92 Todesfälle seit 2015

Wie oft die Polizei schießt und tötet

Foto: Ein Polizist hat in Hamburg auf einen Autofahrer geschossen. (Symbolbild)

Ein Polizist hat in Hamburg auf einen Autofahrer geschossen. (Symbolbild)

Berlin. In Deutschland sind seit der Wiedervereinigung mindestens 315 Menschen durch Polizeischüsse getötet worden. Das geht aus Recherchen der Zeitschrift „CILIP – Bürgerrechte & Polizei“ hervor, die seit 1976 die Todesfälle und Hintergründe dokumentiert und mit Statistiken der Innenministerkonferenz abgleicht. Allein seit 2015 waren es 92 Todesfälle, die Zahlen sind seitdem auf einem so hohen Niveau wie zuletzt in den 90er‑Jahren.

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In diesem Jahr wurden laut „CILIP“ bislang fünf Menschen durch Polizeischüsse getötet – vier davon hätten sich mutmaßlich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. So zum Beispiel am 3. August in Köln: Bei einer Zwangsräumung im Stadtteil Ostheim greift der 48‑jährige Mieter die Polizeikräfte mit einem Messer an, reagiert nicht auf Pfefferspray und die Warnung, dass man schießen werde, sollte er das Messer nicht ablegen. Zwei Schüsse werden auf Schulter und Oberschenkel abgegeben – der Mann verblutet noch vor Ort. Im Anschluss wird Kritik laut, der 48‑Jährige sei der Stadt als psychisch krank und suizidgefährdet bekannt gewesen. Die Zwangsräumung wurde deshalb im Vorfeld schon einmal abgesagt, nach einem Klinikbesuch galt er aber als nicht mehr suizidgefährdet, weshalb die Zwangsräumung durchgeführt wurde.

In den vergangenen Jahren gab es etwa bei der Hälfte der Todesfälle durch Polizeischüsse Hinweise auf psychische Erkrankungen. Der Kriminologe Thomas Feltes kritisierte wiederholt, dass die Polizei hier nicht angemessen reagiere. Der Einsatz von Pfefferspray oder Elektroschockern würde nicht die gleiche Reaktion hervorrufen, wie bei gesunden Menschen. Stattdessen führe er eher „zu einer Verstärkung der Aggression und einem starken Angstgefühl“, sagte Feltes dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) bereits im Mai.

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Eine weitere Auffälligkeit: In den vergangenen Jahren war ein Großteil der Opfer mit einer Stichwaffe, etwa einem Messer, bewaffnet. Auch das trifft auf vier der fünf Fälle aus diesem Jahr zu. Im vergangenen Jahr waren sechs der acht von der Polizei erschossenen Menschen mit Messern bewaffnet.

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Militärexperte aus Russland rechnet mit Putins Armee ab

Zwei weitere Beispiele: Am 3. Oktober 2021 geht ein Mann in einer Geflüchtetenunterkunft in Stade mit einem Messer auf Polizeikräfte los, nachdem er andere Personen bedroht hat – 13 Schüsse werden auf ihn abgegeben, elf davon treffen. Er verblutet noch vor Ort. Am 24. Juni 2021 ruft eine Frau im baden-württem­bergischen Freudenstadt wegen häuslicher Gewalt den Notruf. Die Polizei trifft auf die Frau, ihren Lebens­gefährten und ein Kleinkind, versucht nach eigenen Angaben, den Konflikt zu schlichten. Doch der 45‑Jährige ziehe plötzlich ein Messer, ein Beamter droht mit Schusswaffengebrauch und macht seine Drohung wahr, als der Mann mit dem Messer auf ihn zukommt. Notarzt und Rettungsdienst können ihn nicht mehr retten.

Auch wenn es in Deutschland häufiger zu Todesfällen bei Polizeieinsätzen kommt, sind die Zahlen im Vergleich zu den USA noch immer sehr niedrig. In den Vereinigten Staaten werden jährlich rund 1000 Menschen von der Polizei erschossen – auch bei fast viermal so vielen Einwohnern wie in Deutschland eine völlig andere Dimension. Im europäischen Vergleich stellt es sich wiederum anders dar: In Frankreich gab es 2020 neun Todesfälle durch Polizeischüsse, in Spanien waren es nur zwei. Auch in Großbritannien sind die Zahlen deutlich niedriger: Im Geschäftsjahr 2020/2021 gab es einen Todesfall, der höchste Wert in den vergangenen zehn Jahren wurde 2016/2017 verzeichnet. In diesem Zeitraum starben dort sechs Menschen durch Polizeischüsse.

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