Inzidenzen über 1000 in Bayern: Warum ist die Corona-Lage gerade im Süden so angespannt?

Pure Idylle auf der einen, horrende Zahlen auf der anderen Seite: Die Inzidenz im Landkreis Rottal-Inn liegt seit Tagen über 1000.

Pure Idylle auf der einen, horrende Zahlen auf der anderen Seite: Die Inzidenz im Landkreis Rottal-Inn liegt seit Tagen über 1000.

Müchen. 1122,3. Diese horrende Zahl vermeldete das Robert Koch-Institut (RKI) am frühen Samstag­morgen für den Landkreis Rottal-Inn, Niederbayern. Er ist damit bundesweiter Spitzen­reiter bei den neuen Corona-Infektionen. Berechnet auf 100.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich dort 1122 in den letzten sieben Tagen mit dem Virus infiziert. Auf Platz zwei folgt Miesbach, Oberbayern, mit 1117.

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Unter den bundesweiten Top Ten liegen acht im Freistaat, etwa Mühldorf am Inn, das Berchtesgadener Land oder Traunstein. Die Intensiv­stationen sind komplett voll, im Landkreis Rottal-Inn gab es jetzt nur mehr ein einziges freies Bett. Insgesamt hat Bayern eine Inzidenz von 478,7, nur in Thüringen und Sachsen ist sie höher, im Bund sind es knapp 277,4.

Höchstinzidenz­gebiet Bayern – woran liegt es? Ursula Münch schnauft ein wenig ins Telefon. „Wenn ich das so genau wüsste“, sagt die Politik­professorin. Seit einiger Zeit ist die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing zu einer Art Bayern-Erklärerin geworden. Die exorbitanten Zahlen sind nicht im ganzen Freistaat gleich. Vielmehr liegen die Hotspots recht genau im Süden am Rand der Alpen und im Bayerischen Wald.

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„Auf dem Land sind PCR-Tests manchmal schwer erhältlich“, meint Münch. „Wer beim Schnelltest positiv ist und dann ein paar Tage warten muss – bleibt der dann auch in Quarantäne?“ Sie führt die Nähe zu Österreich an, wo die Zahlen noch höher liegen: „An der Grenze wird ja faktisch nicht kontrolliert.“

Skepsis am südöstlichsten Zipfel: Haben die Menschen das Vertrauen verloren?

Doch es könnte durchaus auch etwas mit der, sagen wir, Einstellung mancher Menschen zu tun haben. „In den letzten Jahren hat vor allem auf dem Land der Vertrauens­verlust gegenüber staatlichen Institutionen und auch den Medien enorm zugenommen“, konstatiert Münch. „Je weiter weg die Leute von den Zentren sind, desto größer ist die Abneigung.“ Die AfD erhält vergleichsweise hohe Zustimmung, es gibt mehr Corona-Skeptiker.

Die aufgeschlüsselten Zahlen des gescheiterten „Querdenker“-Volksbegehrens zur Auflösung des Landtags belegen dies: bayernweit trugen sich 2,15 Prozent der Wahlberechtigten in die Listen ein. In Traunstein aber waren es 4,35, im Berchtesgadener Land 3,88 und in Rottal-Inn 3,80. Zugleich liegen die Impfquoten in diesen Landkreisen signifikant unter dem gesamten Bayern-Wert, der wiederum niedriger ist als im Bund.

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Auf dem Land in konservativ geprägten Regionen ist die grundsätzliche Skepsis gegenüber Neuem groß – und im Dorftratsch können sich seltene Ausnahmefälle schnell zur allgemeingültigen Wahrheit aufbauschen. So will sich ein Landwirt aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen trotz chronischer Atemwegs­erkrankung partout nicht impfen lassen, weil er der Sache nicht traut.

In seinem Umfeld schwirren wilde Gerüchte von massenhaft Herzmuskel­erkrankungen nach Corona-Impfungen umher – „fast alle sind tot“. Die nicht sonderlich solidarische Methode des Bauern: „Warten“ – bis genügend andere geimpft sind und es auf seine eigene Immunisierung nicht mehr ankommt. Dass auf dem Hof viel Durchlauf ist und oft Verwandtschaft vorbeikommt, stört nicht weiter. „Ich bin doch nur hier, was soll mir da passieren?“

Ein 60-jähriger Mann hat eine große Familie im südlichen Oberbayern. Über die Impfung sagte er, dass die Neben­wirkungen nicht erforscht seien, Corona beschrieb er als nur eine leichte Form der Grippe. „Die Leute werden geboren, die Leute sterben. Ein Virus kommt und geht wieder.“ Mehr als die Hälfte seiner Familien­angehörigen infizierte sich auf einen Schlag, eine Schwester leidet bis heute schlimm an Long Covid. Ein traditionelles Familienfest mit vielen Besuchern musste wegen der Infektionen komplett abgesagt werden.

Natürlich haben wir im Freundeskreis trotzdem groß unsere Geburtstage gefeiert, wie immer.

Jüngere Frau aus dem Bayerischen Wald

Eine jüngere Frau aus dem Bayerischen Wald wiederum, die in München arbeitet und am Wochenende pendelt, erzählt aus den Zeiten der strikten Ausgangs­sperren: „Natürlich haben wir im Freundeskreis trotzdem groß unsere Geburtstage gefeiert, wie immer.“ Man würde sich ja kennen: „Wir sind da unter uns, da hat keiner was.“ Dass nahezu alle pendeln, wurde ignoriert. Und die Freunde wähnten sich noch besonders schlau: „Keiner ist nachts auf der Hauptstraße nach Hause gegangen, da stand ja oft die Polizei. Wir kennen im Dorf die kleinen Fußwege hinter den Gärten.“

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„Aus dem System ausgestiegen“: größere Verbreitung von „Reichsbürgern“ im Süden

Beim Blick auf die „Querdenker“- und die „Reichsbürger“-Szene im Freistaat ist eine gewisse Konzentration auf den Südteil Bayerns, speziell die Chiemgau-Region, zu erkennen. Der Verfassungsschutz stellt fest, dass „infolge der Corona-Krise Verschwörungs­theorien von Reichsbürgern größere Verbreitung finden“. Zum Typ „Querdenker“ zählte jedenfalls jene Ende September ausgehobene illegal betriebene Schule in Deutelhausen bei Rosenheim. 50 Kinder aus Oberbayern wurden dort von Eltern und einer verbeamteten Lehrerin im Krankenstand in einem alten Bauernhof unterrichtet, ohne Einhaltung jedweder Corona-Regeln und ohne Genehmigung.

Dem Bayerischen Rundfunk (BR) sagte die Leiterin, sie sei wegen Corona „aus dem System ausgestiegen“ und habe „Eingebungen von oben“ bekommen, die Schule zu gründen. Diese befinde sich nicht in der Bundesrepublik, sondern sei „russisches Hoheitsgebiet“. Auch die Eltern der Kinder hatten vorab diese bizarren Angaben erhalten.

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