Deutsch-französische Freundschaft: Kommunikation als Herausforderung

10. Dezember 2021: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD, l.) nimmt neben Emmanuel Macron an einer Pressekonferenz teil. Zwei Tage nach der Amtsübernahme hatte Scholz den französischen Präsidenten in Paris besucht.

Paris. Ob Charles de Gaulle und Konrad Adenauer bewusst war, wie visionär das Dokument sein würde, unter das sie am 22. Januar 1963 gemeinsam ihre Unterschriften setzten?

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Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, offizieller Name ist Élysée-Vertrag nach dem Ort seiner Unterzeichnung in Paris, bedeutete zwar in erster Linie eine symbolisch wichtige Annäherung ehemaliger Kriegsfeinde zu einer Zeit, als diese keineswegs selbstverständlich war. Aber de Gaulle und Adenauer setzten damit einen europäischen Meilenstein.

Bis heute wird dieses Datum zum Anlass genommen, um in Veranstaltungen die bilateralen Beziehungen zu analysieren. Deutsch-französische Schulen, Vereine oder Städtepartnerschaften begehen den 22. Januar wie einen Feiertag. Gerade wurde der Élysée-Vertrag zum Vorbild für eine partnerschaftliche Vereinbarung zwischen Paris und Rom.

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Ganz konkret ging aus dem Abkommen von 1963 die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks hervor, das seitdem mindestens neun Millionen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich die Teilnahme an mehr als 376.000 Austauschprogrammen ermöglicht hat. Die persönlichen Verbindungen haben die Nachbarn einander angenähert. Allerdings lernen immer weniger Jugendliche die Sprache des jeweils anderen – dabei ist sie der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis.

Inzwischen gibt es einen ständigen Austausch auf allen politischen Ebenen, nicht nur „ganz oben“, wenn vor internationalen Gipfeln die deutsche und die französische Position aufeinander abgestimmt werden, sondern auch zwischen Ministerien, Regionen und Bundesländern sowie zwischen den Parlamenten.

Die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung

Im Zuge des Aachener Vertrags aus dem Jahr 2019, den die damalige Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Emmanuel Macron auf dessen Betreiben hin in der Stadt Karls des Großen als Ergänzung zum Élysée-Vertrag unterzeichnet haben, entstand die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung mit je 50 deutschen und französischen Abgeordneten. Ein solches Gremium ist weltweit beispiellos.

Durch die Aufeinanderfolge von Wahlen in beiden Ländern erfahren diese Beziehungen einen Umbruch. Von deutscher Seite wurde der Wille zur Annäherung bereits bekräftigt: Im Koalitionsvertrag heißt es, die neue Regierung leite „eine starke deutsch-französische Partnerschaft“. Die ersten Auslandsbesuche von Kanzler Olaf Scholz, Außenministerin Annalena Baerbock und Finanzminister Christian Lindner führten nach Paris.

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Dort wiederum wird Präsident Emmanuel Macron, der gerade die EU-Ratspräsidentschaft innehat, im Wahlkampf aus seiner Nähe zu Deutschland einen Trumpf machen. Dennoch können die symbolischen Gesten und wohlklingenden Reden nicht übertünchen, dass die enge Kooperation nicht immer so reibungslos und selbstverständlich läuft.

Der Ausbruch der Coronavirus-Pandemie offenbarte massive Mängel in der Absprache im Krisenfall. Dass Deutschland im März 2020 einseitig die Grenzen unter anderem zu Frankreich schloss und Kontrollen an Übergängen wiedereinführte, wo die Menschen seit Jahrzehnten ohne Barrieren zusammenleben, wurde vor Ort von beiden Seiten als großer Rückschlag wahrgenommen.

Schließlich legte gerade der Aachener Vertrag einen Schwerpunkt auf das Zusammenwachsen der Grenzregionen – bis der Austausch plötzlich schmerzhaft zum Erliegen kam. Eine offene Absprache in der Krisensituation war eben doch noch nicht zu einem Reflex geworden.

Allerdings können sich die Abgeordneten der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung zugutehalten, dass sie in der Folge die Stimme der Grenzregionen und die Situation konkret Betroffener in die Hauptstädte trugen. Nach den ersten Wochen des Pandemieschocks wurden die Maßnahmen angepasst. Später entstand ein deutsch-französisches Testzentrum, deutsche Kliniken behandelten französische Covid-Patientinnen und -Patienten.

Wenn es um die Beziehung mit Deutschland geht, spricht man in Frankreich gerne von einem „Paar“. Wie bei jedem Paar ist es weniger wichtig, die Hochzeitstage festlich zu begehen, als im Alltag zu bestehen. Und vor allem zu kommunizieren, immer wieder. Das hat die Bewährungsprobe der Pandemie einmal mehr gezeigt.

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