersten Buchs über 9/11 neu veröffentlicht – in einer Sonderausgabe des rechtsextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Compact-Magazins.

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