Linken-Kandidat Trabert zum Ukraine-Konflikt: „Bitte redet miteinander!“

Die Linke schickt den Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert (65) als Kandidaten in die Wahl des Bundespräsidenten.

Die Linke schickt den Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert (65) als Kandidaten in die Wahl des Bundespräsidenten.

Berlin. Am 13. Februar wählt die Bundesversammlung einen neuen Bundespräsidenten. Haushoher Favorit ist Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier (SPD), der mit der Unterstützung von SPD, Grünen, FDP und CDU rechnen kann. Die Linke schickt mit dem parteilosen Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert (65) einen eigenen Kandidaten ins Rennen, der kaum Chancen hat, gewählt zu werden.

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Trabert hat eine Professur für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main und ist Gründer des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“. Mit einem Arztmobil fährt er durch Mainz, um Obdachlosen und Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch zu helfen. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach mit ihm.

Herr Trabert, was sagen Sie zum Russland-Ukraine-Konflikt?

Krieg ist nie eine Option. Das ist nie zu akzeptieren. Ich bin absolut gegen Gewalt. Aus meiner Sicht ist der Dialog etwas Elementares. Ich bin immer für Gespräche und nicht für die Verhärtung von Fronten. Es gab schon in den 1990er-Jahren auch von deutscher Seite Bedenken gegen die Erweiterung der Nato. Das würde natürlich nicht eine militärische Intervention Russlands heute in der Ukraine rechtfertigen. Aber ich finde schon, man sollte zuhören und sich mit den Argumenten von russischer Seite auseinandersetzen. Meine Botschaft lautet: Bitte redet miteinander!

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Sie gelten bei der Wahl zum Bundespräsidenten quasi als chancenlos. Warum treten Sie trotzdem an?

Weil mir das die Möglichkeit gibt, das Thema Armut und Ungleichheit in unserer Gesellschaft in den öffentlichen Fokus zu rücken. In Anlehnung an Willy Brandt heißt mein Motto „Mehr soziale Gerechtigkeit wagen“. In Deutschland leben 13 Millionen Menschen, die von Einkommensarmut betroffen sind. 40 Prozent aller alleinerziehenden Mütter sind von Armut betroffen. Und 30 Prozent der betroffenen Männer erreichen nicht das 65. Lebensjahr. Das hat nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern auch mit dem Selbstwertgefühl der Menschen, das völlig verloren geht. Ich möchte, dass die Dimension von Armut in unserem reichen Land verstanden wird.

Was muss sich denn aus Ihrer Sicht konkret ändern?

Als die Corona-Pandemie begann, haben die Wohlfahrtsverbände eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um 100 Euro gefordert. Es ist nichts geschehen. Hartz-IV-Bezieher haben im Monat 17,14 Euro für Gesundheitspflege zur Verfügung. Wenn Sie bedenken, was allein eine FFP2-Maske kostet, dann wird klar, was für eine Farce das ist. Die neue Ampelregierung macht viele Dinge richtig, aber den Hartz-IV-Satz um 3 Euro anzuheben, das ist eine Schande. Ich denke, er muss sofort von jetzt 449 Euro für einen Singlehaushalt auf 650 Euro im Monat steigen.

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Glauben Sie, dass Ihre Kandidatur den Menschen, für die Sie sich engagieren, nützen wird?

Das hoffe ich natürlich. Ich hoffe, dass durch mein öffentliches Auftreten bei dem einen oder anderen politischen Entscheidungsträger noch einmal ein Denkprozess angestoßen wird, dass eine Sensibilisierung stattfindet, dass man den Hartz-IV-Satz nicht nur um 3 Euro erhöhen darf. Dass wir eine Kindergrundsicherung brauchen, damit auch arme Kinder an Homelearning überhaupt teilnehmen können. Ich erhalte zu meiner Kandidatur positives Feedback von Patienten, die ich mit meinem Arztmobil betreue. Die sagen, Doc, wir haben dich im Fernsehen gesehen, und was du gesagt hast, das war gut. Das zeigt mir, dass ich richtig liege, und es macht Mut.

2009 trat der Schauspieler Peter Sodann für die Linke zur Bundespräsidentenwahl an. Hinterher hieß es aus seinem Umfeld, Rollenangebote seien ausgeblieben, Werbeverträge gekündigt worden. Fürchten Sie so etwas auch?

