Der Weg aus der Pandemie: Mehr Lockdown oder mehr Streeckismus?

In Israel läuft das öffentliche Leben wieder, in Deutschland steht es still.

In Israel läuft das öffentliche Leben wieder, in Deutschland steht es still.

Die Corona-Zahlen steigen in Deutschland rasant. Die besonders schnelle Verbreitung der Virusmutante überschattet das Bund-Länder-Treffen am Montag. In vielen Regionen droht die „Notbremse“, während Tausende Reisende nicht widerstehen können und nach Mallorca aufbrechen. Gleichzeitig planen einzelne Städte und Bundesländer Öffnungsschritte für bestimmte Gruppen.

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Was also tun? Hier schreiben zwei RND-Redakteure, was aus ihrer Sicht jetzt wichtig ist.

Dirk Schmaler: Zum Lockdown, zur Freiheit

Es ist ja alles richtig. Der dreifach verlängerte Lockdown über die Wintermonate hat an den Nerven genagt. Die Geduld, die nun schon so lange gefordert ist, ist bei vielen ziemlich aufgebraucht. Und das Geld auch. Die Sache ist nur die: Das Virus schert sich nicht um solche Befindlichkeiten. Im Gegenteil: Es freut sich über allzu menschliche Schwächen. Die aktuellen Infektionszahlen zeigen das eindrücklich.

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Schon als die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten am 3. März einen in Teilen satirereifen Plan für schrittweise Öffnungsschritte und Ostern im Biergarten präsentierten, dürfte allen Beteiligten klar gewesen sein, dass er das Din-A4-Blatt nicht wert ist, auf dem sie die bunten Balken mit den Öffnungen skizziert hatten. Fast alle Experten haben schon damals ziemlich exakt das vorausgesehen, was heute Realität ist: Die dritte Welle ist in vollem Gange. Nach und nach reißen die Kommunen und Bundesländer die 100er-Inzidenzmarke. Die britische Virusvariante B.1.1.7. ist mittlerweile vorherrschend, drei Viertel der Neuansteckungen passieren durch die deutlich ansteckendere Mutation.

Damit einhergehend steigt die Zahl der Neuinfektionen mittlerweile wieder exponentiell – und das trotz der Impfungen der über 80-Jährigen. Vom Öffnungsplan kann bis Ostern lediglich ein Punkt bleiben: die „Notbremse“. Will man nicht vor dem Virus kapitulieren, müssen wir zurück in den Lockdown.

Das ist keine Frage der Inzidenzgrenzen. Egal, mit welcher Zahl man es beschreiben will: Alle Kennziffern werden letztlich in die gleiche Richtung zeigen, wenn die Pandemie nicht wirksam eingedämmt wird. Man kann die Gefahr nicht wegargumentieren. Die britische Virusvariante verdoppelt die Zahl der Neuinfektionen alle zehn bis 14 Tage – und das bereits im Lockdown. Jeder Öffnungsschritt treibt diese Zahlen weiter nach oben.

Gleichzeitig greift das britische Virus auch vermehrt jüngere Menschen an. Sogar Schulkinder. Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen sinkt, die Bettenbelegung hingegen nicht. Im Gegenteil: Sie könnte nach Warnungen von Experten in den nächsten Wochen ähnlich stark steigen wie die Inzidenzen – und jüngere Patienten verweilen deutlich länger auf den Intensivstationen als die über 80-Jährigen. Weil sie weniger schnell sterben. Die nächste Welle trifft nicht nur altersmäßig die Mitte der Gesellschaft.

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Wer Lockerungen, Öffnungen und „Perspektiven“ will – und wer würde das nicht wollen? – muss zunächst das Virus in den Griff bekommen. Andersherum wird es nicht funktionieren. Statt nun also weiter hohe Erwartungen an Osterurlaube und Shoppingerlebnisse, „intelligente Lösungen“ und „Perspektiven“ zu befördern, müssen sich die Regierenden wieder verstärkt auf den Kern des Problems konzentrieren: Auf die mühsame Bekämpfung der Pandemie, die in den nächsten Wochen gefährlicher denn je werden könnte. Nur wenn das Erfolge zeigt, ist das geschafft, was die bunten Balken der Öffnungspläne nur vorgaukeln. Es gäbe tatsächlich eine Perspektive.

Nur ist das leider noch ein Stück Weg. Bis das Impfen die Pandemie beherrschbar macht, werden noch Monate vergehen. Die Schnell- und Selbsttests sind zwar seit Wochen in aller Munde, aber leider noch längst nicht in ausreichend Nasen. Es fehlt an Tests, es fehlt an guter Organisation und es fehlt vielerorts an Geschwindigkeit. Daran zu arbeiten wäre aktive Lockerungspolitik. Wer es aber noch nicht einmal schafft, die Schulen und Betriebe regelmäßig und flächendeckend mehrfach die Woche zu testen, kann nicht im Ernst daran denken, damit stattdessen Restaurantbesuche und den Einkaufsbummel auch in Hochinzidenzkommunen wieder möglich zu machen.

