Katrin Göring-Eckardt ohne Ministeramt: Kein Blick zurück im Zorn

Katrin Göring-Eckardt nach ihrer Wahl zur Bundestagsvizepräsidentin.

Katrin Göring-Eckardt nach ihrer Wahl zur Bundestagsvizepräsidentin.

Berlin. Katrin Göring-Eckardt sitzt in Raum 2533 des Jakob-Kaiser-Hauses zwischen Brandenburger Tor und Reichstagsgebäude. Sie wirkt schmaler als sonst. Die Stimme ist belegt. So hat man sie selten gesehen.

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„Ich hätte das gern gemacht“, sagt die bisherige Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion mit Blick auf das Amt der Bundesfamilienministerin. Und sie sei „auch traurig“ gewesen, dass es dazu nicht gekommen sei. Dann aber ruft sich die 55-Jährige wieder innerlich zur Ordnung und fährt fort: „Ich habe jetzt eine andere Aufgabe. Die will ich gut machen. Das ist es, was mich jetzt am meisten beschäftigt.“ Göring-Eckardt – eine Frau, die immer stark wirkt – meint das Amt der Bundestagsvizepräsidentin, in das sie am Tag zuvor gewählt worden ist.

Ich hätte das gern gemacht.“

Katrin Göring-Eckardt über das Amt der Bundesfamilienministerin

Unterdessen wird es draußen wieder dunkel an diesem Freitag, der ohnehin nie so richtig hell war und an dem die neuen grünen Minister erste Zeichen setzen, Außenministerin Annalena Baerbock in Warschau, Kulturstaatministerin Claudia Roth im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Wo es Gewinnerinnen gibt, da gibt es auch Verliererinnen. Daran ändert der Feminismus nichts.

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Der andere Verlierer ist der bisherige Co-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter. Der 51-jährige Bayer, der als kommender Verkehrsminister galt und wie Göring-Eckardt leer ausging, hat sein Büro ein paar Meter weiter, schweigt aber in diesen Tagen. Die Wunden sind längst nicht verheilt.

Grünes Machtspiel

Sicher, es war klar, dass es kompliziert werden würde, die Vergabe der grünen Ministerposten einigermaßen harmonisch über die Bühne zu bringen. Schließlich sollten Frauen und Männer ebenso in gleicher Zahl zum Zuge kommen wie Realos und Linke. Zu guter Letzt war da noch der Faktor Migrationshintergrund – und der Faktor Ostdeutschland. Dass die realpolitisch orientierten Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck dann kurz vor der Entscheidung den ehemaligen Parteivorsitzenden Cem Özdemir durchsetzen wollten, machte die Grünen-Welt noch komplizierter. Als weiterer Realo verdrängte Özdemir die Reala Göring-Eckardt, als Mann verdrängte er den Mann Hofreiter.

Noch 2019 hatte der populäre Özdemir gemeinsam mit der Bremerin Kirsten Kappert-Gonther gegen die beiden für den Fraktionsvorsitz kandidiert und war gescheitert. Zwei Jahre später entscheidet er die wichtigere Auseinandersetzung für sich. Man sieht sich im Leben immer zweimal.

Die Parteilinken versuchten noch, Hofreiter trotzdem ins Kabinett zu hieven – mit dem Hinweis, dass ja Geschlechterparität herrsche, wenn man neben den fünf regulären Ministerposten das Amt der Kulturstaatsministerin mitzähle. Das aber, so heißt es, habe vor allem Habeck nicht gewollt. So waren Göring-Eckardt und Hofreiter draußen.

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In Habecks Umfeld hört sich das anders an. Dort wird darauf verwiesen, dass es prinzipiell schwierig sei, zu guten Personalentscheidungen zu kommen, wenn so viele Kriterien berücksichtigt werden müssten. Zudem seien manche Beteiligte zu unbeweglich oder nicht bereit gewesen, sich zurückzunehmen. Dies wird auf dem linken Flügel indirekt bestätigt. An der Darstellung, die den neuen Vizekanzler als rücksichtslos erscheinen lässt, fehlten „ein paar wichtige Dinge“, sagt ein Parteilinker – „zum Beispiel, dass einige Linke irgendwann gesagt haben, wir sind uns selbst wichtiger“.

