Eine neue Front im Norden?

Ukrainisches Militär bedrängt russische Truppen in Cherson

Evakuierung der Einwohner von Cherson.

Evakuierung der Einwohner von Cherson.

Kiew. Ukrainische Truppen haben ihren Druck auf russische Invasionstruppen im Süden der Ukraine verstärkt. Unter anderem seien Versorgungsrouten über den Dnipro beschossen worden, teilte das Militär am Freitag mit. Nach Angaben der russischen Verwaltung wurden dabei vier Zivilisten getötet. Im Donbass kamen bei russischem Beschuss zwei Menschen ums Leben. Derweil stationierte Russland Truppen in Belarus. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte zugleich, Präsident Wladimir Putin sei gesprächsbereit.

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Ukrainische Truppen stoßen bei einer Offensive auf der Westseite des Dnipro vor und beschießen Brücken über den Fluss. Die russischen Besatzer haben deshalb Fähren und Pontonbrücken eingerichtet, um die Invasionstruppen auf dem Westufer mit Nachschub zu versorgen. Am Donnerstagabend sei eine Brücke über den Dnipro getroffen worden, sagte der von Russland eingesetzte Vizestatthalter der Region, Kirill Stremoussow. Dabei seien mindestens vier Zivilisten getötet worden, unter ihnen ein Journalist des von Russland aufgebauten Senders Tamwria. Ein führender Vertreter der Gesundheitsdienste in der Stadt, Wadim Ilmijew, sprach von 13 Verletzten.

Angriff nach Beginn der Ausgangssperre

Das ukrainische Militär bestätigte, es habe die nach früheren Angriffen unbrauchbare Antoniwskji-Brücke in der Stadt Cherson beschossen, allerdings erst nach Beginn der dort verhängten Ausgangssperre. „Wir greifen keine Zivilisten und Siedlungen an“, versicherte die Sprecherin des Südkommandos der Streitkräfte, Natalia Humeniuk.

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Der ukrainische Generalstab erklärte, Russland habe etwa 2000 Wehrpflichtige nach Cherson geschickt, um Verluste auszugleichen und die Frontlinie zu verstärken. Von Russland eingesetzte Behörden drängten Einwohnerinnen und Einwohner, Cherson zu verlassen, damit das Militär Befestigungen errichten könne. Das ukrainische Militär teilte mit, die Evakuierung von Angestellten bei Banken und medizinischen Einrichtungen sowie Lehrern habe begonnen. Mindestens 15.000 Menschen seien aus der Stadt gebracht worden, etwa 60.000 sollten es wohl werden.

Cherson hatte vor Kriegsbeginn etwa 284.000 Einwohner und war eine der ersten Großstädte, die Russland nach Beginn der Invasion eroberte. Sie gehört zur Region Cherson, die Russland zusammen mit Luhansk, Donezk und Saporischschja im September völkerrechtswidrig annektiert, aber nie vollständig kontrolliert hat. Die Kontrolle der Stadt mit wichtigen Industriebetrieben und einem großen Hafen ist für beide Kriegsparteien wichtig.

Russische Angriffe in Donezk

In Donezk beschossen russische Truppen die Stadt Bachmut, wobei es nach Angaben von Gouverneur Pawlo Kyrylenko zwei Tote gab. Russische Truppen versuchen seit nunmehr einem Monat vergeblich, auf die Stadt vorzurücken.

Beschossen wurde auch Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Dabei seien neun Menschen verletzt worden, sagte Gouverneur Oleh Syniehubow.

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Russland nährte Spekulationen, es könnte im Norden der Ukraine eine weitere Front eröffnen. Es verlegte Flugzeuge und Soldaten auf Luftwaffenstützpunkte in Belarus. Der ukrainische Generalstab erklärte, es bestehe eine erhöhte Möglichkeit, dass Russland mit einem Angriff von dort versuchen könnte, Nachschubwege für Waffen aus dem Westen zu treffen. Die Truppenstationierung könne aber auch dazu dienen, die Ukraine zum Verlegen von Kräften zu bringen und so die Offensive im Süden das Landes zu schwächen.

Verhandlungen zwischen Erdogan und Putin

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte, er habe bei Putin eine größere Bereitschaft für Verhandlungen über ein Ende der Gewalt in der Ukraine ausgemacht. Putin erscheine ihm wesentlich nachgiebiger und offener für Friedensgespräche. „Wir sind nicht ohne Hoffnung“, sagte er mit Blick auf mögliche Verhandlungen.

Kremlsprecher Peskow betonte, Putin sei schon immer gesprächsbereit gewesen. „Wenn Sie sich erinnern, hat Präsident Putin schon vor der speziellen Militäroperation versucht, Gespräche sowohl mit der Nato als auch mit den Vereinigten Staaten aufzunehmen“, sagte Peskow und bezog sich dabei auf die russische Aggression gegen die Ukraine. Der russische Präsident sei offen für Verhandlung gewesen, ein Dokument zwischen beiden Seiten sei fast vereinbart gewesen. „Die Position der ukrainischen Seite hat sich geändert. ... Das ukrainische Gesetz verbietet jetzt jegliche Verhandlungen“, sagte Peskow.

Russische Regierungsvertreter haben wiederholt erklärt, sie würden nicht über die Rückgabe der im September annektierten Regionen verhandeln. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach der Annexion jegliche Gespräche mit Moskau ausgeschlossen, solange Putin Präsident ist.

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RND/AP

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