Moskauer Autor im Exil

„Russland ist ein sterbendes Imperium“

Dmitry Glukhovsky befürchtet dunkle Jahre für Russland auch nach Putins Ende.

Berlin. Herr Glukhovsky, Sie haben in Ihrer „Metro-Trilogie“ eine Gesellschaft nach einem alles vernichtenden Krieg beschrieben. Wie sehen Sie Ihre eigenen Geschichten in diesen Kriegszeiten?

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Ich habe die „Metro-Trilogie“ als Warnung davor geschrieben, die alten Ideologien des 20. Jahrhunderts wiederzubeleben. Ich schildere eine postapokalyptische Gesellschaft, in der nach einem vernichtenden atomaren Krieg kein menschliches Leben an der Oberfläche mehr möglich ist. Doch selbst nach dem Ende der Welt, wie wir sie kennen, glauben die Überlebenden noch an die alten Verführungen. Noch im Untergrund bekämpfen sich Faschisten und Kommunisten, werben falsche Propheten um Gefolgschaft. Der Mensch lernt nicht aus den Fehlern der Vergangenheit.

Erst in Kiew, dann in Charkiw suchten Menschen in der Metro Schutz vor russischen Bomben, sie kampierten dort zum Teil wochenlang. Es sah dort aus wie in Ihren Büchern. Was haben diese Bilder in Ihnen ausgelöst?

Ich hätte nie gedacht, dass es diese Bilder in der Realität geben könnte. Ich habe eine Dystopie geschrieben, ich habe übertrieben, um zu appellieren, dass die Menschheit nie wieder in die Richtung eines Vernichtungskrieges gehen darf. Ich war schockiert, dass diese Bilder wahr geworden sind.

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Igor Terechov, Bürgermeister von Charkiw, spricht mit Menschen, die vor russischen Bombenangriffen in die Metro geflüchtet sind.

Igor Terechov, Bürgermeister von Charkiw, spricht mit Menschen, die vor russischen Bombenangriffen in die Metro geflüchtet sind.

Ihre Dystopie zeigt das Leben nach einem Atomkrieg, vor dem heute viele Menschen Angst haben. Sie auch?

Die strategischen Atomwaffen sind das einzige Druckmittel, das Russland gegen den Westen noch hat. Seine Armee stellt sich als schwach heraus, als schlecht bewaffnet, korrupt und ineffektiv. Putin droht dem Westen mit dem letzten und maximalen Mittel, das er hat. Wird er die Atomwaffen einsetzen? Selbst wenn wir davon ausgehen, dass er noch maximal fünf bis zehn Jahre zu leben hat, schätze ich ihn nicht als suizidal ein.

Wer könnte nach Putin die Macht in Russland übernehmen?

Russland ist derzeit kein Staat, sondern eine Mafiaorganisation. Die organisierte Kriminalität stellt sich als Staat dar. Den meisten Personen in diesem System geht es ums Geldverdienen und Überleben. Putin kümmert sich nun um Ewigkeitsprobleme: um seinen Platz in der Geschichte, um die Wiederauferstehung der Sowjetunion. Es gibt auch in seinem engsten Zirkel vermutlich niemanden, der ihm dabei folgt. Doch zu den Spielregeln gehört, zu glauben, was der Führer glaubt.

Wie lange kann das noch weitergehen?

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Die ersten Zerfallserscheinungen sehen wir bereits jetzt. Wie jede Mafiaorganisation geht auch Putins Staat viel aggressiver gegen die Verräter von innen vor als gegen die Kritiker von außen. Am meisten gefährdet sind zurzeit die Topmanager von Gazprom. Die mysteriösen Todesfälle mehrerer dieser Manager hängen höchstwahrscheinlich damit zusammen, dass sie zu viel wussten.

In Ihrer „Metro-Trilogie“ zeigen Sie den Kampf zwischen den alten Ideologien in einer zerstörten Welt. Was davon bezieht sich auf Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion?

Nach 70 Jahren Sowjetherrschaft waren die Menschen in Russland ideologiemüde. In den ersten zehn Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es kaum Nachfrage nach Ideologien – außer denen des Marktes. Solange die Wirtschaft wächst, braucht es keine Ideologie. Doch wenn die Wirtschaft lahmt, müssen die Herrschenden wieder eine sinnstiftende Erzählung anbieten. Russland ist ein sterbendes koloniales Imperium. Vielleicht das letzte koloniale Imperium. Seit mehr als 30 Jahren ist es auf dem Weg des Zerfalls. Die erste Welle war der Zusammenbruch des Ostblocks, die zweite die Unabhängigkeit der baltischen Staaten und dann der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Kriege, die Russland geführt hat, waren Kolonialkriege – in Tschetschenien, in Georgien und jetzt in der Ukraine.

Ist das auch ein Kolonialkrieg?

