Regionalhauptstadt am Dnipro

Kämpfe um Cherson: Warum ist diese Stadt militärisch und politisch so wichtig?

Ein ukrainischer Panzer fährt durch eine zurückeroberte Stadt (Symbolbild).

Ein ukrainischer Panzer fährt durch eine zurückeroberte Stadt (Symbolbild).

Kiew. Ukrainische Truppen haben in Cherson den Druck auf die russische Besatzung offenbar so sehr erhöht, dass diese am Samstag die vollständige Evakuierung der Zivilbevölkerung aus der gleichnamigen Regionalhauptstadt anordnete.

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Dass eine Entscheidungsschlacht bevorstehen könnte, ließ eine auf Telegram veröffentlichte Erklärung eines der moskautreuen Statthalter in Cherson erahnen: Kirill Stremoussow betonte darin, dass die Einwohnerinnen und Einwohner freiwillig gingen - weil sie um ihr Leben fürchteten. „Die Menschen gehen aktiv, weil heute Leben Priorität ist. Wir zerren niemanden irgendwohin.“

Der Verlust der zu Beginn des russischen Angriffskriegs besetzten Regionalhauptstadt wäre ein weitere Demütigung Moskaus nach einer Reihe militärischer Niederlagen vom gescheiterten Vorstoß auf Kiew bis zu Rückschlägen durch die ukrainische Gegenoffensive in der Ostukraine.

Ein Blick auf die militärische und politische Bedeutung der Regionalhauptstadt Cherson:

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Warum ist Cherson so wichtig?

Cherson ist ein wichtiges Industriezentrum und liegt nahe der Dnipro-Mündung ins Schwarze Meer an einem Punkt, an dem die Ukraine die Trinkwasserversorgung für die von Russland 2014 illegal annektierte Halbinsel Krim abschneiden könnte. Das hatte Kiew nach der Annexion auch gemacht. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte das als einen Grund für seine Entscheidung genannt, die Invasion in die Ukraine zu befehlen.

Moskau kündigt Evakuierung von Zivilistinnen und Zivilisten in Cherson an

Russland erwartet offenbar eine ukrainische Offensive. Die von Moskau eingesetzte Verwaltung beginnt nun mit Evakuierungen.

In den Sommermonaten haben ukrainische Truppen systematische Versorgungsrouten über den Dnipro zu der auf dem Westufer gelegene Regionalhauptstadt beschossen - insbesondere eine Brücke und einen großen Damm weiter stromaufwärts. Die russischen Truppen waren gezwungen, auf Pontonbrücken und Fähren auszuweichen, die ebenso unter Feuer genommen worden.

Die russischen Truppen auf der Westseite bekamen so Nachschubprobleme und wurden damit auch anfälliger für eine Umzingelung. Ihre Versorgungslage wurde am 8. Oktober durch die Explosion auf der Kertsch-Brücke von Russland auf die Krim noch weiter verschlechtert.

Wie hat Russland reagiert?

Putin machte für die Explosion auf der Kertsch-Brücke ukrainische Geheimdienste verantwortlich und lässt zur Vergeltung die ukrainische Energie-Infrastruktur mit Drohnen und Raketen beschießen. Zudem verhängte er in Cherson und den drei anderen völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Regionen das Kriegsrecht.

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Die militärische Lage in Cherson veränderte sich damit aber offenbar nicht. Der neue Befehlshaber der russischen Invasionstruppen, General Sergej Surowikin, sprach vor wenigen Tagen von einer „ziemlich schwierigen“ Lage.

Die von Moskau installierten Behörden, die zunächst nichts von einer Evakuierung der Regionalhauptstadt wissen wollten, änderten in dieser Woche abrupt ihren Kurs und empfahlen Zivilisten, Cherson zu verlassen - aber nur in Richtung russisch kontrollierter Gebiete. Am Samstag wurde dann sogar die Evakuierung aller Zivilisten angeordnet - „wegen der angespannten Lage an der Front, zunehmender Gefahr massiven Bombardements der Stadt und der Bedrohung von Terrorangriffen“.

Nach Schätzung der Behörden haben bis Samstag 25.000 Menschen Cherson verlassen. Auch von Moskau eingesetzte Behördenbedienstete verließen die Stadt.

Ukraine startet Rückeroberungsversuch von Cherson

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Große Sorgen macht das Wasserkraftwerk Kachowka rund 50 Kilometer flussaufwärts. Russland sagt, die ukrainischen Streitkräfte könnten es angreifen und die flussabwärts gelegenen Gebiet fluten. Kiew weist das zurück und sagt, Russland plane die Sprengung, um vor dem Rückzug seiner Truppen verheerende Überschwemmungen auszulösen. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief die internationale Gemeinschaft auf, Putin deutlich zu machen, dass dies „dasselbe bedeuten würde wie der Einsatz von Massenvernichtungswaffen“.

Was würde der Verlust Chersons für Russland bedeuten?

Ein Rückzug ais Cherson und anderen Gebieten auf der Westseite des Dnipros würde Russlands Hoffnungen auf eine Offensive weiter nach Westen zerstören, um von Mykolajiw bis Odessa die Ukraine vom Zugang zum Schwarzen Meer abzuschneiden. Für die ukrainische Wirtschaft wäre der Verlust ein schwerer Schlag, außerdem hätte Moskau dann einen Landzugang zur russisch dominierten Region Transnistrien in Moldau.

„Der Verlust von Cherson würde alle diese südlichen Träume des Kremls zu Staub werden lassen“, sagt der ukrainische Militäranalyst Oleh Schdanow. „Cherson ist der Schlüssel zur gesamten südlichen Region, der der Ukraine ermöglichen würde, wichtige Versorgungsrouten der russischen Streitkräfte ins Visier zu nehmen. Die Russen werden mit allen Mitteln versuchen, die Kontrolle (Chersons) zu behalten.“

Für die Ukraine würde die Rückeroberung Chersons den Weg für Offensiven auf die teilweise russisch besetzte Region Saporischschja ebnen - und auch auf die Krim. „Die Ukraine muss warten, bis ihr Cherson wie ein reifer Apfel in die Hand fällt, weil sich die Nachschublage der russischen Einheiten (dort) von Tag zu Tag verschlechtert“, sagt Schdanow. Und einmal wieder im Besitz Chersons könnte sie der Krim wieder das Trinkwasser abdrehen, fügt er hinzu.

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Der Leiter der Kiewer Denkfabrik Penta, Wolodymyr Fessenko, erwartet von einem Verlust Chersons auch Erschütterungen im Inneren des russischen Machtzentrums um Putin. Der Kreml-Chef würde dann zunehmend mit Kritik aus ultranationalistischen Kreisen rechnen müssen, und seine Truppen weiter demoralisiert werden.

RND/AP

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