Afghanistan: Taliban erobern Kundus – früherer Bundeswehrstützpunkt in der Nähe

Mit Kundus ist nun die dritte Provinzhauptstadt in Afghanistan an die Taliban gefallen. Das afghanische Militär (hier im Bild) hat sich inzwischen zurückgezogen.

Mit Kundus ist nun die dritte Provinzhauptstadt in Afghanistan an die Taliban gefallen. Das afghanische Militär (hier im Bild) hat sich inzwischen zurückgezogen.

Kundus. Nach schweren Kämpfen in Afghanistan haben die Taliban am Sonntag nach eigenen Angaben die Provinzhauptstadt Kundus eingenommen. Ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP bestätigte dies. In Kundus wurden chaotische Szenen gemeldet, bei denen Gebäude und Geschäfte in Flammen aufgingen. Im Stadtzentrum wurde die Flagge der Taliban gehisst.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zuvor waren Regierungstruppen und Taliban im Zentrum von Kundus aufeinandergestoßen und hatten sich heftige Straßenkämpfe geliefert. Einige Soldaten hätten sich später in Richtung Flughafen zurückgezogen, heißt es von mehreren Mitgliedern des Provinzrates in Kundus.

Kundus wurde seit Langem von Talibankämpfern belagert. In den vergangenen zwei Tagen hätten die Islamisten ihre Angriffe intensiviert, sagten die Provinzräte. Abgesehen von einer Militärbasis rund drei Kilometer vom Stadtzentrum und dem Flughafen kontrollierten die Taliban nun die ganze Stadt. Dorthin seien Regierungsvertreter geflüchtet. Die Menschen in der Stadt hätten weder Wasser noch Essen. Sie hielten sich in ihren Häusern versteckt.

Taliban erobern weitere Teile Afghanistans zurück

Auch in einer weiteren nördlichen Hauptstadt, in der Provinz Sar-i Pul, toben heftige Kämpfe zwischen den Taliban und Regierungstruppen. Die Stadt Sar-i Pul wurde am Sonntag ebenfalls eingenommen. Inzwischen haben die Taliban weite Teile der ländlichen Gebiete Afghanistans unter ihrer Kontrolle. Sie kontrollieren mittlerweile mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke des Landes und auch mehrere Grenzübergänge. Nun greifen sie verstärkt die großen Hauptstädte der 34 Provinzen und Städte an den Grenzen an.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kämpfe finden unter anderem um die Stadt Herat in der Nähe der Grenze zum Iran sowie um Laschkar Gah und Kandahar im Süden statt. Zuletzt eroberten die Islamisten zwei Provinzhauptstädte: Schiberghan in der nordafghanischen Provinz Dschausdschan und die im Südwesten gelegene Hauptstadt der Provinz Nimrus, Sarandsch. Schiberghan ist zugleich Machtsitz des umstrittenen ehemaligen Kriegsfürsten und Ex-Vizepräsidenten Abdul Raschid Dostum, einer führenden Anti-Taliban-Figur.

Nach Angaben des afghanischen Verteidigungsministeriums fliegen die USA, die ihren Abzug aus Afghanistan praktisch abgeschlossen haben, weiter Luftangriffe in dem Land. Ein Talibantreffen in der Stadt Schiberghan sei mit B-52-Bombern angegriffen worden, teilte ein Sprecher auf Twitter mit. Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist amerikanischen Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.

Bundeswehr war in Kundus stationiert

Während des Krieges in Afghanistan war die Bundeswehr von 2003 bis 2013 in Kundus stationiert. Deutsche Soldaten waren von Kundus aus für die Sicherheit im Norden Afghanistans zuständig. Hier lieferten sie sich stundenlange Gefechte mit den Taliban. Nirgendwo in Afghanistan fielen mehr Deutsche als in Kundus und der Nachbarprovinz Baghlan. Im Vorjahr waren im Camp Pamir noch etwa 100 deutsche Soldaten stationiert. Ende Juni zog die Bundeswehr nach fast 20 Jahren aus Afghanistan ab.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Tausende Zivilisten wurden während der diesjährigen Kämpfe bereits vertrieben. Familien, darunter Babys und Kleinkinder, haben in einer Schule in der nordöstlichen Stadt Asadabad Zuflucht gefunden. „Viele Bomben wurden auf unser Dorf abgeworfen. Die Taliban kamen und zerstörten alles. Wir waren hilflos und mussten unsere Häuser verlassen. Unsere Kinder und wir schlafen unter schrecklichen Bedingungen auf dem Boden“, sagte Gul Naaz, einer der Geflüchteten, gegenüber AFP.

„Es wurde geschossen, eine meiner siebenjährigen Töchter ging während dieser Kämpfe raus und verschwand. Ich weiß nicht, ob sie lebt oder tot ist“, sagte ein anderer Vertriebener.

Kundus hat große Bedeutung

Die Einnahme von Kundus ist der bedeutendste Gewinn für die Taliban seit ihrer Offensive im Mai. Es ist eine der größten Städte Afghanistans und gilt als Tor zu den nördlichen Provinzen. Ihre Lage macht die Stadt strategisch wichtig – es gibt Autobahnen, die Kundus mit anderen Großstädten verbinden, darunter die Hauptstadt Kabul.

Die Provinz grenzt zudem an Tadschikistan: Diese Grenze wird für den Schmuggel von afghanischem Opium und Heroin nach Zentralasien genutzt, das dann seinen Weg nach Europa findet. Kundus zu kontrollieren bedeutet, eine der wichtigsten Drogen­schmuggel­routen in der Region zu kontrollieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wann haben die Taliban ganz Afghanistan unter Kontrolle?

Der Terrorismusforscher Peter R. Neumann sagte im RND-Interview: „Ich rechne damit, dass wir im nächsten Jahr den Sturz der Regierung sehen werden“. Die vom Westen unterstützte Regierung in Afghanistan sei offensichtlich noch schwächer, als die pessimistischsten Prognosen es vorausgesehen hätten.

Man gewinnt beinahe den Eindruck, Afghanistan wird den Taliban freiwillig überlassen.

Professor Peter R. Neumann,

Experte für islamistischen Terror

Durch den Rückzug des Westens habe sich das Gleichgewicht der Kräfte in Afghanistan deutlich verändert. „Die Taliban sehen jetzt wieder ihre Chance, Gebiete zurückzugewinnen, und diese Chance nutzen sie natürlich.“ Die Regierungstruppen seien zwar in der Überzahl, aber sie seien nicht in der Lage und oft auch nicht willens, gegen die Taliban zu kämpfen, so der Experte.

RND/scs

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen