Eine Leere für Deutschland: Russlands Machtspiel mit dem Gas

Hier geht es zu dem mit vier Milliarden Kubikmetern größten Erdgasspeicher Westeuropas: Betriebsgelände der Astora GmbH, einer Gazprom-Tochter, im niedersächsischen Rehden bei Nienburg.

Hier geht es zu dem mit vier Milliarden Kubikmetern größten Erdgasspeicher Westeuropas: Betriebsgelände der Astora GmbH, einer Gazprom-Tochter, im niedersächsischen Rehden bei Nienburg.

Rehden ist eine unauffällige ländliche Gemeinde im Nordwesten Niedersachsens. Kleine Läden bieten Milch aus Direktverkauf, im Sommer lockt summend eine „Erlebnis-Imkerei“, die Einwohner sind stolz auf einen integrativen Kindergarten und auf eine neugotische evangelische Backsteinkirche.

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Richtig berühmt allerdings ist in Rehden etwas anderes, sehr Spezielles, von außen gar nicht Sichtbares.

Man kommt der Sache näher, wenn man bei einer kleinen Raiffeisen-Selbstbedienungstankstelle von der Bundesstraße 214 abbiegt. Dort betreibt, hinter Zäunen mit Stacheldraht, die Firma Astora den größten Erdgasspeicher Westeuropas.

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Von oben ist nicht viel zu sehen, nur Rohrgeflechte und Pumpanlagen. Das Spektakuläre liegt in der unterirdischen Ausdehnung: Über acht Quadratkilometer erstrecken sich in 2000 Metern Tiefe poröse Strukturen, aus denen früher Gas gefördert wurde und in die man es heute zurückpressen kann. Die Kapazität des Speichers Rehden beträgt vier Milliarden Kubikmeter.

„Da stecken die Russen dahinter“

Allerdings gibt es ein Problem. Der Speicher in Rehden ist fast leer, der Füllstand sank zuletzt (Stand Mittwochabend, 21 Uhr) auf groteske 3,56 Prozent.

Einen laufenden europaweiten Überblick bietet der Verband Gas Infrastructure Europe (GIE) auf einer eigens den Füllständen gewidmeten Internetseite.

Wie konnte es zu einem so weiten Absinken kommen, ausgerechnet im größten deutschen Speicher – und ausgerechnet im Winter der Russland-Ukraine-Krise? In Rehden berichtete die örtliche Kreiszeitung über diese Kuriosität, dann liefen dazu auch Meldungen im Radio.

Der Verkauf des Speichers an Gazprom war schon 2015 manchen Rehdenern nicht ganz geheuer: Blick auf die Kirche der evangelischen Gemeinde "Zum Guten Hirten".

Der Verkauf des Speichers an Gazprom war schon 2015 manchen Rehdenern nicht ganz geheuer: Blick auf die Kirche der evangelischen Gemeinde "Zum Guten Hirten".

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Als dieser Tage einige Einwohner der Samtgemeinde bei einer Flasche Bier am rollenden Imbiss in der Schulstraße zusammenstanden, war das Rätsel von Rehden fix gelöst: „Ist doch klar“, sagt ein Mann im Blaumann. „Da stecken die Russen dahinter.“ Sprach‘s und biss in die Bratwurst. Vom Imbiss aus blickt man auf die Kirche der Gemeinde „Zum Guten Hirten“.

Die Betreiberfirma des Speichers, die in Kassel ansässige Astora GmbH, ist eine Tochter des russischen Gazprom-Konzerns. Vielen Beobachtern, nicht nur aus Rehden, war das schon im Jahr des Verkaufs an die Russen im Jahr 2015 nicht ganz geheuer. Der BASF-Konzern überließ damals den Speicher den Russen, als Teil eines größeren Deals, den in Rehden niemand durchschaute.

