Sorge um nukleare Sicherheit des Atomkraftwerkes

Ukrainische AKW-Arbeiter berichten von Entführungen und Folter

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine.

Auf diesem während einer vom russischen Verteidigungsministerium organisierten Reise aufgenommenen Foto bewacht ein russischer Soldat einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja in einem Gebiet unter russischer Militärkontrolle im Südosten der Ukraine.

Saporischschja. Serhij Schwez stand am Küchenfenster seiner Wohnung in der russisch besetzten südostukrainischen Stadt Enerhodar und sah, wie bewaffnete Männer unten auf der Straße anmarschierten. Der Wachmann im Atomkraftwerk Saporischschja und ehemalige Soldat im ukrainischen Militär wusste, dass sie es auf ihn abgesehen hatten, ihn entweder töten oder entführen und dann foltern würden. Er dachte kurze Zeit daran, eine Abschiedsnotiz für seine Familie zu schreiben, die sich im Ausland in Sicherheit befand. Aber stattdessen zündete er eine Zigarette an und griff zu seiner Waffe.

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Sechs russische Soldaten brachen seine Tür ein und eröffneten das Feuer, Schwez erwiderte es. Er wurde mehrmals getroffen, im Magen, an der Hand, am Oberschenkel und Ohr. Bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er, wie der Kommandeur der Gruppe seinen Männern befahl, das Feuer einzustellen.

AKW-Mitarbeiter lebten vor Beginn der Invasion in stabilen Verhältnissen

Schwez überlebte, trotz enormen Blutverlustes, aber der Schrecken des Angriffes im Mai hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Wie er berichten auch andere Arbeiter im Kernkraftwerk Saporischschja von ihren Erfahrungen, ihrer Furcht, von den russischen Besetzern des Atommeilers und ihres Heimatortes Enerhodar entführt und gefoltert zu werden. Nach ukrainischen Angaben haben die Invasoren stetig versucht, die Beschäftigten durch Schläge und andere Misshandlungen einzuschüchtern, um sie dazu zu bringen, das Kraftwerk am Laufen zu halten - oder auch, um jene zu bestrafen, die ihre Unterstützung für Kiew ausgedrückt hatten.

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Unterdessen hat der russische Präsident Wladimir Putin laut Nachrichtenagentur Tass das Gesetz zur Annexion von vier ukrainischen Gebieten unterzeichnet.

Vor Beginn der russischen Invasion am 24. Februar war das Leben für die AKW-Mitarbeiter gut gewesen, sie lebten mit ihren Familien in finanziell stabilen Verhältnissen. Das Atomkraftwerk - mit seinen sechs Reaktoren das größte in Europa - bot Arbeitsplätze für 11.000 Menschen, machte Enerhodar mit seinen 53.000 Einwohnern vor dem Krieg zu einer der wohlhabendsten Städte in der Region. Aber als die Russen den Ort und das sechs Kilometer davon entfernte Kraftwerk in den frühen Wochen der Invasion besetzten, verwandelte sich das Leben in einen Alptraum.

Die Angreifer behielten die ukrainischen Arbeiter, um das Kraftwerk zu betreiben. Es kam wiederholt unter Beschuss, beide Seiten machten sich gegenseitig dafür verantwortlich. Wichtige Stromleitungen wurden beschädigt, was international größte Sorge um die Sicherheit des Kraftwerkes auslöste. Ukrainische Vertreter sagen, dass die Russen die Anlage als eine Art Schutzschild benutzten, um von dort aus Ortschaften in der Nähe zu beschießen.

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„Ich würde das als mentale Folter bezeichnen“

Ungefähr 4000 AKW-Arbeiter flohen. Jene, die blieben, erzählen von ihrer Bedrohung durch Entführungen und Folter. Untermauert wurden diese Darstellungen durch einen Vorfall am vergangenen Freitag: Da verschleppten russische Kräfte den Betriebschefs der Anlage, Ihor Muraschow, auf dessen Heimweg von der Arbeit. Am Montag ließen sie ihn frei - nachdem er gezwungen worden war, vor laufender Kamera falsche Erklärungen abzugeben, wie Petro Kotin, Leiter des staatseigenen ukrainischen Atomunternehmens Enerhoatom, sagt.

