Angriffswelle mit Raketen und Drohnen

Russland intensiviert den Terror gegen die Ukraine: Rache für Explosion auf Krimbrücke?

Raketenangriff auf Kiew am 10. Oktober 2022.

Raketenangriff auf Kiew am 10. Oktober 2022.

Im brutalen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine hat Russland am Montag mehr als 80 Raketen auf ukrainische Städte gefeuert. Nach Angaben von Rettungsdiensten und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gab es mindestens elf Tote und 64 Verletzte. Auch die Visastelle des deutschen Konsulats soll getroffen worden sein. Die neue Welle der Raketen- und Drohnenangriffe reicht bis tief in den Westen der Ukraine und hat unter anderem in Lwiw, nur 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, große Zerstörung angerichtet. Drei Marschflugkörper sollen von der russischen Kriegsflotte im Schwarzen Meer abgefeuert worden sein und dabei den Luftraum von Moldau verletzt haben.

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Ziel der russischen Angriffe waren unter anderem Wohnhäuser und die ukrainische Energieinfrastruktur in der Ukraine. In mehreren Regionen fiel der Strom aus, im ganzen Land herrschte am Montag Luftalarm. Russlands Präsident Wladimir Putin warnte die Ukraine nach den Raketenangriffen vor einer noch härteren „Antwort“, sollten die „ukrainischen Angriffe“ fortgesetzt werden.

Mindestens fünf Tote bei russischen Raketenangriffen auf Kiew

Die Angriffe auf Ziele im ganzen Land hätten sich gegen zivile Infrastruktur gerichtet, teilten ukrainische Behörden mit.

„Die zahlreichen Raketenangriffe stellen eine Intensivierung der russischen Strategie dar, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und ihre Zustimmung zur ukrainischen Regierung abzuschwächen“, analysierte Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik an der Universität zu Köln. „Gleichzeitig will Russland im Westen neue Zweifel schüren, ob es angesichts neuer russischer Angriffe wirklich wert ist, die Ukraine weiter zu unterstützen“, sagte Jäger im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Putin wolle die Menschen mit immer neuen Angriffen auf vermeintlich sichere Städte in der Ukraine in die Flucht treiben.

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„Wir haben es mit Terroristen zu tun“, schrieb Selenskyj am Montag bei Telegram. „Sie wollen Panik und Chaos, sie wollen unser Energieversorgungssystem zerstören.“ Ein EU-Sprecher warf Russlands Kriegsverbrechen vor. Auch die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, sagte dem RND, die neuesten russischen Angriffe in Kiew auf zivile Ziele seien „Terror“. Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte Selenskyj in einem Telefonat die Solidarität Deutschlands und der anderen G7-Staaten zu. Am Dienstag wollen die G7-Staaten mit Selenskyj in einer gemeinsamen Videokonferenz beraten. Deutschland werde bei der Reparatur der beschädigten Infrastruktur helfen, kündigte Regierungssprecher Steffen Hebestreit an.

Militärexperte Gressel sieht einen Akt der „Rache“

Russland ziele mit den Raketenangriffen auf die Moral der Bevölkerung ab, eine militärische Bedeutung hätten die Angriffe aber laut dem Militärexperten Gustav Gressel nicht. Der Experte vom European Council on Foreign Relations sagte dem RND: „Es ist militärisch sinnlos, teure Marschflugkörper und ballistische Raketen gegen Denkmäler und Spaziergängerbrücken einzusetzen.“ Militärische Ziele gebe es genug, aber offenbar habe Russland Probleme, diese ausfindig zu machen und ziele nun auf die emotionale Wirkung des Terrors.

In Militärkreisen wurde schon länger spekuliert, ob und wann Russland tiefe Schläge weit in das ukrainische Hinterland vornehmen werde. Dass dies nun wenige Tage nach der Zerstörung von Teilen der Krimbrücke passiert, überrascht nicht. Militärexperte Gressel sieht in dem Angriff einen Akt der „Rache“. Gleichzeitig wolle der Kremlchef ein Zeichen setzen, betont Jäger. „Putin muss nach dem Angriff auf die Brücke zur Krim zeigen, dass er die Fäden noch in der Hand hat“, so der Kölner Experte.

Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sieht die Explosion auf der für Russland symbolisch und strategisch wichtigen Krimbrücke als einen Auslöser für die neue Eskalation Russlands. „Der Raketenbeschuss auf Kiew und weitere ukrainische Städte kann als Vergeltung gewertet werden, insbesondere weil sich die Zentrale des Geheimdienstes SBU im Stadtzentrum Kiews befindet“, sagte Kiesewetter dem RND. Die gezielten Angriffe auf Wohngebiete seien „ein klares Zeichen, dass Russland den Krieg konventionell militärisch nicht mehr gewinnen kann und deshalb umso brutaler in der Ukraine eskaliert“.

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Putin gibt Ukraine die Schuld an Explosion auf Krimbrücke

Es gebe keinen Zweifel, die Tat sei vom ukrainischen Geheimdienst geplant und ausgeführt worden, sagte der russische Staatspräsident.

„Parallel flankiert Russland diese Angriffe mit Attacken auf europäische kritische Infrastruktur und mit nuklearer Erpressung“, sagte Kiesewetter. Er rechnet mit weiteren brutalen Angriffen, insbesondere auf die Zivilbevölkerung in der Ukraine, sowie einer Zunahme an Luftangriffen auf die Westukraine. „Wir müssen damit rechnen, dass es vonseiten Russlands in eine heiße Phase geht“, so der Außenpolitiker. Er drängt auf eine Zunahme der militärischen Unterstützung der Ukraine. „Damit meine ich auch explizit die Lieferung von Kampf- und Schützenpanzern.“

Mehr Panzer für die Ukraine fordert auch Strack-Zimmermann. Die FDP-Politikerin hält ebenfalls für möglich, dass der Raketenterror ein Akt der Vergeltung Russlands ist. „Wer allerdings glaubt, dass das den Willen der ukrainischen Bevölkerung brechen könnte, hat wenig Ahnung vom Willen der ukrainischen Armee und Bevölkerung, um die eigene Freiheit zu kämpfen“, sagte sie dem RND.

Nach den Raketenangriffen forderte Kiews Bürgermeister Klitschko ebenfalls vom Westen mehr Unterstützung. „Wir müssen unseren Himmel schließen und dafür brauchen wir Waffen“, sagte er lokalen Medien. Ähnlich schätzt auch Militärexperte Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München die Situation ein. „Die Ukraine braucht schnell und dringend mehr Luftverteidigungssysteme“, erklärte der Experte. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht kündigte an, dass Deutschland in den nächsten Tagen das erste von vier Luftverteidigungssystemen des Typs Iris-T an die Ukraine liefern werde. Strack-Zimmermann macht Druck: „Wir dürfen Iris-T nicht nur ankündigen, sondern müssen zügig liefern.“ Die Ukraine benötigt laut Expertinnen und Experten aber eine Vielzahl dieser Flugabwehrsysteme, um das Land zu schützen.

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