Tatsache ist, dass sie in der Partei, die gern solidarisch die Welt retten will, durchaus spitze Ellbogen haben und diese bei Bedarf einsetzen. Nie tritt das so deutlich hervor wie in diesen Wochen, in denen in Berlin die Macht verteilt wird. Für die Unterlegenen, die bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages keine gute Miene zum aus ihrer Sicht bösen Spiel machten, ist das nicht ohne Tragik.

Hofreiter, der in den letzten Jahren öffentlich weit weniger präsent war als Özdemir, ließ sich noch am Tag der Entscheidung zu seinen Lasten in Pulli, Lederjacke und abgewetzter Jeans blicken. Das war ein Signal. Seiner Darstellung zufolge, so verlautet aus Parteikreisen, habe Habeck ihm den Posten des Tierschutzbeauftragten angeboten – was einer Demütigung gleichkäme. Als es später darum ging, die den Grünen zustehenden Vorsitze der Bundestagsausschüsse zu besetzen, pochte Hofreiter für sich auf den Europa-Ausschuss. Das hatte neben anderen Gründen zur Folge, dass die AfD jetzt den Innenausschussvorsitz bekommen dürfte. Das parteiintern verbreitete Mitgefühl für Hofreiter ist bei manchen deshalb in Zorn umgeschlagen. Andererseits: Warum sollte er Rücksicht nehmen, wenn andere es auch nicht tun?

Bei Göring-Eckardt, die manchen inhaltlich zu beweglich ist, sieht die Sache anders aus. Sie hat noch mehr politische Erfahrung als Hofreiter. Die Thüringerin wurde 2002 nach vierjähriger Parlamentszugehörigkeit erstmals zur Fraktionsvorsitzenden gewählt; damals waren die Grünen Regierungsfraktion. Sie war zweimal Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl, 2013 und 2017 – und ist bekannt für ihre Ruhe und Professionalität.

Das alles hat nicht verhindern können, dass mit Anne Spiegel nun eine Landespolitikerin zur Bundesfamilienministerin aufstieg, die Abitur machte, als Göring-Eckardt schon zwei Jahre im Bundestag saß. Und Göring-Eckardts Niederlage erscheint in einem noch krasseren Licht, wenn man bedenkt, dass sie zuletzt vielfach als Bundespräsidentin gehandelt wurde. Als Staatsoberhaupt gut? Aber als Ministerin nicht gut genug?

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Haltung einnehmen

So kommt bei einer Partei, die sich auf ihren Gerechtigkeitssinn viel zugutehält, eine Lösung raus, die mit Gerechtigkeit wenig zu tun hat. Und man kann schon verstehen, dass Leidtragende sich da mal schütteln müssen.

Göring-Eckardt schüttelt sich gerade und nimmt dabei jene Haltung ein, die sie in der Tanzschule ihrer Eltern gelernt hat. Ja, sie bietet der 15 Jahre jüngeren Bundesfamilienministerin sogar Hilfe an. „Ich möchte, dass das, was ich mit anderen in der Familienpolitik verhandelt habe, richtig gut wird“, sagt die Grünen-Frau und meint die Kindergrundsicherung im Koalitionsvertrag sowie eine Familienpolitik, die sich an der (Patchwork-)Familienrealität ausrichtet, die sie selbst von innen kennt. „Wenn ich dazu an irgendeiner Stelle noch etwas beitragen kann, dann werde ich es immer tun. Dabei unterstütze ich alle, die jetzt an diesem Projekt arbeiten, die Ministerin und alle anderen.“

Zorn ist kein Aggregatzustand, der in meiner Seele besonders oft vorkommt.“

Katrin Göring-Eckardt

Auf die Frage, ob sie nicht im Zorn zurückblicke, antwortet Katrin Göring-Eckardt: „Zorn ist kein Aggregatzustand, der in meiner Seele besonders oft vorkommt.“

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Dann muss sie los.

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