Region Cherson im Fokus

Wie die Ukraine Russlands Ostoffensive zum eigenen Vorteil nutzen will

Ein ukrainischer Soldat zeigt während des Sonnenuntergangs in die Ferne. Die Ukraine plant einen militärischen Fokus abseits des Donbass. (Symbolbild)

Mehr als 130 Tage sind vergangen, seit Russland seinen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat. Während Putins Truppen zu Beginn gescheitert sind, das ganze Land einzunehmen, läuft der Feldzug mit Fokus auf den Osten deutlich erfolgreicher. Russland hat nach der Einnahme von Lyssytschansk inzwischen die Hoheit über die gesamte Region Luhansk erlangt. Der restliche Donbass soll folgen. Eine Situation, die die ukrainische Armee nun ausnutzen will – für einen Gegenschlag im Süden des Landes.

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Wie die britische Wochenzeitung „The Economist“ unter Berufung auf Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes berichtet, bereitet sich die Ukraine auf eine breit angelegte Gegenoffensive in der besetzten Region Cherson vor. Diese soll schwerpunktmäßig im Westen in der Nähe von Mykolajiw sowie im nördlichen Teil der Oblast stattfinden. Für Militärexperte Marcel Berni von der Militärakademie an der ETH Zürich ist das Ziel eindeutig: „Es geht darum, russische Kräfte zu binden und auch vom Donbass abzuziehen“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Dazu passen auch die kürzlichen Aussagen des ukrainischen Präsidenten-Beraters Olexij Arestowytsch. Dieser teilte in einer Videobotschaft mit, dass durch die Einnahme der Städte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk in der Region Luhansk etwa 60 Prozent der russischen Streitkräfte im Osten gebunden seien.

Angriffe im Süden haben Einfluss auf Kampf im Donbass

Für Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse hat die Cherson-Offensive noch einen weiteren wichtigen Grund: „Das Schwarze Meer und die Zugänge dahin nicht aufzugeben“, sagt er im Gespräch mit dem RND. „Oberstes Ziel ist dabei natürlich die Verteidigung von Odessa.“

Mindestens 17 Tote bei Angriffen auf Wohnhäuser in Odessa

Eine russische Rakete soll am Freitag ein neunstöckiges Wohnhaus in der ukrainischen Stadt Odessa getroffen haben.

Militärexperte Berni betont zudem, dass Russland wegen der ukrainischen Offensive im Süden nicht mehr den vollen Fokus auf die Einnahme der strategisch wichtigen Städte Kramatorsk und Slowjansk in der Region Donezk richten könne. Putins Truppen seien gezwungen, nun „die gesamte Frontlinie sichern“ zu müssen. „Das machen die Ukrainer sehr geschickt, indem sie eben auch im Süden konstant angreifen und die Russen zwingen, auch dort Material und Personal abzustellen und auch dort zu kämpfen.“

Russland will Kontrolle über Cherson zementieren

In den vergangenen Tagen konnte die ukrainische Armee bereits mehrere Gebietsgewinne in der Region Cherson vermelden und näher an die gleichnamige Hauptstadt heranrücken. Beim Kampf um die Rückeroberung der Großstadt, die für Kiew als „Tor zur Krim“ gilt, leisten die russischen Streitkräfte allerdings erbitterten Widerstand. Eine Einnahme würde Russlands strategische Landverbindung zwischen der annektierten Insel und den besetzten Separatistengebieten unmittelbar gefährden.

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Moskau drückt auch deshalb auf das Tempo, die Kontrolle über das besetzte Gebiet zu zementieren. Nach der Währungseinführung des Rubel und der Ausgabe russischer Pässe sollen nun auch Verwaltungsstrukturen nach russischem Muster in Cherson aufgebaut werden. Das Ziel: die Integration in die Russische Föderation, wie der Vizechef der russischen Militärverwaltung, Kirill Stremoussow, auf Telegram mitteilte. Am Dienstag hat zudem eine neue prorussische Regionalregierung die Arbeit aufgenommen.

Cherson bald wieder unter ukrainischer Gewalt?

Eine Rückeroberung Chersons würde auch deshalb einen großen Erfolg für die Ukraine darstellen. Generell gehe es bei der Gegenoffensive in der Region darum, „der ukrainischen Armee offensive Operationen zuzugestehen und Erfolge an Orten zu erzielen, wo man im operativen Vorteil ist“, erklärt Berni. Dies sei im Süden eher der Fall als im Donbass, „wo die Ukraine aktuell unter massivem Druck steht“.

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Dass die Ukraine Cherson wieder zurückerobern kann, bezweifelt jedoch der Ex-Nato-General. Mit der Unterstützung westlicher Waffenlieferungen seien zwar „durch eine geschickte taktische Operationsführung“ kleine Raumgewinne in der Region möglich. Domröse: „Das heißt aber noch lange nicht, dass sie wieder bis zur Krim zurück können.“

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