Mahner und Warner wurden überhört

Der örtliche Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig (CDU) äußerte von Anfang an Bedenken. Als ihm im Herbst 2021 der Füllstand bedenklich niedrig vorkam, wandte er sich an das noch von Parteifreund Peter Altmaier geführte Bundeswirtschaftsministerium. Zurück kamen, wie er jetzt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland berichtet, nur Beschwichtigungen: Der Speicher in Rehden habe nur „eine begrenzte Bedeutung“, die Speicher anderer Konzerne wie Uniper oder RWE seien noch immer gut gefüllt.

Der Grünen-Politiker Oliver Krischer hatte schon im Jahr 2014 düstere Ahnungen und sagte im Deutschlandfunk mit Blick auf den Speicher Rehden: „Ich will mir nicht ausmalen, wenn wir tatsächlich mal einen Krisenfall haben, wie dieser Speicher dann eingesetzt wird. Bestimmt nicht im Sinne der Menschen in Deutschland, bestimmt nicht im Sinne der Gasversorgungssicherheit.“

Erdgasspeicher Rehden: Gelb markiert ist die unterirdische Ausdehnung der Anlage.

Erdgasspeicher Rehden: Gelb markiert ist die unterirdische Ausdehnung der Anlage.

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Es wäre aber zu simpel, jetzt auf die Betreiberfirma Astora mit dem Finger zu zeigen und ihr bösen Willen zu unterstellen. Die Zusammenhänge sind komplex, und das jetzige Ergebnis ist nur zu erklären durch die Addition zweier Faktoren: Im Westen gab es einen lässigen Glauben an die Regelungsmacht der Märkte, in Russland dagegen gab es eine eiskalte Strategie.

Es ist ein Spiel, in dem alle Beteiligten lächeln und ihre Hände in Unschuld waschen. Astora-Sprecherin Stefanie Hallaschka betont, als Betreiber eines Erdgasspeichers habe man schon aufgrund gesetzlicher Bestimmungen „keinen Einfluss auf das Kundenverhalten und die Füllstände“.

Das ist wahr. Niemand kann Gasmengen speichern, die gar nicht angeboten werden.

Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft

Wahr ist allerdings auch: Hätte die Muttergesellschaft Gazprom den Deutschen in letzter Zeit auch nur ein bisschen mehr Gas als das vertraglich zugesagte angeboten, hätten die es liebend gern gekauft und eingelagert – um sich endlich mal wieder einen Puffer zu verschaffen. Denn schon seit Langem sinken die Füllstände bedenklich.

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Im Januar 2020 waren Deutschlands Speicher noch zu 93 Prozent voll, aktuell beträgt der Füllstand nur noch 45 Prozent.

Die Russen hätten derzeit die Möglichkeit, Zusatzlieferungen elegant zu hohen Preisen zu verkaufen. „Dieses Vorgehen wäre eigentlich marktgerecht“, erläutert ein EU-Experte und verweist auf langjährige Routinen an dieser Stelle.

Hier kommen viel Geld und viel Einfluss zusammen: Gazprom-Konzernzentrale im russischen St. Petersburg.

Hier kommen viel Geld und viel Einfluss zusammen: Gazprom-Konzernzentrale im russischen St. Petersburg.

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin aber setzt neuerdings auf Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft. Gazprom liefert zwar alle zugesagten Mengen und wird nicht vertragsbrüchig. Aber anders als früher kommt kein Kubikmeter Gas zusätzlich auf den Markt.

Das Ergebnis: Die Pupillen der Deutschen werden eng – sie hängen am russischen Gas wie der Junkie an der Nadel. Zwei Drittel der Lieferungen kommen derzeit aus Russland, 20 Prozent aus Norwegen, 12 Prozent aus den Niederlanden. Kurzfristig ändern lässt sich an dem prekären Zustand nichts.

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Habeck will jetzt weg von Russland

Der Politik in Berlin dämmert aber immerhin inzwischen, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann. Allzu wenig wurden bislang die strategischen Aspekte der Energiepolitik bedacht.

