Kommentar zum Kriegsziel

Lawrows kläglicher Versuch einer Rechtfertigung

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wiederholte bei einem Auftritt in Kairo, dass sein Land den Sturz der ukrainischen Regierung anstrebe.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow wiederholte bei einem Auftritt in Kairo, dass sein Land den Sturz der ukrainischen Regierung anstrebe.

Berlin. Wenn Sergej Lawrow mal etwas richtig Überraschendes sagen wollte, würde sich Folgendes anbieten: Entschuldigung. War ein Fehler. Unsere Truppen haben die Ukraine verlassen, die Angriffe wurden eingestellt. Das mit dem Fehler könnte er sogar nachliefern, wenn‘s auf den ersten Rutsch zu schwer fällt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Aber die russische Staatsführung gehört offenkundig zu denen, die lieber wieder und wieder gegen eine Mauer rennen, statt einzugestehen, sich im Weg geirrt zu haben. Bei einem Besuch in Ägypten hat Außenminister Lawrow nun den Sturz der ukrainischen Regierung zum Kriegsziel erklärt. Man werde die ukrainische Bevölkerung helfen, sich von dem „volks- und geschichtsfeindlichen Regime“ zu befreien.

Kriegsziele in der Ukraine: Lawrow bestätigt Moskaus Pläne für „Regimewechsel“ in Kiew

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat im Gegensatz zu früheren Äußerungen erklärt, dass Russland den Sturz der ukrainischen Regierung anstrebt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Rechtfertigung von Machtgelüsten

Es ist der Rückgriff auf die Rechtfertigung, die Präsident Wladimir Putin zu Beginn des Krieges vorbrachte: Ein angebliches Nazi-Regime in der Ukraine müsse beseitigt werden. Wer ein anderes Land überfällt, wer Völkerrecht bricht, braucht mindestens einen Hitler-Vergleich, so viel schlechtes Gewissen schien selbst Putin zu haben. Die rhetorische Figur ist zwischendurch etwas in den Hintergrund gerückt, auf einer Afrika-Reise schien Lawrow nun den Rechtfertigungsdruck erneut zu spüren.

Lawrows Worte sind der klägliche Versuch, die eigenen Machtgelüste zu rechtfertigen mit dem angeblichen Wunsch des Opfers. Aber die Ukrainerinnen und Ukrainer haben Russland weder um diese, noch um andere Unterstützung gebeten. Und das Zusammenleben von Russen und Ukrainern, das Lawrow zu befördern behauptet, gelänge am besten, wenn die russische Armee vorher nicht die Ukrainer niedermetzelt.

Hauptstadt-Radar

Der Newsletter mit persönlichen Eindrücken und Hintergründen aus dem Regierungsviertel. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Vor allem aber macht Lawrow deutlich: Russland hat kein Interesse an Verhandlungen mit der aktuellen ukrainischen Regierung. Wer den Gegner vernichten will, wird sich kaum mit ihm an einen Tisch setzten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist irritierend, dass dieses Signal ausgerechnet zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem mit einem Abkommen zu Getreidelieferungen zumindest mal ein Ansatz zu diplomatischen Absprachen gefunden wurde.

Ein Zeichen nach innen kann dies sein: Die russische Führung hält es offenkundig für nötig, in Russland nicht in den Verdacht der Nachgiebigkeit zu geraten – dazu passen auch die Angriffe auf Odessa.

Und es kann auch ein Lockruf Richtung Ukraine sein, ein Aufruf an Bürger, Beamte und Politiker, sich von der ukrainischen Regierung abzuwenden, um sich Startvorteile in einem möglichen pro-russischen Staat zu sichern. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mit dem Hinweis auf zu viele Überläufer vor wenigen Tagen den Chef des Inlandsgeheimdienstes und die Generalstaatsanwältin entlassen. Diese Nervosität hat Russland wohl registriert, es versucht, sie weiter zu schüren.

Die Ebenen des Kriegs

Denn ein Krieg wird auf mehreren Ebenen geführt: militärisch, wirtschaftlich und auch psychologisch. Militärisch und wirtschaftlich läuft es nicht gut für Russland. Die Ukraine wehrt sich erbittert, ihre Alliierten haben sich bislang nicht entzweien lassen. Und die wirtschaftlichen Aussichten Russlands sind alles andere als rosig. Da bietet es sich an, den Psychostress bei den Gegnern zu erhöhen. Es ist davon auszugehen, dass Moskau auch auf Zeit spielt: Putin setzt darauf, dass die Unterstützung für die Ukraine schwindet, je länger der Krieg dauert, je größer die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei deren Verbündeten werden, je mehr die USA mit den Midterm-Wahlen und damit mit sich selbst beschäftigt ist.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
06.04.2022, Ukraine, Butscha: Ein beschädigter russischer Panzer steht in Butscha. Ukrainer dokumentieren schreckliche Gräueltaten, die von russischen Soldaten an der Zivilbevölkerung begangen wurden. Menschen, die mehrere Wochen der russischen Besatzung überlebt haben, versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Foto: Jana Cavojska/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Sprache des Aggressors: Wie Putins Krieg dem Image der russischen Kultur schadet

Viele russischsprachige Autorinnen und Autoren in der Ukraine entschieden sich schon nach 2014 dafür, auf Ukrainisch umzuschwenken. Dieser Trend hat sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges noch verstärkt. Russisch ist jetzt mit dem Negativimage als Sprache des Aggressors behaftet. Kiew hat inzwischen die Einfuhr russischer Bücher verboten.

Dem lässt sich begegnen. Die Verbündeten der Ukraine dürfen sich nicht ermüden lassen, sondern müssen gemeinsam die Mauer immer stabiler bauen, gegen die Putin, Lawrow und Co. anrennen. Die Brutalität von Lawrows Worten haben die Notwendigkeit deutlich gemacht.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen