Leid der Zivilbevölkerung

Russlands Krieg: „Das Problem sind die Lebenden, die nach Hause kommen“

Mobilisierte Reservisten der russischen Armee beim Einsteigen in einen Zug.

Mobilisierte Reservisten der russischen Armee beim Einsteigen in einen Zug.

London. Es ist kein Krieg, sagt Wladimir Putin. Was seine Truppen in die Ukraine treibt, ist für den russischen Präsidenten eine „militärische Spezialoperation“. Das galt bei der Invasion im Februar ebenso wie jetzt. Doch auch zu Hause in Russland sind immer mehr die Folgen dessen spürbar, was dieser Einmarsch tatsächlich ist.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Nach acht Monaten ist eine große Zahl toter und verwundeter russischer Soldaten zu beklagen. Selbst konservativste Schätzungen gehen laut Samantha de Bendern, Russlandexpertin bei der Londoner Denkfabrik Chatham House, von 50.000 Toten in der Ukraine aus.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Gesellschaft das verkraften kann“

Das sei bereits eine drei bis fünf Mal so hohe Zahl wie die der sowjetischen Soldaten, die in fast elf Jahren Einsatz in Afghanistan getötet worden seien, sagt de Bendern. Damals seien es 10.000 bis 15.000 Soldaten gewesen, und das bei einer insgesamt viel größeren Bevölkerungszahl der ehemaligen Sowjetunion, die sowohl Russland als auch die Ukraine umfasste. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Gesellschaft das verkraften kann“, erklärt de Bendern.

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Der Krieg, der nicht so heißen darf, trifft spätestens mit der jüngsten Teilmobilmachung inzwischen Hunderttausende Familien in Russland. Viele der Reservisten werden unvorbereitet und schlecht ausgerüstet losgeschickt, viele versuchen auch dem zu entkommen und außer Landes zu fliehen, auf dem Luft-, See- und Landweg.

Gewaltsame Zwischenfälle in Ausbildungsstationen

An Ausbildungs- und Rekrutierungsstationen ist es bereits zu gewaltsamen Zwischenfällen gekommen. So wurden in der vergangenen Woche bei einer Schießerei in der Region Belgorod im Südwesten Russlands elf Menschen getötet und 15 weitere verletzt. Die beiden Angreifer feuerten bei Schießübungen auf andere Soldaten und wurden selbst erschossen. Russischen Angaben zufolge war ein Streit der Auslöser. Die Angaben zum Hintergrund blieben schwammig. Bei einem anderen Vorfall in Sibirien wurde ein örtlicher Kommandant erschossen. Der Angreifer war ein junger Mann, dessen Freund einberufen worden war. „Keiner wird kämpfen“, soll er gerufen haben. „Wir gehen jetzt alle nach Hause.“

Im Gegensatz zu dem russischen Bombardement auf die Ukraine waren ukrainische Angriffe auf Russland bislang wenig tödlich. In den Grenzgebieten gehört Beschuss jedoch seit Beginn des Kriegs dazu.

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Dort hat Präsident Putin auch die Grundlage für strengere Sicherheitsmaßnahmen gelegt, mit einem Dekret, das unter anderem Spielraum für Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit schafft: Denn eine Klausel der Anordnung, mit der in den zuletzt illegal annektierten ukrainischen Regionen das Kriegsrecht verhängt wurde, erlaubt es, die dabei vorgesehenen Maßnahmen auf jede russische Region auszuweiten, „wenn nötig“.

Flugzeugabstürze von unerfahrenen Soldaten

Noch ein weiterer Aspekt der Kriegsfolgen bleibt der russischen Bevölkerung nicht verborgen: Wenn sich ein Land im Kampf befindet, schickt es mehr Flugzeuge in die Luft. Das bringt Probleme für überforderte und unerfahrene Soldaten mit sich – und tödliche Abstürze. Erst dieser Tage kamen beim Absturz eines Kampfflugzeugs in der russischen Hafenstadt Jejsk am Asowschen Meer 15 Menschen ums Leben. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums verunglückte der Su-34-Bomber, nachdem eines seiner Triebwerke während des Starts zu einem Übungsflug Feuer gefangen hatte.

Es war der zehnte gemeldete Absturz eines russischen Kampfjets außerhalb des Kampfeinsatzes seit Beginn der Ukraine-Offensive. Und die Zahl der Flüge nahm Experten zufolge zuletzt merklich zu.

Die Lebenden, die nach Hause kommen

Für die russischen Truppen und für die Psyche des Landes seien aber weniger die Toten das Problem, meint Expertin de Bendern. „Das Problem sind die Lebenden, die nach Hause kommen“, sagt sie, „die Lebenden, die nach Hause kommen und sagen: "Hey, wir kämpfen gar nicht gegen Nazis in der Ukraine. Wir bringen dort unschuldige Frauen und Kinder um."“

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Dem seit fast acht Monaten währenden Krieg, der in Russland nicht so heißt, fielen in der Ukraine schon Zehntausende Menschen zum Opfer. Millionen wurden aus ihren Häusern vertrieben und in die Flucht geschlagen. Und ein brutaler Winter steht bevor.

Nicht nur für die Ukraine, auch für Russland gilt im Krieg, der nicht so genannt werden darf: Unter seinem schmerzlichen Erbe könnten noch Generationen leiden.

RND/AP

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