Holodomor-Gedenktag

Stalins Völkermord vor 90 Jahren: Wiederholt sich der Genozid unter Putin in der Ukraine?

Blumen und andere Beileidsbekundungen werden in Washington am Holodomor-Denkmal für die Opfer des Völkermords in der Ukraine abgelegt.

Blumen und andere Beileidsbekundungen werden in Washington am Holodomor-Denkmal für die Opfer des Völkermords in der Ukraine abgelegt.

An diesem Samstag findet in der Ukraine der 90. Gedenktag für die Opfer des Holodomors („Mord durch Hunger“) statt. Bei der von Sowjetdiktator Josef Stalin gezielt herbeigeführten Hungersnot starben Schätzungen zufolge drei bis sieben Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in der Zeit von 1932 bis 1933. Auch in anderen Teilen der Sowjetunion gab es Tote. Der Bundestag will in der kommenden Woche den Holodomor als Völkermord einstufen.

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„Betroffen von Hunger und Repressionen war die gesamte Ukraine, nicht nur deren Getreide produzierende Regionen“, heißt es in der gemeinsamen Resolution von SPD, Grünen, FDP und CDU/CSU, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt. Der Holodomor reihe sich ein „in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitärer Systeme, in deren Zuge vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa Millionen Menschenleben ausgelöscht wurden“.

Weltweit haben bereits 16 Staaten die Hungersnot von 1932/33 als Genozid anerkannt, darunter Polen, Ungarn, Litauen und die USA. Weitere acht Staaten verurteilten den Holodomor als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Stadtrat von Kiew wirft Russland heute eine „Wiederholung der Tragödie“ vor. „Heute verfolgen die Rassisten dasselbe Ziel – den Völkermord am ukrainischen Volk“, sagt die Vizevorsitzende der Kiewer Stadtverwaltung, Hanna Starostenko. „Das Aggressorland will unsere Identität, Kultur und Sprache zerstören.“

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Jetzt, wo Russland jeden einzelnen Tag wieder Ukrainerinnen und Ukrainern tötet, sei der Gedenktag „eine Erinnerung daran, dass dieser Kampf für uns von historischer Bedeutung ist“, sagt die ukrainischen Abgeordneten Inna Sovsun dem RND. Russland führe erneut einen Völkermord an den Ukrainerinnen und Ukrainern durch. „Sie versuchen erneut, die ukrainische Nation vollständig auszulöschen. Denken Sie nur an Zehntausende Ukrainer, die allein in Mariupol ermordet wurden. Was ist das, wenn nicht ein neuer Völkermord?“ Es sei sehr wichtig, dass die Welt den Holodomor und auch den aktuellen russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Völkermord anerkenne, so Sovsun. „Das ist das Mindeste, was Sie für unsere Leute tun können.“

In Russland spielt dunkles Kapitel kaum eine Rolle

Laut der wissenschaftlichen Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien in Berlin, Gwendolyn Sasse, wäre die Anerkennung des Holodomor als Genozid gerade zum jetzigen Zeitpunkt ein wichtiges Signal. „Auch dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine weist aus meiner Sicht genozidale Elemente auf“, sagt Sasse im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Rhetorik verschiedener Vertreter des russischen Staates spricht ganz klar von der Auslöschung und Nichtexistenz des ukrainischen Staats und der eigenständigen ukrainischen Nation.“ Sie rechnet damit, dass die juristische Aufarbeitung des Krieges, die letztlich für die Anerkennung als „Genozid“ nötig ist, lange dauern werde. Erst danach wisse man, ob die Elemente in diesem Krieg als Genozid, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder als Kriegsverbrechen klassifiziert werden können.

In Russlands offizieller Geschichtspolitik spielt dieses dunkle Kapitel kaum eine Rolle. Dort werde diese künstlich herbeigeführte Hungersnot laut der Expertin unter die stalinistische Politik subsumiert, die notwendig war, um den sowjetischen Staat zu stärken und letztendlich siegreich durch den Zweiten Weltkrieg zu führen. „Es gibt kein Bewusstsein dafür, wer der stalinistischen Politik zum Opfer gefallen ist und wie gezielt sie bestimmte Gruppen betraf.“

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„Die Geschichte muss uns Mahnung sein“

In Deutschland soll das Wissen um den Holodomor stärker verbreitet werden, heißt es in der Resolution. Der Vorsitzende der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe, Robin Wagener, sagte unserer Redaktion, man wolle „die Leerstellen im historischen Bewusstsein schließen“. Thematische Ausstellungen und eine vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung im Geschichtsunterricht seien konkrete Ideen aus den Fraktionen. „Die Geschichte muss uns Mahnung sein“, sagt Wagener. „Heute werden die Menschen durch Putins Terror wieder mit schrecklichsten Verbrechen überzogen.“

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Außenministerin, zündet zusammen mit Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, bei einem Besuch der Holodomor-Gedenkstätte in Kiew Kerzen an. Diese erinnert an die bis zu 3,5 Millionen ukrainischen Opfer der großen Hungersnot (ukrainisch: „Holodomor“) in der kommunistischen Sowjetunion von 1932/33.

Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Außenministerin, zündet zusammen mit Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, bei einem Besuch der Holodomor-Gedenkstätte in Kiew Kerzen an. Diese erinnert an die bis zu 3,5 Millionen ukrainischen Opfer der großen Hungersnot (ukrainisch: „Holodomor“) in der kommunistischen Sowjetunion von 1932/33.

In der Ukraine gibt es am Samstag eine nationale Schweigeminute. Am Abend sind die Menschen aufgefordert, eine Kerze anzuzünden und ins Fenster zu stellen – als Zeichen der Trauer um die Verstorbenen.

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