50 Tage vor Olympia: Wie die Spiele von Peking immer mehr politisiert werden

Olympisches Feuerchen: Die Vorfreude auf die Olympischen Winterspiele in Peking ist getrübt.

Olympisches Feuerchen: Die Vorfreude auf die Olympischen Winterspiele in Peking ist getrübt.

In weniger als zwei Monaten beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Doch wie zuletzt so häufig stehen nicht die sportlichen Leistungen im Fokus: Vielmehr dominieren politische Meldungen die Berichterstattung. Eine Nation nach der anderen positioniert sich zum Gastgeberland China, auch aus den Reihen der Sportlerinnen und Sportler häuft sich die Kritik aufgrund der Verletzungen von Menschenrechten.

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Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt und betont regelmäßig die „politische Neutralität“ des Verbandes. Im Interview mit dem ZDF weist IOC-Präsident Thomas Bach die Verantwortung von sich. „Erwartungen, dass die Olympischen Spiele das politische System eines Landes ändern können, das ist völlig überzogen. Unsere Verantwortung ist es nicht, die politischen Probleme dieser Welt zu lösen“, sagt Bach.

Sport und Politik sollten also getrennt betrachtet werden – meint das IOC. Aber ist das angesichts der weltweiten außenpolitischen Spannungen und der Größe des Events überhaupt noch möglich?

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Was Politikerinnen und Politiker sagen

Die USA, Großbritannien, Kanada und Australien werden im Februar keine diplomatischen Vertreterinnen und Vertreter nach Peking schicken. Grund für den Boykott sind Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten, wie zum Beispiel der Tibeter und der Uiguren. Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses, sagt, die Regierung sei der Meinung, dass so eine „klare Botschaft“ in Richtung China gesendet werde – auch ohne dass Sportlerinnen und Sportler selbst die Spiele boykottieren.

Anders handhabt es Frankreich, das auf einen diplomatischen Boykott verzichtet. „Der Sport ist eine Welt für sich und muss so weit es geht vor politischen Einflüssen geschützt werden“, begründet der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer die Entscheidung.

Deutschland hingegen hält sich bedeckt, denn noch hat die Bundesregierung in dieser Sache keine Entscheidung getroffen. Bei ihrem Antrittsbesuch in Paris verkündete Außenministerin Annalena Baerbock lediglich, dass sie eine einheitliche europäische Lösung anstrebe. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz gibt sich abwartend. „Solche Fragen müssen sehr sorgfältig diskutiert werden“, sagt Scholz in einem Interview mit der Welt.

Wesentlich klarer positioniert sich der neue SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil, der die Spiele als wichtige Plattform sieht. „Das ist etwas, wo dann auch die Spiele nie als rein sportliches Event betrachtet werden dürfen. Sondern es muss auch immer noch möglich sein, genau diese gesellschafts­politischen Debatten anzustoßen“, sagt Klingbeil gegenüber dem Radiosender FFN.

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Ein Blick zurück: Was sich seit 2008 getan hat

Zumindest Klingbeil vermischt damit Sport und Politik – und zeigt ein wenig Optimismus. Aber trägt sich dieser? Bereits 2008 war Peking der Austragungsort der Olympischen Sommerspiele. Im Zuge der Vergabe traf China mit dem IOC schon 2001 eine Vereinbarung. Zu den Zusagen gehörten unter anderem eine Verbesserung der Umweltpolitik, eine Ausweitung der Pressefreiheit und die Stärkung der Menschenrechte. Laut einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes für den Bundestag wurden diese Ziele aber nie vertraglich festgelegt und blieben damit ohne verbindliche Zusage. Und ein Blick auf diese drei Handlungsfelder zeigt, dass sich die Situation in China seit 2008 keineswegs verbessert und teilweise gar verschlechtert hat.

