Hauptstadt Kiew vor hartem Winter

Mit Voodoo und Flüchen gegen Russlands Raketenterror

Menschen warten in Kiew in einer Schlange, um Wasser zu holen. Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt griffen auf der Suche nach Wasser zu leeren Flaschen und drängten sich in Cafes, um Strom zu erhalten und sich aufzuwärmen.

Menschen warten in Kiew in einer Schlange, um Wasser zu holen. Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt griffen auf der Suche nach Wasser zu leeren Flaschen und drängten sich in Cafes, um Strom zu erhalten und sich aufzuwärmen.

Kiew. Die Aufführung ist zu Ende. Die Schauspieler verbeugen sich. Dann lassen sie ihrem Patriotismus freien Lauf. „Ruhm der Ukraine!“, rufen sie aus. „Ruhm den Helden!“, schallt es aus dem Publikum zurück, und niemanden hält es mehr auf den Stühlen. Erst recht nicht, als die Zugabe kommt. Mehr Ausrufe von den Schauspielern, diesmal nicht jugendfrei, Flüche gegen alles, was russisch ist. Mehr Jubel aus dem Zuschauerraum, mehr Applaus.

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Dann trottet jeder aus dem dunklen, unbeheizten Theater ins Freie, eingemummelt in warme Kleidung zum Schutz gegen die Kälte. Sie kehren in die harten Realitäten von Kiew zurück - einer Stadt, in der es sich einst angenehm leben ließ und die nun in einen schweren Winter eintritt, zunehmend ihrer Elektrizität und manchmal auch ihrer Wasserversorgung beraubt - wegen der russischen Bombardierungen.

Atomkraftwerk in Saporischschja bleibt unter russischer Kontrolle

Auf ukrainischer Seite gab es zuletzt Berichte, wonach sich das russische Militär aus dem Atommeiler zurückziehen wollte.

Aber Hoffnung, Widerstand und Trotz? Das alles hat die ukrainische Hauptstadt im Überfluss. Und vielleicht jetzt sogar noch mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in den neun Monaten, seit die russische Invasion begann.

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Kerzen und Kekse im Fahrstuhl für den Fall eines Blackouts

Wenn Butch, ihre Französische Bulldogge, Gassi gehen muss und der Aufzug wegen Stromausfalls stillsteht, nimmt Lesja Sasonenko in ihrem Hochhaus in Kiew mit dem Hund die Treppe. 17 Stockwerke sind es, rauf und runter. Das alles für ein wesentliches Ziel - den Sieg, den Triumph über die Angreifer, sagt sich die Managerin einer Geburtsklinik jedes Mal selbst, wenn sie die Stufen bewältigt.

Sie hat einen Beutel mit Kerzen, Keksen, Wasser und Taschenlampen im Fahrstuhl deponiert, für den Fall, dass jemand während der Blackouts stecken bleibt und dort ausharren muss, bis der Strom wieder da ist. „Ihr werdet uns nicht klein kriegen“, sagt sie, und es ist klar, an wen sich das richtet. „Wir werden siegen.“

Flüche gegen Moskau und Voodoo auf Ukrainisch

Wut und Trotz sind in Kiew allgegenwärtig. Das Publikum und die Schauspieler im Theater in Podil machten es bei ihrer Aufführung eines Stückes, das in der Sowjetära spielt, glasklar. Jedes Mal, wenn das Wort Moskau im Skript auftauchte, spuckten sie es sozusagen aus und fügten ein Schimpfwort auf Ukrainisch hinzu. Die Zuschauer spendeten begeistert Beifall.

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In der Pizzeria „Simona“ im Herzen von Kiew können Kunden nicht nur essen, sondern auch Nadeln in eine Strohpuppe nahe einem gerahmten Foto des russischen Präsidenten Wladimir Putin stechen - und ihn damit sozusagen verfluchen. Die Puppe gleicht einem Igel - Nadeln praktisch von Kopf bis Fuß.

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Russland will die Zivilbevölkerung zermürben – doch wird das funktionieren?

