Mit Humor und Corona-Frust: Die Grünen haben eine neue Spitze

Sollen in Zukunft die Grünen führen: Ricarda Lang (links) und Omid Nouripour (rechts).

Berlin. Der künftige Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen sagte bei seiner Bewerbung einen Satz, den man so auf Parteitagen noch nicht gehört hat. Der 46-Jährige, der als 13-Jähriger mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam, sagte: „Ich bin Omid Nouripour, als Student habe ich gekellnert, heute kann ich besser kochen als Lars Klingbeil und Friedrich Merz. Ich bitte um Euer Vertrauen.“ Nouripour spielte damit auf Alt-Kanzler Gerhard Schröder an, der die SPD einst als Koch und die Grünen als Kellner bezeichnet hatte. Kurz darauf wurde Nouripour gewählt – mit 82,5 Prozent.

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Vorher hatte Ricarda Lang bei der Bundesdelegiertenkonferenz zu den Delegierten gesprochen – allerdings nicht im Berliner Velodrom, sondern wegen einer Corona-Infektion digital daheim, so wie die allermeisten Delegierten. Im Hintergrund waren ein Schrank und Zimmerpflanzen zu sehen, dazu ein Plakat mit der Aufschrift: „Wurzeln für die Zukunft“.

Lang „ziemlich frustig“

Sie sagte: „Mein Name ist Ricarda Lang, ich bin 28 Jahre alt, und ich sehe aus, wie ich aussehe. Ich bin verdammt stolz, dass nichts von alledem darüber entscheidet, was mir politisch zugetraut wird.“ Lang errang 75,9 Prozent und wird nun wie Nouripour Vorsitzende, wenn das Ergebnis von den Delegierten schriftlich bestätigt wird.

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Beide lösen Annalena Baerbock und Robert Habeck ab, die nach vier Jahren nicht erneut kandidierten. Damit ist der personelle Umbruch mit der Besetzung der Ministerämter sowie der Neuwahl der Fraktionsführung aus Britta Haßelmann und Katharina Dröge beendet.

Als Erste sprach also Lang, die aus dem Kreisverband Schwäbisch-Gmünd in Baden-Württemberg stammt und seit Kurzem im Bundestag sitzt. Als sie vor ein paar Tagen den positiven Corona-Befund erhalten habe, da sei das mit Blick auf den Parteitag „ziemlich frustig“ gewesen, sagte Lang, kam nach dem Persönlichen aber rasch auf das Politische zurück. Die Tochter einer alleinerziehenden Mutter unterstrich, es komme darauf an, „den Menschen in der Veränderung Halt und Zuversicht zu geben“. Und sie fügte hinzu: „Klimaschutz kann es ohne Gerechtigkeit überhaupt nicht geben.“

Mit Blick auf die Ampelkoalition mit SPD und FDP sagte Lang: „Regieren ist keine Strafe, das ist eine riesengroße Chance.“ Freilich hob sie gemünzt auf das Verkehrsministerium – das die Grünen wollten, aber nicht bekamen – hervor, dass die Partei dieses Politikfeld nicht aufgeben werde. Auch müsse man dringend darüber sprechen, wie man Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen entlasten und obere Einkommen belasten könne. Das ging an die Adresse der Liberalen. Dabei sitze die Partei „überall mit am Tisch, und nicht am Katzentisch“, so Lang. Das wiederum ging an die Adresse von Baerbock und Habeck, die weiter als dominierende Figuren gelten.

Nouripour lobt „eindeutig grüne Handschrift“ des Ampelvertrags

Nach ihr war die Wahl des zweiten Parteivorsitzenden an der Reihe – wobei Nouripour zwei weithin unbekannte Gegenkandidaten hatte, Mathias Ilka aus dem Kreisverband Bergstraße und Torsten Kirschke aus dem Berliner Bezirk Friedrichshain/Kreuzberg, der eine Lanze für Menschen mit Behinderung brechen wollte.

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Nouripour sagte, als er 2002 erstmals in den Bundesvorstand eingezogen sei, hätten die Grünen bei der Bundestagswahl knapp über 5 Prozent geholt. „Der Blick zurück schärft manchmal die Sehstärke“, so der Mann aus Frankfurt am Main angesichts der Trauer über das letzte Wahlergebnis von 14,8 Prozent. Dann zählte er hintereinander auf, was die Grünen in der Koalitionsvereinbarung erreicht hätten, und rühmte eine „eindeutig grüne Handschrift“.

2025 „wieder mitspielen“

Der gelernte Außenpolitiker will nach eigenen Worten seine Erfahrung einbringen und den nach Einschätzung vieler Grüner am Ende eher mittelprächtigen Bundestagswahlkampf so aufarbeiten, dass die Partei 2025 im Wettkampf um das Kanzleramt „wieder mitspielen“ kann. Ein Selbstläufer werde das jedoch nicht, stellte er klar. „Wir werden nur stark, wenn wir alle zusammen stark sind.“

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Nach seiner Wahl tat Nouripour etwas, was Lang nicht tun konnte: Er warf sich mit einem Blumenstrauß in der Hand in die Arme seiner Vorgänger. Sie standen zum Applaudieren bereit.

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