  • Umwelt: Laut einem Bericht des „Global Carbon Project“ steigen die fossilen CO₂-Emissionen in China seit 20 Jahren steil an. Während 2008 nach Daten von „Our world in Data“ 7,5 Milliarden Tonnen CO₂ emittiert wurden, liegt der Wert 2020 bei 10,67 Milliarden Tonnen.
  • Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen erhebt jedes Jahr die Rangliste der Pressfreiheit. 2008 stand China auf Platz 166 von 172. Auf der Liste für das Jahr 2021 ist es Platz 177 von 180 – nur Nordkorea, Turkmenistan und Eritrea schneiden schlechter ab.
  • Menschenrechte: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sagt, dass es seit 2015 – dem Vergabezeitpunkt der Spiele 2022 – besonders viele Menschenrechtsverletzungen in China gegeben hat. Im Allgemeinen beobachtet die Direktorin für globale Initiativen, Minky Woden, dass sich die Lage „deutlich verschlechtert“ hat.

Auf Basis dieser Daten fordert HRW daher eine klare Position vom IOC. So erklärt die Organisation, das IOC sei in einer „sehr starken Position, um zu sagen: Ihr habt mit dieser Unterdrückung begonnen, seit wir euch die Spiele gegeben haben, und wir wollen, dass ihr sie jetzt beendet.“

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Auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags sieht mehr Handlungsspielraum. Ein Ergebnis des Berichts ist, dass bestimmten Zusagen und Absprachen vertraglich festgelegt und damit künftig an die Vergabe der Spiele geknüpft werden sollen.

Diesen Punkt unterstützt der Biathlet und Olympiamedaillengewinner Erik Lesser. „Ich wünsche mir, dass die Regularien für Austragungsorte strikt umgesetzt werden“, sagt der 33-Jährige gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Winter- und Sommerspiele sollen wieder das werden, was sie mal waren und es soll nicht einfach nur um Diplomatie gehen.“

Für Biathlet Erik Lesser sind die Wettkämpfe in Peking seine dritten Spiele.

Für Biathlet Erik Lesser sind die Wettkämpfe in Peking seine dritten Spiele.

Wie reagiert China?

Die Volksrepublik China gibt sich trotz Kritik keinerlei Blöße. Vielmehr dominiert in den heimischen Medien das Narrativ über den chinesischen Aufstieg zur Weltmacht, der nun nach den Sommerspielen 2008 mit den Winterspielen im Februar abschließend gekürt wird.

Bei den täglichen Pressekonferenzen im Pekinger Außenministerium antwortet Sprecher Wang Wenbin auf Fragen der Reporter stets mit derselben Floskel: Man solle den Sport nicht „politisieren“; und wer es dennoch wage, werde „den Preis für die Fehlhandlungen zahlen“.

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Nach außen gibt sich die Parteiführung also unbeeindruckt, doch hinter den Kulissen steigt die Nervosität beachtlich. Die angespannte Stimmung äußert sich nicht zuletzt in einer immer absurderen Kontrollwut über das öffentliche Narrativ: Erst nach einem Beschwerdeschreiben des Korrespondentenclubs wurden ausländische Journalisten überhaupt zur Vorberichterstattung in die Olympischen Spielstätten gelassen, und bei den offiziellen Pressekonferenzen erhalten meist nur die heimischen Staatsmedien die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Bereits jetzt steht fest: Die Spiele werden als die unfreiesten in die olympische Geschichte eingehen.

Dabei kommt der chinesischen Regierung ausgerechnet die erneut anschwellende Corona-Pandemie durchaus entgegen: Denn die strengen epidemiologischen Maßnahmen sorgen auch dafür, dass die einreisenden Journalisten stets in der Olympiablase gehalten werden können. Ein Austausch mit dem Rest der Bevölkerung wird nicht möglich sein. Selbst die chinesischen „Volunteers“ müssen nach den Spielen drei Wochen in Quarantäne, ehe sie wieder am Alltag teilhaben können.

Anti-Wintersport-Nation China auf dem Weg zur Supermacht?

Wie die Olympischen Spiele politisiert werden, zeigt auch die Entwicklung des Wintersports in China – denn das Land ist traditionell keine Wintersportnation. Erst 1992 in Albertville holten chinesische Athletinnen erstmals Medaillen, bei den letzten Spielen 2018 in Pyeongchang (Südkorea) gab es insgesamt neunmal Edelmetall.