Mit dem Krieg in der Ukraine ist der Zerfall seit 2014 im Herzen des Imperiums angekommen. Putin kann dort keines seiner Ziele erreichen. Aber die größte Gefahr für Russland wird nicht die kommende Niederlage in der Ukraine sein, sondern das, was danach kommt: der weitere Zerfall des Landes. Mein persönlicher Eindruck ist: Russland in der jetzigen Form wird es nur noch so lange geben, wie Putin Präsident ist. Wenn er stirbt, ist ein Erbfolgekrieg unvermeidlich. Der ganze Staat hängt an Putin und seinem persönlichen Umfeld. Russlands Zerfall als Imperium, als Staat, wird durch Putin unabwendbar. Er wollte diesen Staat und seine Macht sichern – und er wird ihn zerstören.

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Sie touren gerade zu Lesungen und Diskussionen durch verschiedene europäische Länder. Können Sie nach Russland zurückkehren?

Zurück nach Russland kann ich nicht, solange Putin regiert, weil mir meine Freiheit und die Freiheit der Sprache zu wichtig sind. Ich habe gleich nach dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar entschieden, dass ich nicht zurückkehre. Ich bin jetzt in Europa. Ich habe schon die vergangenen fünf Jahre meine Zeit zwischen Russland und Europa aufgeteilt. Zuletzt war ich im Januar in Moskau. Am Morgen des 24. Februar habe ich die ersten Whatsapp-Nachrichten vom Überfall bekommen. Ich musste nur 30 Sekunden nachdenken, ob ich etwas sagen oder darüber schweigen soll. Ich musste meine ukrainischen Freunde um Entschuldigung bitten für diesen sinnlosen Krieg des Tyrannen. Damit habe ich mir die Möglichkeit zur Rückkehr zunächst verbaut.

Vermissen Sie Russland in diesen Tagen?

Russland ist meine Heimat, ein Teil meiner Familie lebt dort, Kollegen, Freunde. Mein Geld liegt dort, meine Erinnerungen, die Luft, das Klima, schlicht das Zuhause – darauf muss ich jetzt verzichten. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Ich habe auch viele Freunde in der Ukraine, im vergangenen Herbst war ich zuletzt dort, wir haben gefeiert – und ich dachte an diesem 24. Februar: Wenn du jetzt nichts sagst, verrätst du diese Menschen. Das war jetzt keine große moralische Entscheidung – von mir hängt nicht so viel ab. Aber für die Beziehung zu meinen Freunden war es wichtig.

Viele Russinnen und Russen glauben an die Propaganda von der „Entnazifizierung der Ukraine“. Oder wie es im ersten Band Ihrer Trilogie heißt: „Jeder glaubt, für das Licht gegen die Dunkelheit zu kämpfen.“

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Das ist menschlich verständlich. Niemand will glauben, dass er auf der Seite des Bösen ist. Noch nicht einmal die SS-Männer wollten das. Putins Propagandisten haben eine schwere Aufgabe: Sie müssen einen Eroberungskrieg rechtfertigen. Das geht nur, wenn sie ihn Befreiungskrieg nennen – und ihre Gegner entmenschlichen.

Wie Deutschland lernte, die Bombe zu lieben

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik spricht sich laut Umfrage im Auftrag des ARD-Politikmagazins „Panorama“ eine Mehrheit für den Verbleib amerikanischer Atomwaffen in Deutschland aus. Ausgerechnet bei den Anhängern der Grünen ist die Zustimmung besonders groß.

Welches Ziel hat Putin?

Putin will die Sowjetunion wiederherstellen, um seine eigene Macht zu sichern. Nur darum geht es ihm. Um das den Russinnen und Russen zu verkaufen, stellt er diesen Krieg als Fortsetzung des Großen Vaterländischen Kriegs gegen den Faschismus dar. Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg ist jeder russischen Familie heilig. 27 Millionen Sowjetbürger wurden umgebracht. Putin missbraucht die Emotionen, missbraucht die Trauer und Verehrung für seine eigenen Ziele.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ukrainischen Freunden?

Ja, sie haben sich bedankt, dass ich mich gegen den Krieg ausgesprochen habe. Es ist kein Krieg Russlands gegen die Ukraine, es ist ein Krieg des korruptionsverseuchten Putin-Regimes gegen die Ukrainer – und gegen die Russen.

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Die Russinnen und Russen sind auch Opfer dieses Krieges, sagen Sie?

Ja, sie haben ihre letzten Freiheiten verloren. Wir alle verlieren wegen Putin unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder.

Dmitry Glukhovsky, geboren 1979 in Moskau, ist Schriftsteller und Journalist. Er studierte Journalismus und Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seine weltweit übersetzte „Metro“-Trilogie, die auf Deutsch im Heyne-Verlag erschienen ist, spielt nach einem Atomkrieg in der Moskauer ­U-Bahn. Der Auftaktband, „Metro 2033″, diente als Vorlage für ein Videospiel. Glukhovskys dystopischer Roman „Outpost – Der Posten“, der im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung herauskam, schildert ein von der Welt isoliertes Russland, das nur mehr Imperium genannt wird. Im Herbst erscheint (ebenfalls bei Heyne) ein Band mit politischen Essays und Kurzgeschichten des Autors.

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