Sie dokumentierte den Horror in Mariupol

Ukrainische Sanitäterin über russische Gefangenschaft: „Wir waren alle am Ende unserer Kräfte“

Ein russischer Soldat bewacht die Baustelle eines neuen Wohnblocks, der mit Unterstützung des russischen Verteidigungsministeriums in Mariupol gebaut wird.

Ein russischer Soldat bewacht die Baustelle eines neuen Wohnblocks, der mit Unterstützung des russischen Verteidigungsministeriums in Mariupol gebaut wird.

Kiew. Ihre Brille hatte die gefangene ukrainische Sanitäterin schon lange abgeben müssen, so dass sie den russischen Mann nur verschwommen sah. Julija Pajewska wusste nur, dass ihr Leben für seines eingetauscht wurde, und dass sie 21 Frauen in einer winzigen, drei Mal sechs Meter großen Gefängniszelle zurückließ, die sie eine gefühlte Ewigkeit lang geteilt hatten. Ihre Freude und Erleichterung über die Freilassung wurden durch das Gefühl getrübt, dass sie ihre Mitgefangenen einem ungewissen Schicksal überließ.

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Vor ihrer Gefangennahme hatte Pajewska, die in der Ukraine Taira genannt wird, mehr als 256 Gigabytes erschütternde Aufnahmen mit ihrer Körperkamera gemacht - von der Behandlung von Verwundeten in der belagerten Stadt Mariupol. Sie übergab das Filmmaterial an Journalisten der Nachrichtenagentur AP, dem letzten internationalen Team in Mariupol, auf einer winzigen Datenkarte. Die Journalisten verließen die Stadt am 15. März und schmuggelten die Karte in einem Tampon versteckt an 15 russischen Kontrollpunkten vorbei. Am nächsten Tag wurde Pajewska von prorussischen Kräften festgenommen.

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Die Ukraine schlägt zurück – nach eigenen Angaben hat sie am Dienstag im Süden des Landes eine Gegenoffensive gestartet.

Drei Monate vergingen, bis sie am 17. Juni abgemagert wieder auftauchte, durch Nahrungs- und Bewegungsmangel hatte die Athletin mehr als zehn Kilogramm verloren. Ihren Angaben zufolge war der AP-Bericht, in dem sie sich um russische und ukrainische Soldaten gleichermaßen kümmert, entscheidend für ihre Freilassung.

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Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer befinden sich wohl noch in Gefangenschaft

Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, wenn sie über den Tag ihrer Gefangennahme und die Haft spricht - aus Angst, die noch inhaftierten Ukrainer zu gefährden. Doch an der Wirkung des von AP veröffentlichten Videos lässt sie keinen Zweifel: „Ihr habt diesen USB-Stick herausgebracht, und dafür danke ich Euch“, sagt sie in Kiew zu einem AP-Team, bei dem auch die Journalisten von Mariupol dabei sind. „Wegen Euch konnte ich diese Hölle verlassen. Danke an alle, die an dem Austausch beteiligt waren.“

„Jedes Mal, wenn ich eine Tasse Kaffee hole oder eine Zigarette anstecke, plagt mich mein Gewissen, weil sie das nicht tun können.“

Julija Pajewska über ihre Gedanken an die Mitgefangenen

Nun will sie alles für die Freilassung der Mitgefangenen tun: „Ich denke nur noch an sie“, sagt sie. „Jedes Mal, wenn ich eine Tasse Kaffee hole oder eine Zigarette anstecke, plagt mich mein Gewissen, weil sie das nicht tun können.“

Die 53-Jährige ist eine von Tausenden Ukrainern, die vermutlich von russischen Truppen gefangen genommen wurden. Die Genfer Konventionen sehen vor, dass Sanitäter „unter allen Umständen“ geschützt werden. Ihre Freilassung war zuvor vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angekündigt worden.

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Ihre Körperkamera erhielt sie 2021 für eine Netflix-Doku – und richtete sie dann Kriegsszenen in Mariupol

Pajewska ist in der Ukraine berühmt geworden für die Ausbildung von Feldsanitätern. Ihr blonder Haarschopf und ihre Tattoos an beiden Armen sind ihre Markenzeichen. Trotz ihres Gewichtsverlusts und allem, was sie durchmachen musste, wirkt sie lebhaft. Sie zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, als wolle sie die drei Monate, in denen sie nicht rauchen konnte, wieder wettmachen. Dabei spricht sie leise und ohne Bosheit, und ihr Lächeln lässt ihr Gesicht bis tief in die braunen Augen immer wieder aufleuchten.