Damit am Ende dieser Spiele mehr olympische Medaillen zu Buche stehen, hat die Regierung einiges getan. Mit einem riesigen Förderprogramm sollten 300 Millionen Chinesinnen und Chinesen auf die Pisten, Schanzen oder Rodelbahnen gebracht und in wenigen Jahren zu Topathletinnen und Topathleten geformt werden. Dabei helfen sollten auch internationale Topstars. Das wohl bekannteste Beispiel: Der Norweger Ole Einer Björndalen, achtfacher Olympiasieger, ist seit 2019 Cheftrainer des chinesischen Biathlonteams, seine Frau, die Belarussin Darja Domratschewa, vierfache Olympiasiegerin, trainiert die Frauen.

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Chinas Präsident Xi Jinping spricht zu einem Teil des Olympiateams.

Chinas Präsident Xi Jinping spricht zu einem Teil des Olympiateams.

Dass China in diesem Jahr wirklich zur Wintersport-Supermacht wird, wie Xi plante, ist äußerst unwahrscheinlich. Während einige Athletinnen und Athleten in den Disziplinen auf Eis Chancen haben, sieht es in den Disziplinen auf Schnee äußerst schlecht aus. Eine Prognose der Nielsen Company besagt, dass China am Ende den 14. Platz im Medaillenspiegel einnehmen könnte – mit zwei goldenen, vier silbernen und zwei bronzenen Medaillen.

Ich sehe es sehr kritisch, dass die Spiele zum zweiten Mal in Asien stattfinden, wo der nordische Skisport keine Tradition hat und nie haben wird.

Horst Hüttel,

Teammanager Skispringen und nordische Kombination

Deutsche Sportlerinnen und Sportler sehen die Situation in China kritisch. Aus mehreren Gesprächen, die das RND geführt hat, geht hervor: Über die Vergabe der Spiele nach Peking freut sich niemand. Zu schwer wiegen einerseits die Verletzungen der Menschenrechte, andererseits die fehlende Wintersporttradition. „Ich sehe es sehr kritisch, dass die Spiele zum zweiten Mal in Asien stattfinden, wo der nordische Skisport keine Tradition hat und nie haben wird“, sagt Horst Hüttel, Teammanager im Skispringen und der nordischen Kombination.

Allen voran das Team der Rodlerinnen und Rodler hatte zuletzt für Schlagzeilen gesorgt. Ende November gab es den ersten Weltcup auf der nagelneuen Olympiabahn. Doch durch die Corona-Bedingungen wurde die Generalprobe zum Albtraum. „Es war sehr schwierig für uns. Wir haben dort den Worst Case erlebt. Ich glaube das war nur ein Vorgeschmack auf das, was im Februar passieren könnte“, sagt Rodlerin Dajana Eitberger dem RND.

Rodlerin Dajana Eitberger war mit ihrem Team gerade erst in Peking und blickt kritisch auf die Winterspiele.

Rodlerin Dajana Eitberger war mit ihrem Team gerade erst in Peking und blickt kritisch auf die Winterspiele.

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Wegen eines positiven Corona-Falls im Flugzeug nach Peking mussten sie und weitere Teamkolleginnen und Teamkollegen in Isolation. Das Hotelzimmer wurde somit zum Trainingsplatz, auf die Rodelbahn durften sie nur am Abend ab circa 20.30 Uhr. Sie hätten sich gefühlt wie „Fledermausmenschen“, sagt Eitberger.

Insgesamt waren bisher nur wenige deutsche Sportlerinnen und Sportler vor Ort. Dazu zählt Horst Hüttel, der die Wettkampfstätten mit der zweiten Garde der Athletinnen und Athleten bei einem Testwettkampf besichtigt hat. Gegenüber dem RND kritisiert er: „Natürlich wäre der eine oder andere auch gerne selbst hingefahren. Deswegen verstehe ich auch nicht, dass die Veranstalter vor Ort keinen Wettkampf zugelassen haben. Es werden somit alle Bestimmungen über Bord geworfen.“

Wir sind erst mal darauf erpicht, die Norm zu erreichen. Ich kann mir im Dezember nicht den Kopf zermartern, wie das alles ist, und dann bin ich am Ende gar nicht dabei.

