Neues Buch des belarussischen Autors

Schriftsteller Sasha Filipenko: Russland ist unberechenbar

Sasha Filipenko lebt teilweise in der Schweiz und in Deutschland. Zurzeit ist er auf Lesereise in Stockholm.

Berlin. Der belarussische Autor Sasha Filipenko (37) hat sich in seinen beiden ersten auf Deutsch erschienenen Romanen „Rote Kreuze“ und „Der ehemalige Sohn“ mit dem stalinistischen Terror in der Sowjetunion beziehungsweise mit dem Leben unter dem Regime von Diktator Alexander Lukaschenko in seiner Heimat auseinandergesetzt. Soeben erschien mit „Die Jagd“ bei Diogenes sein drittes Buch. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sprach mit Filipenko über sein neues Werk und über den russischen Krieg in der Ukraine.

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Herr Filipenko, Sie haben im Mai 2021 in einem RND-Interview gesagt, Europa müsse aufhören, sich vor Russland zu fürchten. Jetzt hat man den Eindruck, dass sich die ganze Welt vor Russland fürchtet?

Ich habe gesagt, Europa sollte seine Angst verlieren, aber Europa hat im vergangenen Jahr nichts gemacht. Putin breitet sich aus wie sein Gas, wird immer größer und jetzt hat er die Ukraine angegriffen. In Russland selbst fällt alles auseinander, und wenn von dort aus Atomraketen gestartet werden, dann wissen die Soldaten vielleicht selbst nicht einmal, wohin die fliegen. Ich finde, von Russland geht etwas sehr Unberechenbares aus. Der Westen sollte sich nicht aus Angst auf die Größe und Gewalt der russischen Armee und ihrer Waffen konzentrieren, sondern auf die Unberechenbarkeit.

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Sie sagen, Europa hat nichts gemacht. Was veranlasst Sie zu dieser Wahrnehmung?

Verschiedene Eindrücke, auch Alltagsbeobachtungen. Als ich eines Tages in Stuttgart ankam, stieg ich aus dem Auto und musste Krücken benutzen, weil ich mich zuvor verletzt hatte. Ich öffnete den Kofferraum und wollte mein Gepäck herausnehmen. Da kam ein Mann auf mich zu; ich dachte, er wolle mir helfen. Aber er sagte nur: „Passen Sie bitte auf, dass mein Auto keine Kratzer bekommt.“ Das ist die Haltung der Europäer. Sie wollen keine Kratzer abbekommen, ihre Wohnungen mit Putins Gas erwärmen und dem Krieg im Fernsehen zuschauen.

Es gab auch Stimmen, die sagten, man müsse auch auf die Sicherheitsinteressen Russlands Rücksicht nehmen. Sie haben selbst in St. Petersburg gelebt. Wie sehen Sie das?

Die sichersten Grenzen, von denen Russland umgeben ist, sind die, an denen die Nato steht. Da passiert nichts. Ich finde, es ist ein komisches Konzept, zu glauben, man könnte die eigene Sicherheit auf Kosten anderer Länder erhöhen. Die Gefahr durch die Nato besteht nur in den Köpfen Putins und seiner Generäle.

Worum geht es in Ihrem neuen Roman „Die Jagd“, der gerade auf Deutsch erschienen ist?

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In dem Roman verwischt allmählich die Grenze zwischen Dystopie und Realität. Ich erzähle die Geschichte eines Journalisten und will zeigen, wie in Russland die Pressefreiheit zerstört wird, wie man Reporter fertigmacht. Da gibt es in autoritären Systemen wie Russland oder Belarus nicht nur den Mord, sondern viele Vorstufen. Immer wenn Journalisten attackiert werden, dann geht es meist nicht nur um sie selbst, sondern das hat oft auch große Auswirkungen auf ihr familiäres Umfeld. Das erfahre ich gerade auch selbst.

Woran zeigt sich das bei Ihnen?

Bedingt durch meinen Aufenthalt im Exil, habe ich im vergangenen Jahr in vier verschiedenen Städten in der Schweiz und in Deutschland gewohnt. Unser Sohn ist dadurch schon ein Jahr lang nicht zur Schule gegangen. Als er zehn Jahre alt wurde, konnte ich nicht bei ihm sein, nicht seinen Geburtstag mit ihm feiern. Wir haben Verwandte in Russland und Belarus. Wenn etwas mit ihnen passiert, können wir nicht einmal zur Beerdigung fahren, weil wir fest damit rechnen müssen, verhaftet zu werden. Ich wäre nicht der erste, der direkt vom Grab seiner Angehörigen in eine Haftanstalt gebracht werden würde.

Wie schätzen Sie die Situation für Journalisten in Belarus und Russland ein?

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In Belarus kann kaum noch jemand journalistisch arbeiten, sehr viele Reporter sind ins Ausland gegangen, ganze Redaktionen wurden vom Regime geschlossen. Eine Zeitung, die „Narodnaja Wolja“ („Volkswille“), wurde zuletzt in Form von Sticks weitergegeben, damit die Leute sich die Inhalte zu Hause selbst ausdrucken können, weil es keine Druckerei mehr gibt, die dieses Blatt druckt. Russland holt auf, was das betrifft. Immer mehr Institutionen und Personen werden zu ausländischen Agenten erklärt und so an ihrer Arbeit gehindert.

Das heißt, die Systeme nähern sich immer mehr an?

Beide Systeme sind sich jetzt schon sehr ähnlich. Bei uns sagt man scherzhaft, Belarus ist die Probebühne und zwei, drei Jahre später kommt es so dann auch in Russland. In Belarus sind schon alle Nichtregierungsorganisationen zerschlagen worden, in Russland hat man Ende 2021 nun auch „Memorial“ verboten. Russland hat mehr Geld, mehr Oligarchen, und kann den Schein aufrechterhalten, als gäbe es eine unabhängige Presse, etwa den TV-Kanal „Doschd“ oder den Rundfunksender „Echo Moskwy“. Lukaschenko hat keine mit Putin und seinen Oligarchen vergleichbare Unterstützung, also hat er einfach mit radikaler Gewalt alles plattgemacht. Aber Russland folgt ihm auf diesem Weg, davon bin ich leider überzeugt.

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