Experten sprechen von Kriegsverbrechen

20 Schiffsladungen bereits abtransportiert: Russland plant offenbar Diebstahl von 1,8 Millionen Tonnen Getreide

Im September verließen Frachtschiffe mit 195.000 Tonnen ukrainischer Agrarprodukte die Häfen von Odessa und Chornommorsk nach internationalen Einigungen (Archivbild). Nun soll Russland aber den Diebstahl von rund 1,8 Millionen Tonnen Getreide planen.

Im September verließen Frachtschiffe mit 195.000 Tonnen ukrainischer Agrarprodukte die Häfen von Odessa und Chornommorsk nach internationalen Einigungen (Archivbild). Nun soll Russland aber den Diebstahl von rund 1,8 Millionen Tonnen Getreide planen.

Hamburg. Offenbar plant Russland den Diebstahl von rund 1,8 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine. Seit Beginn des Krieges haben einem Medienbericht zufolge bereits etwa 20 mit Getreide beladene Schiffe den Hafen Sewastopol auf der annektierten Halbinsel Krim verlassen. Sie fuhren in Richtung Syriens, Russlands oder der Türkei. Experten sprechen von einem möglichen Kriegsverbrechen.

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Dem Bericht zufolge konnte der NDR russische Dokumente einsehen, die das Vorgehen belegen. Zudem gebe es Auswertungen von Schiffsdaten und Satellitenbilder. Weiter heißt es, dass bis Ende des Jahres noch 40 weitere Schiffstransporte aus Sewastopol geplant seien. Dies gehe aus Frachtlisten hervor, die Beladedaten- und -mengen auch für zukünftige Fahrten zeigen. Offenbar habe Russland bereits die Logistik für den zukünftigen Diebstahl von Getreide organisiert, so der NDR.

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Dem Bericht zufolge wird das Vorgehen verschleiert, indem die russischen Transportschiffe ihre Ortungsgeräte vor dem Beladen abstellen. Beim Auslaufen sind sie dadurch bereits von den Karten der Ortungsdienste verschwunden und die Zielhäfen können kaum mehr nachvollzogen werden. Die Journalisten gehen davon aus, dass die russischen Besatzer mit den illegalen Ausfuhren bis zu 600 Millionen US-Dollar erwirtschaften könnten.

Warnung vor den sozialen Folgen

Im Gespräch mit dem NRD zeigte sich der stellvertretende Agrarminister der Ukraine, Taras Visotzky, empört. Er warnte vor den sozialen Folgen des Getreidediebstahls - die Menge entspricht einem Viertel der Ernte der von Russland besetzten Gebiete. „Es ist unglaublich und ein enormes, auch soziales Problem. Es geht um tausende Landwirte“, sagte Visotzky. Laut ukrainischer Agrar-Unternehmer werde das Getreide von geflüchteten Bauern beschlagnahmt oder die Landwirte werden gezwungen, ihre Ernte für Dumping-Preise zu verkaufen.

Experten gehen unterdessen davon aus, dass Russland mit den Enteignungen geltendes Völkerrecht bricht. Völkerrechtlerin Paulina Starski von der Universität Freiburg spricht von einem Kriegsverbrechen. Aus sich von David Crane von der American University in Washington sei es genauso grausam, der Zivilbevölkerung durch den Diebstahl die Lebensgrundlage zu entziehen, wie sie mit Raketen oder Artillerie zu beschießen.

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Die russische Botschaft teilte derweil auf Anfrage des NDR mit, es sei „unstrittig, dass die Russische Föderation nicht nur den Eigenbedarf an Getreide deckt, sondern auch Exportanfragen aus allen Teilen der Welt entspricht.“ Gleichzeitig wurde betont, dass es auf Seiten Russlands keinen Bedarf an ukrainischem Weizen gebe. Ein Sprecher der Botschaft behauptetet, dass dieser „dem russischen Produkt in Qualität nachsteht“. Die Botschaft Syriens und der Türkei gaben keinen Kommentar ab.

Getreide als Waffe

Russland wird steht immer wieder in der Kritik, die für die Welternährung wichtigen Getreidelieferungen aus der Ukraine als Waffe zu missbrauchen. Allein in Afrika beträgt der Anteil an Weizen aus der Ukraine und Russland mehr als 40 Prozent aus. Das Ausbleiben der Lieferungen führt in den betroffenen Gebieten zu einer Verschärfung der Hungersnot und könnte für den Westen einen stärkeren Zustrom von Geflüchteten zur Folge haben. Eine Folge, auf die Putin bewusst abzielt, sagen Experten.

Im August konnte zwar eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine erzielt werden, die nach einer wochenlangen Blockade eine Ausfuhr von geringen Mengen Getreide ermöglichte. Doch vor wenigen Tagen hatte Russland gedroht, den Getreidedeal zu stoppen und die ukrainischen Häfen erneut zu blockieren.

RND/ag

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