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„Ich würde das als mentale Folter bezeichnen“, sagte er der Nachrichtenagentur AP. „Er musste erklären, dass der Beschuss des Atomkraftwerks Saporischschja von ukrainischen Kräften unternommen wurde und dass er ein ukrainischer Spion ist... in Kontakt mit den ukrainischen Spezialkräften.“

Kotin zufolge wurde Muraschow am Rand russisch besetzten Territoriums freigelassen und ging dann etwa 15 Kilometer zu Fuß, um ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu erreichen. Er wird nun nicht mehr auf seinen Posten im AKW zurückkehren. Kotin wird die Leitung des Kraftwerkes übernehmen, wie der Enerhoatom-Chef selbst mitteilte.

Enerhodars ins Exil gezwungener Bürgermeister Dmytro Orlow, der nach der Freilassung mit Muraschow gesprochen hat, sagt, dass der Entführte nach eigenen Angaben zwei Tage lang in einem Keller festgehalten wurde, „mit Handschellen und einer Tüte über dem Kopf“.

Insgesamt seien mehr als 1000 Menschen, darunter AKW-Beschäftigte, aus Enohodar entführt worden, schätzt Orlow, der nach  Saporischschja - der nächstgelegenen Stadt unter ukrainischer Kontrolle - flüchtete, nachdem er sich geweigert hatte, mit den Russen zu kooperieren. Kotin vermutet, dass 100 bis 200 Menschen weiter festgehalten würden.

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Orlow zufolge begannen die Entführungen am 19. März mit der seines Stellvertreters Iwan Samoidjuk. Er sei bis heute nicht wieder aufgetaucht. „Meistens schnappten sie sich Leute mit einer proukrainischen Haltung, die aktiv in die Widerstandsbewegung involviert waren“, sagt der Bürgermeister. Er wirft den Russen vor, Entführte an verschiedenen Orten in Enerhodar gefoltert zu haben, unter anderem auch in der Polizeistation der Stadt, in Kellern und sogar im Atomkraftwerk. „Schreckliche Dinge spielen sich da ab. Leute, die es schafften, da herauszukommen, sagen, dass es Folter mit Stromschlägen, Schlägen, Vergewaltigungen, Schüssen gab... Manche haben nicht überlebt.“

Als Beispiel nennt Orlow den AKW-Arbeiter Andrij Hontscharuk, der am 3. Juli in einem Krankenhaus gestorben sei, kurz nachdem die Russen ihn freigelassen hätten - zusammengeschlagen und bewusstlos, nachdem er sich geweigert habe, ihren Befehlen im Atommeiler zu folgen.

Viele Beschäftigte im Kraftwerk hätten „die Keller besucht“ und seien dort gefoltert worden, sagt auch der AKW-Arbeiter Oleksij, der im Juni aus Enerhodar geflüchtet war, nachdem er gehört hatte, dass die Russen nach ihm suchten. „Gräber tauchten in den Wäldern um die Stadt auf. Jeder begreift, dass etwas Schreckliches passiert“, so der 39-Jährige, der aus Sicherheitsgründen nicht beim vollen Namen genannt werden möchte.

Der letzte Reaktor des AKW wurde im September heruntergefahren, um eine mögliche Katastrophe zu verhindern, nachdem die für das Kühlsystem nötige zuverlässige Stromversorgung durch andauernden Beschuss schwer beeinträchtigt worden war. Das Kraftwerk befindet sich in einer der vier ukrainischen Regionen, die Russland jetzt widerrechtlich annektiert hat. Seine Zukunft ist somit ungewiss.

Schwez hat immer noch starke Schmerzen in der im Mai von den Russen verletzten Hand. Aber er sagt, er leide jetzt nur unter einem - dass er zu behindert sei, um gegen die Invasoren zu kämpfen.

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RND/AP

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