Erdgas wird längst auch von den Grünen fest eingeplant: als schnell zuschaltbare Quelle für Wärme oder Strom in jenen strategisch nicht ganz unwichtigen Übergangszeiten, in denen die alternativen Energien noch nicht alles abdecken.

Was aber, wenn Putin auf diesem Weg schlicht und einfach nicht behilflich sein will? Schon jetzt treibt der Russe die Preise wie noch nie.

Robert Habeck kommt nicht in die grüne Hochburg Falkensee, sondern will nach Schönwalde.

Neuerdings ein Freund und Förderer von LNG: Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz.

Dass dies alles am Ende die Klimawende gefährden könnte, ökonomisch und politisch, auch wegen womöglich wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit den Energiepreisen, hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck bereits begriffen. Deshalb schaltet er jetzt vor die technologische eine geopolitische Energiewende: Habeck will jetzt weg von Russland – und setzt deshalb auf LNG, verflüssigtes Gas, das per Schiff geliefert wird, unabhängig von Pipelines.

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Hoffnung auf Fördermillionen aus Berlin

Jüngst äußerte sich Habeck im Bundestag zum Thema LNG zupackender als alle seine Amtsvorgänger, einschließlich Peter Altmaier (CDU). Die beiden LNG-Terminals, die Deutschland mal angedacht habe – Brunsbüttel und Stade –, seien ja bisher nicht privat finanzierbar gewesen. „Dieser Frage werden wir uns jetzt energisch zuwenden.“

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Das hörte sich nach viel Geld an, das der Bund nun offenbar in die Hand nehmen will.

LNG (liquefied natural gas) ist Erdgas, das durch Abkühlung auf mehr als minus 160 Grad verflüssigt wird. Das Gas wird dabei auf ein Sechshundertstel seines Volumens reduziert. An LNG-Terminals wird die Flüssigkeit in den gasförmigen Zustand zurückversetzt. Zum größten weltweiten Lieferanten wird bis 2030 Katar aufsteigen, vor den USA, Australien und Kanada.

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Habeck wird mit dem LNG-Projekt keine neuen Billigangebote schaffen und erst recht keinen Umweltpreis gewinnen. Die Umwandlungsvorgänge kosten Energie. Hinzu kommt die energetisch unelegante Lieferung auf Schiffen mit Dieselmotoren. Andererseits: Keine andere Art der Gaslieferung könnte so schnell und so effektiv die Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren.

Ein Thema für Scholz in Washington

Die Russland-Krise, sagen Insider, habe in Berlin binnen weniger Tage eine Entschlossenheit wachsen lassen, die bei diesem Thema über viele Jahrzehnte hinweg gefehlt habe.

Tanker statt Pipeline: Beim Export von LNG (liquefied natural gas) sind derzeit die USA weltweit führend, ab Mitte der Zwanzigerjahre wird aber Katar die größten Mengen liefern können.

Tanker statt Pipeline: Beim Export von LNG (liquefied natural gas) sind derzeit die USA weltweit führend, ab Mitte der Zwanzigerjahre wird aber Katar die größten Mengen liefern können.

In Deutschlands Nordwesten reiben sich manche schon die Hände. Schleswig-Holstein sieht Brunsbüttel, Niedersachsen Stade als idealen Standort – beide hoffen auf dreistellige Millionenhilfen vom Bund. Fachleute halten es für möglich, dass sogar beide Standorte gefördert werden, einer links und einer rechts der Elbe. Die Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Daniel Günther (Schleswig-Holstein) ziehen da an einem Strang mit Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Tschentschers Amtsvorgänger Olaf Scholz, inzwischen Bundeskanzler, hat ebenfalls ein offenes Ohr für das Thema LNG. Scholz könnte einen LNG-Beschluss am 7. Februar bei seinem Besuch im Weißen Haus verkaufen und verkünden: als Zeichen einer neuen energiepolitischen Westbindung.

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