Es ist ganz einfach: Die Pandemie kennt keine Abkürzung. Bund, Länder und Gemeinden müssen mit voller Kraft ihre Hausaufgaben machen und alles Nötige tun, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Nicht durch Pläne und Willensbekundungen, sondern durch entschlossenes, uneitles Krisenmanagement. Die Öffnungen kommen dann von ganz allein.

Oder man macht es so, wie schon einmal im Oktober vergangenen Jahres. Man ignoriert die Modellierungen, all die Wissenschaftler, die im Schlaf aufzeichnen können, was in den nächsten Wochen passieren wird. Und hält an einem Öffnungskurs fest, weil die Menschen mal wieder Urlaub brauchen, weil die Touristiker ihre Betten mal wieder vermieten wollen, weil die Gastronomen wieder Gäste empfangen wollen. Und hängt am Ende erneut im Dauerlockdown fest, den man doch eigentlich gerade nicht mehr wollte. Zum Schaden all jener, denen man das Wort geredet hat.

Christian Palm: Mehr Streeckismus würde uns guttun

Selbst die Restaurantbetreiberin verliert langsam die Hoffnung: Man möge sich doch bitte einen neuen Termin aussuchen für die Familienfeier, sagt sie am Telefon. Für diesen Juni dürfte es knapp werden, man möge bitte einen anderen Termin vorschlagen. Einen Termin im nächsten Jahr.

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Ja, im nächsten Jahr. Weil es auf absehbare Zeit nicht erlaubt ist, einen bestimmten Kreis von vernünftigen, negativ getesteten Menschen, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort zusammenzubringen. (Es sei denn, es handelt sich um 22 Millionäre, die einem Fußball hinterherjagen.) Ein Armutszeugnis.

Am Montag treffen sich Bund und Länder, um die nächsten Schritte zu besprechen. Das Din-A4-Blatt mit den Öffnungsschritten können sie dann gern gemeinsam in den Reißwolf stecken. Ja, es ist die falsche Zeit für generelle Öffnungen. Aber es ist auch die falsche Zeit für einen Lockdown ohne Aussicht.

Man kann über Hendrik Streeck denken, was man will. Seine PR-Methoden sind fragwürdig, naiv, dilettantisch. Seine Prognosen haben sich des Öfteren als falsch erwiesen. Aber einen Punkt hat der Wissenschaftler aus Bonn: Wenn wir nicht experimentieren, wie wir mit dem Virus leben können, dann wird unser Leben weiterhin und immer wieder stillstehen. So wie jetzt.

Das Virus hat es geschafft, sich auf neue Begebenheiten einzustellen. Mit immer neuen Mutationen geht es uns auf die Nerven. Wir hingegen sind immer noch der gleiche lahme Haufen, dem nichts besseres einfällt, als ein „AHA“ inklusive einer dysfunktionalen Corona-App.

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Es stimmt: Zu oft werden die Wissenschaftler ignoriert, die die Kurven präzise vorhersagen. Schließungen kamen deshalb immer wieder zu spät. Mit viel zu wenig Energie werden aber regelmäßig die Erkenntnisse und Entwicklungen verfolgt, die mehr Freiheit versprechen.

Deutschland hat deshalb Monate verloren, die uns niemand mehr zurückgeben kann. Denn nein, die Öffnungen kommen nicht von allein. Wir müssen sie uns clever erarbeiten.

Die Konzepte liegen ja auf dem Tisch:

Darüber sollten Bund und Länder am Montag reden und streiten. Gern lang und ausführlich. Gern ohne Candy-Crush-Begleitung. Und gern mit konkreten Ideen, wie dank dieser Modellprojekte möglichst bald wieder ein normales Leben für möglichst viele Leute möglich ist.

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Damit das klar ist: Wir brauchen diese Versuche nicht, um die verirrten Querdenken-Schreihälse zu beruhigen. Und niemand sollte gegen seinen Willen zum Versuchsobjekt werden. Dass die Risikogruppen kompromisslos geschützt werden sollen, ist ebenso klar.

Die Modellprojekte könnten aber vor allem einer Gruppe helfen: Jenen, die sich seit einem Jahr an die Regeln halten. Die auf vieles verzichtet haben, brav und völlig umsonst ihre Corona-App eingeschaltet haben und dabei helfen wollen, aus dieser Mistsituation herauszukommen. Und die als Belohnung unter sicheren Bedingungen ihre Hochzeit feiern könnten. Gern noch in diesem Jahr.

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