Soziologe im Interview

„Wir sollten Afrika unsere grüne Technologie schenken“

Windräder stehen auf einer Anhöhe.

Windräder stehen auf einer Anhöhe.

Berlin. Stefan Schulz ist Soziologe, Autor und Journalist. Er befasst sich in seiner Arbeit vor allem mit Veränderungen in sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) hat Schulz über den Einfluss des demografischen Wandels auf die Klimadebatte gesprochen.

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Herr Schulz, die deutsche Bevölkerung schrumpft und wird älter. Was bedeutet das für unsere Klimapolitik?

In der Klimadebatte geht es oft darum, volkswirtschaftlich zu schrumpfen. Ich glaube, dass das der demografische Wandel Deutschland einfach aufzwingen wird. In den nächsten 13 Jahren gehen 18 Millionen Menschen in Rente und nur elf Millionen werden volljährig, außerdem sterben mehr Menschen, als geboren werden. Die deutsche Bevölkerung wird um Millionen Menschen schrumpfen.

Weniger Leute, weniger Konsum. Ist das ein Grund für Optimismus bei unseren Klimazielen?

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Auf der einen Seite ja. Andererseits müssen wir den Kampf gegen den Klimawandel auch gestalten – einfach nur zurücklehnen und schrumpfen reicht nicht. Aber mit dem demografischen Wandel schwindet auch die Innovationskraft. Die jungen Leute müssen für die Alten mitarbeiten – da sucht man eher sichere Stellen, scheut Risiken und die Innovationskraft sinkt.

Der Soziologe Stefan Schulz, geboren 1983 in Jena, hat als Journalist unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben, ist inzwischen aber vor allem als Podcaster tätig. Sein Buch „Altenrepublik“ (2022, Hoffmann und Campe) untersucht den demografischen Wandel in der Bundesrepublik.

Der Soziologe Stefan Schulz, geboren 1983 in Jena, hat als Journalist unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben, ist inzwischen aber vor allem als Podcaster tätig. Sein Buch „Altenrepublik“ (2022, Hoffmann und Campe) untersucht den demografischen Wandel in der Bundesrepublik.

Bei der aktuellen Klimakonferenz in Ägypten verhandelt Deutschland auch mit Ländern, die eine komplett andere Bevölkerungsstruktur haben. In den afrikanischen Ländern sind etwa die Hälfte der Menschen unter 20. Was bedeutet das?

In Europa, Amerika, Asien hat sich im 20. Jahrhundert die Lebenserwartung verdoppelt und die Bevölkerung verdreifacht. Das passiert jetzt in Afrika. Aktuell leben dort 1,5 Milliarden Menschen, 2100 werden es wohl 4,5 Milliarden sein. Das bedeutet: Es gibt einen erheblichen Energiebedarf. Wie deckt man den? Wenn die Afrikaner unser Jahrhundert voller fossiler Energie nachmachen, ist die Welt zerstört. Wir müssen uns überlegen, ob wir unsere Vorreiterrolle dort nicht ernster nehmen sollten.

Haben wir denn überhaupt noch die – wie Sie sagen würden – Innovationskraft dafür?

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Auf jeden Fall. Aber wir sind längst nicht mehr die einzigen. China ist mittlerweile nicht nur Werkbank und Absatzmarkt, sondern auch Talentpool. Der Wettbewerb wird härter.

„Mein Vorschlag: Wir sollten Afrika unsere grüne Technologie schenken“

Und was sollte Deutschland mit all seiner Innovationskraft anstellen?

Wir haben die Möglichkeit, mit unserer Kompetenz den klimagerechten Umbau der gesamten Weltwirtschaft voranzutreiben. Mein Vorschlag: Wir sollten Afrika unsere grüne Technologie schenken. Wir haben den Kontinent lange genug ausgebeutet. Jetzt müssen wir uns selbst retten, indem wir alle afrikanischen Länder sofort auf den Pfad erneuerbarer Energien bringen.

Verschenken? Wie stellen Sie sich das vor?

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Ein Beispiel: Siemens baut Offshore-Windanlagen, wo eine einzige Turbine zehn Megawatt Leistung hat. Es ist unvorstellbar, wie gut diese Technologie ist. Man könnte den afrikanischen Ländern jetzt sagen: Wenn ihr das wollt, dann kauft’s halt. Aber nein, wir sollten es ihnen schenken, denn die meisten afrikanischen Länder können sich das nicht leisten.

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Aber dann arbeiten die Leute in Deutschland nicht nur für die Alten, sondern für einen ganzen Kontinent mit.

Wir könnten als Europäische Union die Rechnung begleichen, sodass unsere Unternehmen trotzdem Gewinn dabei machen. Das kostet Milliarden, das würde gemeinsame Schulden bedeuten, aber es rentiert sich. Wir müssen jetzt neue Wege gehen, denn Afrika darf niemals auf den Pfad der fossilen Energie einschwenken.

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik das auf dem Schirm hat?

Nein, ganz im Gegenteil: Bundeskanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck reisen nach Afrika und schließen da auch noch fossile Energiepartnerschaften ab. Wir bauen da gerade noch Kohlelöcher. Wir sichern so unsere Energiewende und schubsen Afrika in ein fossiles Jahrhundert – das ist eine Katastrophe.

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