„Mein Herz blutet, wenn ich daran denke, mich erinnere, wie die Stadt starb. Sie starb wie ein Mensch – es war qualvoll.“

Julija Pajewska über das Schicksal von Mariupol

Als demobilisierte Militärsanitäterin, die lange vor der russischen Invasion Rücken- und Hüftverletzungen erlitt, ist sie auch Mitglied des ukrainischen Teams der Invictus Games. Ihre Körperkamera erhielt sie 2021, um Aufnahmen für eine Netflix-Doku-Reihe über inspirierende Personen zu machen – produziert vom britischen Prinzen Harry, der die Invictus Games ins Leben rief. Doch als russische Truppen im Februar in der Ukraine einmarschierten, richtete sie die Linse stattdessen auf Kriegsszenen in Mariupol.

„Mein Herz blutet, wenn ich daran denke, mich erinnere, wie die Stadt starb. Sie starb wie ein Mensch – es war qualvoll“, erzählt sie. „Es fühlt sich genauso an, wie wenn ein Mensch stirbt und man nichts tun kann, um zu helfen.“ Irgendwann sammelte Pajewska eine Gruppe von 20 Menschen aus dem Keller ihres Krankenhauses in einem kleinen gelben Bus, um sie aus Mariupol zu evakuieren. Dabei wurde sie von Russen entdeckt: „Sie erkannten mich, gingen weg, um zu telefonieren, kamen zurück. Soweit ich das beurteilen kann, hatten sie schon einen Plan.“

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Das russische Fernsehen betitelte sie als Nazi

Fünf Tage später erschien Pajewska in einer russischen Nachrichtensendung, in der ihre Festnahme bekannt gegeben wurde. Auf dem Video wirkt sie benommen und hat blaue Flecken im Gesicht. Während sie eine vorbereitete Erklärung verliest, bezeichnet ein Sprecher sie als Nazi. Im Gefängnis wurden die Häftlinge nach ihren Angaben gezwungen, täglich die russische Nationalhymne zu singen, zwei Mal, drei Mal, manchmal bis zu 30 Mal, wenn den Wärtern ihr Verhalten nicht gefiel. Jetzt hasse sie die Hymne noch mehr, erzählt sie mit einem Anflug von trotzigem Humor: „Ich fand es gut, weil ich schon immer singen lernen wollte – dann hatte ich plötzlich Zeit und einen Grund zu üben. Und es stellte sich heraus, dass ich singen kann.“

Nach endlosen Wochen, deren Monotonie nur durch ungesalzenen Brei mit Speck, Instant-Kartoffelbrei, Kohlsuppe und einigen Fischdosen unterbrochen wurde, fand sich Pajewska in einer Zelle mit 21 anderen Frauen, zehn Kinderbetten und sehr wenig Ausstattung wieder. Sie saßen in einem Hochsicherheitsgefängnis - ohne Prozess oder Verurteilung.

Wir wurden sehr hart behandelt, sehr rau... Wir waren alle am Ende unserer Kräfte.“

Julija Pajewska über die Gefangenschaft

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Sie hätten keine Informationen über ihre Familien bekommen, keine Zahnbürsten, kaum Gelegenheiten zum Waschen, erzählt sie. Bald bekam sie gesundheitliche Probleme: „Ich bin keine 20 mehr, und dieser Körper verträgt nicht mehr so viel wie früher“, sagt sie nachdenklich. „Wir wurden sehr hart behandelt, sehr rau... Wir waren alle am Ende unserer Kräfte.“ Genaueres möchte sie jedoch nicht erzählen.

Pajewskas Ehemann sorgt sich: „Vielleicht wird es langfristige Folgen geben“

Pajewskas Erlebnisse decken sich mit Berichten über wiederholte Verstöße Russlands gegen das humanitäre Völkerrecht bei der Behandlung von inhaftierten Zivilisten und Kriegsgefangenen, wie Oleksandra Matwijtschuk vom ukrainischen Zentrum für Bürgerrechte sagt.

Nach Einschätzung ihres Ehemannes Wadim Pusanow hat sich Pajewska trotz ihrer dreimonatigen Gefangenschaft im Wesentlichen nicht verändert. Sie erzähle offen von dem, was sie durchgemacht habe. „Vielleicht wird es langfristige Folgen geben, aber sie ist voller Pläne“, sagt er. „Sie schaut nach vorne.“ Auf die Frage, ob sie in der Gefangenschaft Angst vor dem Tod gehabt habe, entgegnet sie, dass auch die Wärter ihr diese Frage oft gestellt hätten: „Ich sagte nein, weil ich mit Gott im Reinen bin“, habe sie geantwortet. „Aber ihr kommt definitiv in die Hölle.“

RND/AP

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