Damit muss man wohl leider rechnen. Ich habe ja auch eine Verantwortung gegenüber dem Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“, dessen Gründer und Vorsitzender ich bin. Wir haben 25 Angestellte in Teilzeit und Vollzeit und leben nur von Spenden. Als ich zur Bundestagswahl als Direktkandidat für die Linke kandidierte, gab es Stimmen aus konservativen Kreisen, die sagten, wir haben Ihren Verein immer unterstützt, aber jetzt sehen wir große Probleme, Sie weiter zu fördern. Und ich bin auch von Benefizveranstaltungen ausgeladen worden. Aber ich kann nicht Positionen, die ich für wichtig und relevant halte, aus solchen Bedenken aufgeben. Wenn wir in der Demokratie nicht dazu stehen und Haltung zeigen, wo denn sonst?

Wie kam es eigentlich zu Ihrer Kandidatur?

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Ich hatte schon zur Bundestagswahl im September als Parteiloser für die Linke kandidiert und dabei mit 12,7 Prozent das beste Westergebnis eines Direktkandidaten geholt. Zudem kannte ich die Partei-Co-Vorsitzende Janine Wissler aus einem früheren Projekt, bei dem ich sie einmal beraten habe. Anfang Januar hat sie mich dann angerufen und gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe mehrere Tage darüber nachgedacht und mit verschiedenen Menschen, die mir nah sind, darüber gesprochen. Und dann habe ich für mich entschieden: Das ist eine Chance, das Thema, für das ich seit 30 Jahren stehe, noch einmal auf einem ganz anderen Level zu vertreten.

Sehen Sie umgekehrt auch die Gefahr, dass die Linke Ihre Persönlichkeit benutzt, um ihrerseits in der Öffentlichkeit zu punkten?

Ich denke, das ist eine Win-Win-Situation. Mir ist vollkommen bewusst, dass das für die Linke auch der Versuch ist, sich mit dem Thema Armut und Gerechtigkeit noch mehr zu profilieren. Sie ist ja auch die Partei, die dieses Thema authentisch und kompetent vertritt und dort, wo sie mitregiert, entscheidende Akzente setzt. Sicher wird das Interesse an meiner Person ein Stück weit „benutzt“. Aber das ist auch völlig in Ordnung so. Umgekehrt habe ich die Möglichkeit, meine Themen so zu platzieren, wie ich es für richtig halte. Niemand schreibt mir irgendetwas vor, was ich zu sagen habe.

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Die AfD schickt mit dem CDU-Politiker Max Otte auch einen Kandidaten ins Rennen um das Bundespräsidentenamt. Wie bewerten Sie das?

Das ist das gute Recht der AfD, und das gehört auch zur Demokratie. Ich finde die AfD fatal, aber wir müssen uns im Dialog auch mit Vertretern einer rechtspopulistischen, rassistischen Partei auseinandersetzen. Nur dadurch können wir ihnen die Maske vom Gesicht reißen und konkret benennen, wofür so eine Partei steht. Der Rechtspopulismus in Deutschland nimmt zu, und dem müssen wir widerstehen. Aus meiner persönlichen Sicht erwarte ich von der Bundesversammlung ein Zeichen, dass ein Kandidat der AfD zumindest nicht mehr Stimmen bekommt als jemand, der sich für das Thema soziale Gerechtigkeit positioniert.

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Sie engagieren sich auch in der Flüchtlingshilfe. An der Grenze zwischen Belarus und Polen harren nach wie vor Hunderte Flüchtlinge aus, um in die EU zu gelangen. Was sagen Sie dazu?

Es ist klar, dass das belarussische Regime von Alexander Lukaschenko versucht, Europa zu erpressen. Aber zu fliehen ist ein Menschenrecht. Die Menschen, die dort an der Grenze festsitzen, müssen versorgt werden und die Möglichkeit bekommen, einen Asylantrag zu stellen. Wenn wir ihnen das nicht gewähren, brechen wir Menschenrechte und verstoßen auch gegen die Grundsätze unserer Demokratie. Wir verlieren unsere Identität. Ich finde, ein solches Handeln ist auch sehr gefährlich für das Selbstverständnis der Staatsform Demokratie. Europa darf keine Menschen an der Grenze sterben lassen.

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