Erik Lesser, Biathlet

Das gilt auch für die Biathletinnen und Biathleten rund um den Teamältesten Erik Lesser. „Wir wissen quasi nichts. Wir haben nur Fotos von der Strecke gesehen und die Langlaufstrecken über eine VR-Brille besichtigt“, sagt Lesser über die schlechte Informationslage. Generell sind die Bedingungen aber eher kein Thema innerhalb seines Teams: „Wir sind erst mal darauf erpicht, die Norm zu erreichen. Ich kann mir im Dezember nicht den Kopf zermartern, wie das alles ist, und dann bin ich am Ende gar nicht dabei.“

Auch wenn die bisherigen Erfahrungen mit China und der Situation unterschiedlich sind, sind sich Eitberger, Hüttel und Lesser in mindestens einem Punkt einig: Sportlerinnen und Sportler müssen etwas ausbaden, für das sie gar nichts können. „Ich finde es nicht okay, von Sportlern zu erwarten, die Spiele zu boykottieren. Das würde ich nicht machen. Den Schuh muss sich das IOC anziehen – auch wegen der Vergabe“, kritisiert Lesser.

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Ein sportlicher Boykott soll laut Hüttel auch bei den Skispringern und Kombinierern kein Thema gewesen sein. Für ihn liegt die Lösung der Probleme nicht im Sport: „Es gibt etliche fragwürdige Dinge vor Ort, die aus meiner Sicht nicht akzeptabel sind. Und all das soll der Sport reparieren? Das ist nicht möglich. Niemand fragt danach was Wirtschaftsunternehmen machen, aber dem Sport gegenüber wird teilweise die moralische Keule geschwungen.“

Ein sportlicher Boykott würde laut Lesser und Eitberger außerdem wohl eher wenig bewirken. Nicht zu unterschlagen sei die Bedeutung für die eigene Karriere. Kaderplätze, Sponsoren und auch der Marktwert würden davon abhängen, wie Eitberger betont: „Die eigene Geschichte überwiegt am Ende. Bei mir ist es, dass ich als Mutter zurück in den Leistungssport gekehrt bin und zeige: Es ist keine Entweder-oder-Geschichte, es geht beides.“ Die Olympiazweite von 2018 bekam im Februar 2020 ihren Sohn und feierte noch im selben Jahr wieder einen Sieg im Weltcup.

Ich finde es vermessen, dass das IOC sagt „Wir haben nichts damit zu tun“. Das Land bekommt durch die Ausrichtung so viel Aufmerksamkeit, dass allein die Bewerbung politisch ist.

Dajana Eitberger,

Rodlerin und Athletensprecherin des DOSB

Aus Perspektive der Sportlerinnen und Sportler zählt im Moment vor allem das Wesentliche: Der Fokus sollte wieder auf den Sport gelenkt werden, weg von den politischen Geschehnissen. „Der Sport und unsere Athleten verlangen jetzt volle Aufmerksamkeit, sonst stehen wir am Ende mit leeren Händen da“, meint Hüttel.

Vielmehr solle sich das IOC damit beschäftigen, die Vergabekriterien zu korrigieren, damit derartige Diskussion künftig seltener vorkommen. In Richtung des IOC sendet Eitberger deswegen eine klare Botschaft: „Ich finde es vermessen, dass das IOC sagt ‚Wir haben nichts damit zu tun‘. Das Land bekommt durch die Ausrichtung so viel Aufmerksamkeit, dass allein die Bewerbung politisch ist.“

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In 50 Tagen geht es also los mit den (un-)politischen Olympischen Spielen. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen: Sport und Politik sind vor allem im Vorfeld der Wettkämpfe kaum noch zu trennen. Lesser hofft aber: „Wenn die Wettkämpfe starten, dann guckt die ganze Welt darauf und will wissen, wer der beste Athlet ist.“

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