Rotierende Stromabschaltungen zum Energie-Einsparen sind inzwischen die Norm. Und als die Wasserversorgung im der vergangenen Woche ebenfalls durch russische Raketen und explodierende Drohnen teilweise lahmgelegt wurde, standen Einwohner in der Kälte vor öffentlichen Wasserhähnen Schlange, um mitgebrachte Behälter zu füllen. Russland sagt, dass seine wiederholten Angriffe auf die Energie-Infrastruktur darauf abzielten, die ukrainische Verteidigungsfähigkeit zu verringern. Aber die Härten, die sie für Zivilisten bringen, legen nahe, dass es auch darum geht, die Einwohner in Kiew und anderen Städten zu quälen, so zu zermürben, dass sie aufgeben.

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Aber da hat sich Russland wohl gründlich verrechnet, wie etwa die 21-jährige Margina Darja zeigt. Bei ihr bewirkte es das Gegenteil. Sie und ihr Freund überstanden das bisher stärkste russische Bombardement - am 15. November - in einem Hausflur, dachten sich, dass es sie besser schützen werde, Wände an beiden Seiten zu haben. Die mehr als 100 Raketen und Drohnen, die Russland an jenem Tag auf die Ukraine losließ, kappten die Stromversorgung für zehn Millionen Menschen im Land, die Lichter im Hausflur gingen aus und die Mobilfunkverbindungen brachen ab.

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„Es gab nicht einmal die Möglichkeit, unseren Familien zu sagen, dass wir o.k. waren“, schildert Darja. Aber eine ihrer ersten Reaktionen nach der Entwarnung war es, Geld für den Sieg zu stiften. „Wut verwandelte sich in Gaben, um den Feind so schnell wie möglich zu schlagen. Ich habe vor, in Kiew zu bleiben, zu studieren und an die bewaffneten Streitkräfte zu spenden.“

Blick auf den schneebeckten Maidan-Platz in Kiew.

Blick auf den schneebeckten Maidan-Platz in Kiew.

Kiews Bürgermeister Klitschko zu Luftabwehr: „Es ist viel besser als vorher“

Und man ist dankbar für jeden Lichtblick, das auch im wahrsten Sinne des Wortes. Es liegt sogar etwas wie Hoffnung in der Luft. Westliche Waffenlieferungen haben der Ukraine geholfen, sich gegen den Ansturm zu stemmen, im Zuge von Gegenoffensiven konnten im Herbst Teile russisch besetzten Territoriums zurückerobert werden. Weniger russische Raketen scheinen Ziele in Kiew und anderswo zu erreichen, mit Hilfe von Luftabwehrsystemen aus dem Westen können mehr von ihnen abgeschossen werden. „Es ist viel besser als vorher. Definitiv“, sagt der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko.

In der Geburtsklinik der Stadt setzten bei Maryna Mandrygol just die Wehen ein, als ukrainische Soldaten dicht vor ihrem bislang größten Erfolg auf dem Schlachtfeld standen - der Befreiung der südlichen Stadt Cherson. Mandrygol kommt von dort, war im April vor der russischen Besatzung geflohen. Die ganze Zeit danach sorgte sie sich, ob der Stress der Flucht - durch sechs russische Kontrollpunkte und verminte Felder - ihrem noch ungeborenen Baby geschadet haben könnte. Am 9. November kam Mia zur Welt, gesund und einfach bezaubernd.

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Als Mandrygol mit ihrem kleinen Bündel im Arm aus dem Entbindungsraum kam, erfuhr sie, dass die russischen Soldaten dabei waren, sich aus ihrer Heimatstadt zurückzuziehen. Zwei Tage später wurde im nunmehr befreiten Cherson und in Kiew gefeiert.

Dass sich Mias Ankunft und die Rückeroberung zeitlich so dicht zueinander abspielten, schien irgendwie schicksalhaft zu sein - beide Ereignisse greifbare Neuanfänge, Hoffnungsschimmer für die ukrainische Zukunft. „Die Geburt eines Mädchens“, sagt Mandrygol, „bringt uns Frieden und Sieg.“

RND/AP

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